Corona-Pandemie:Zahnarztpraxen mit Impfproblem

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Zahnarzt

90 Prozent aller Zahnarztpraxen haben angekündigt, sie würden bei Einführung der Impfplicht Mitte März "Probleme" bekommen.

(Foto: dpa)

Bayerns Zahnärzte wenden sich gegen eine einrichtungsbezogene Impfpflicht für sich und ihr Praxispersonal - und argumentieren dabei mit erstaunlich niedrigen Impfquoten.

Von Matthias Köpf, München

"Unser Team ist bereits geimpft", versichert eine bayerische Zahnarztpraxis auf ihrer Homepage, "das gesamte Praxisteam ist vollständig geimpft" beteuert eine andere. Eine dritte verweist auf eine durchgängige Dreifachimpfung des kompletten Personals und eine vierte testet zusätzlich noch "regelmäßig alle Mitarbeiter". Viele Zahnärzte im Freistaat haben den Hinweis auf die Corona-Impfung längst auch als Marketing-Instrument entdeckt, und manche verabreichen neuerdings auch selber solche Impfungen. Doch eine Pflicht zur Impfung für die Zahnärzte selbst oder ihr Personal gibt es zumindest bis Mitte März noch nicht. Glaubt man der jüngsten Impfstatistik aus einer Mitgliederumfrage der Zahnärztekammern, dann wäre bis dahin auch noch ziemlich viel zu tun. Und vielen Patienten könnte angst und bange werden.

Denn die eigenen Impfquoten, mit denen die Standesorganisationen der Zahnärzte gerade gegen die einrichtungsbezogene Impfpflicht argumentieren, weisen jedenfalls nicht auf komplett immunisierte Praxisteams hin. Diese Zahlen hat beispielsweise der Zahnärztliche Bezirksverband Oberbayern in seinem aktuellen Mitteilungsblatt an die Mitglieder für Februar 2022 veröffentlicht. Demnach haben 90 Prozent aller Praxen angekündigt, sie würden bei Einführung der Impfplicht Mitte März "Probleme" bekommen. Immerhin 17 Prozent der Praxisinhaber werden zum Stichtag 16. März nämlich selbst nicht vollständig geimpft sein. Mehr als die Hälfte aller Praxen beschäftigt ungeimpfte oder bestenfalls unvollständig immunisierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - und bei einem satten Viertel sind demnach sogar über 90 Prozent des gesamten Teams nicht geimpft und dürften von 16. März an nicht mehr arbeiten.

Der Umgang mit der Impfquote ist schwierig

Genau aus diesem Grund wenden sich neben vielen Heimbetreibern, Klinikgesellschaften und Pflegeverbänden auch die Kassenzahnärztliche Vereinigung Bayerns (KZVB) und die Bayerische Landeszahnärztekammer (BLZK) gegen eine einrichtungsbezogene Impfpflicht, wie sie von 16. März an in ganz Deutschland gelten soll. Denn dann werde man vom ohnehin sehr knappen Personal einen erheblichen Anteil an ungeimpften Mitarbeitern verlieren und den eigenen Versorgungsauftrag kaum mehr erfüllen können, heißt es sinngemäß von beiden Organisationen. Bei einer allgemeinen Impfpflicht dagegen treffe es wenigstens nicht nur eine einzelne Berufsgruppe - und das impfkritische Personal könne dann kaum in andere Branchen ohne Impfpflicht abwandern.

Der KZVB und der BLZK sind die niedrigen Impfquoten aus der Umfrage bekannt, doch der Umgang damit ist schwierig. Denn einerseits benutzen die Kammern die Zahlen selbst als Argument gegen die einrichtungsbezogene Impfpflicht. Andererseits aber will zum Beispiel Leo Hofmeier, der bei KZVB für die Kontakte zur Öffentlichkeit und in die Politik zuständig ist, nicht den Eindruck erwecken, Patienten setzten sich wegen der vielen Ungeimpften in den Zahnarztpraxen womöglich einem erhöhten Ansteckungsrisiko aus. Ganz im Gegenteil, sagt Hofmeier, es sei aus der gesamten Pandemie kein einziger Fall dokumentiert, in dem sich ein Patient beim Zahnarzt mit Corona infiziert habe - der Hygiene und den FFP2-Masken sei dank, die auch bei Impfdurchbrüchen oder bei symptomlosen Infizierten eine Ansteckung gut verhindern könnten.

Überzeugte Impfgegner sind oft gut vernetzt

Zudem beruhen die mageren Impfquoten in den Praxen auf einer selbstgestrickten Umfrage einiger Kammer-Funktionäre bei allen Mitgliedern im Land. Doch von den insgesamt rund 16 000 Zahnärzten in allen 8000 Praxen in Bayern hätten gerade einmal 400 geantwortet, rechnet Hofmeier vor - und wahrscheinlich meldeten sich auch da vor allem diejenigen, bei denen die Probleme oder die Wut besonders groß sind. Wie hoch die Impfquote in Bayerns Zahnarztpraxen wirklich ist, weiß mangels Register niemand mit Sicherheit, und Hofmeier mag dazu öffentlich auch keine Schätzung abgeben. Die Nachfrage nach den speziellen Impfterminen für Zahnärzte, die anfangs über die Kammern organisiert wurden, sei aber riesig gewesen.

Gleichwohl spalte das Thema Impfen auch die Zahnärzteschaft und belaste manchmal auch das Verhältnis zu den Patienten, berichtet Hofmeier. Speziell überzeugte Impfgegner seien oft gut vernetzt und wüssten genau Bescheid über ihr Recht, eine Schmerzbehandlung zu bekommen, ohne dass man von ihnen eine Impfung oder auch nur einen Test verlangen dürfe. "Manche provozieren das förmlich", sagt Hofmeier. Zugleich muss bisher auch ein Zahnarzt nicht jedem Patienten über seinen Impfstatus Auskunft geben. Am Ende finden wohl die passenden Ärzte und Patienten zueinander - meist auch ohne Hinweis auf ein vollständig ungeimpftes Team.

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