Drogenpolitik Zwangskorsett Abstinenz

Ein Hanf-Aktivist führt einen Cannabis-Verdampfer vor: In den USA sind die Geräte bereits weit verbreitet.

(Foto: AFP)

Suchthilfe kennt in Deutschland nur ein Ziel: weg von den Drogen, für immer. Im Ausland diskutiert man über Mittel zur Schadensbegrenzung: Medikamente gegen Überdosen, die E-Zigarette oder neuerdings die E-Tüte.

Von Berit Uhlmann und Christoph Behrens

Der Joint fühlte sich fürchterlich in Rachen und Lunge an. So richtig klappte es nicht mit Whoopi Goldberg und dem Gras. Doch dann erhielt sie "Sippy": "Ich nahm einen Zug. Seither sind wir unzertrennlich." Sippy ist eine Art elektronische Tüte. Sie verdampft Cannabis, mit dem die Schauspielerin ihre chronischen Schmerzen bekämpft. Mit dem Gerät steht Goldberg nicht allein da. Die Cannabis-Verdampfer sind vor allem in den USA weit verbreitet, wo mehr als 20 Bundesstaaten Marihuana zumindest teilweise legalisiert oder entkriminalisiert haben.

Nun beginnen Experten zu diskutieren, ob das Gras-Equipment vielleicht ganz nützlich ist. Ärzte und Gesundheitswissenschaftler können sich durchaus Vorteile vorstellen. Die Geräte verdampfen die Cannabis-Inhaltstoffe THC oder Cannabidiol. Damit entfallen Teer, Kohlenmonoxid, Ammoniak und andere Giftstoffe, die beim Verbrennen des Hanfs entstehen. Auch Tabak, mit dem viele Konsumenten den Joint strecken, wird überflüssig. Die Krebsgefahr könnte somit gesenkt werden.

Auf der anderen Seite gibt es die Befürchtung, dass Konsumenten "weniger schädlich" mit "harmlos" gleichsetzen und somit schon in jüngerem Alter oder auch häufiger zum Cannabis greifen. Damit würden die größten Gesundheitsrisiken zunehmen: Abhängigkeit und Unfälle, die Konsumenten zustoßen, wenn sie high sind.

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Pragmatische Hilfe statt völliger Abstinenz

Noch fehlen Untersuchungen, um abzuschätzen, welches Potenzial im Cannabis-Dampfen steckt. Doch die neuen Geräte rütteln einmal mehr am Grundsatz der deutschen Drogenpolitik: Er heißt bedingungslose Abstinenz.

"Ein schönes Ziel, wenn es von den Konsumenten gewollt wird", kommentiert der Frankfurter Suchtforscher Heiko Stöver im Alternativen Drogenbericht. Für viele Abhängige aber sei das deutsche Abstinenz-Paradigma ein "Zwangskorsett". Es negiert, was in etlichen anderen Ländern bereits praktiziert, zumindest aber diskutiert wird: Hilfen für jene, die es nicht schaffen, ihrer Sucht komplett zu entsagen, aber dennoch die Schäden an ihrer Gesundheit so weit wie möglich reduzieren wollen.

Auf diesen pragmatischen Ansatz können in Deutschland allenfalls Heroinsüchtige hoffen. Mit Glück bekommen sie Methadon, saubere Spritzen und einen geschützten Raum für die Injektionen. Dass mehr Hilfe möglich ist, zeigen beispielsweise die USA und Großbritannien. In diesem Ländern wird das Medikament Naloxon in der Drogenszene verteilt. Angehörige, Freunde, Sozialarbeiter oder Polizisten können es einem Süchtigen bei Heroin-Überdosierungen verabreichen und so den Drogentod verhindern. In Deutschland wird über diese Möglichkeit nicht einmal gesprochen.

Auch das reduzierte Trinken, in internationalen Leitlinien seit Jahren als ein mögliches Ziel der Alkoholtherapie empfohlen, hat in Deutschland einen schweren Stand. Zwar räumt seit diesem Jahr auch die deutsche Leitlinie ein, dass Alkoholiker davon profitieren könnten, weniger zu trinken. Doch weite Teile der Suchthilfe lehnen das Konzept pauschal ab.

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