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Fotografie:15 Millionen Momente für die Ewigkeit

VOE Paul Breitner Fussballspieler

Paul Breitner sorgte 1974 für Wirbel, als er sich als 22-jähriger Profi des FC Bayern vor einem Poster mit Che Guevara und Mao Zedong fotografieren ließ, in seinem Arbeitszimmer, mit seinen Büchern zur Weltmeisterschaft 1974.

(Foto: Peter Thomann/Stern)

Das Hamburger Magazin "Stern" schenkt der Bayerischen Staatsbibliothek sein analoges Bildarchiv. Für das Institut bedeutet das einen enormen Zuwachs - und einen Paradigmenwechsel.

Holger Meins war tot, die RAF mordete weiter, und Rudi Dutschke rief, während er mit erhobener Faust an Meins offenem Grab stand: "Holger, der Kampf geht weiter!" Ein Moment, der viel aussagt über die gesellschaftlichen Umbrüche in der von der terroristischen Rote Armee Fraktion erschütterten Bundesrepublik der Siebzigerjahre. Ein Moment für die Ewigkeit. Festgehalten hat ihn der Stern-Fotograf Jürgen Gebhardt.

45 Jahre später kommt dieses Stück Zeitgeschichte nun von Hamburg nach München. Denn der Stern, der einst neben dem Spiegel das wichtigste Nachrichtenmagazin Deutschlands war, hat sein analoges Fotoarchiv der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB) geschenkt. 15 Millionen Negative, Dias und Papierabzüge aus der Zeit zwischen 1948 und 2001. Sie füllen 2200 Leitzordner auf 181 Regalmetern Länge. In der BSB werden die Bilder nach und nach digitalisiert und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.

"Das ist ein Rockzipfel der Geschichte"

Bei der Übergabe freuten sich einige der früheren Stern-Fotografen, die angereist waren, dass dieses Stück Zeitgeschichte nun nicht "irgendwo in einem Lagerhaus im Hamburger Hafen verschwindet", wie der Fotograf Peter Thomann sagte. Und Bayerns Kunstminister Bernd Sibler betonte: Dass der Stern sein analoges Bildarchiv an die Bayerische Staatsbibliothek gegeben habe, sei "ein großes Zeichen des Vertrauens". Aber man wisse, dass die Sachen hier "gut kuratiert, gut bewahrt und gut zugänglich gemacht" würden. "Das ist ein Rockzipfel der Geschichte, den wir zu greifen bekommen", freute sich Sibler.

Alles fing an mit einer Tagung zu Bildarchiven. Dabei erfuhr Cornelia Jahn, die Leiterin der Abteilung für Karten und Bilder bei der BSB, dass der Stern sein analoges Fotoarchiv aufgeben wollte. Mit ihrer Begeisterung für diesen "ungehobenen Schatz bundesrepublikanischer Zeitgeschichte", steckte sie Klaus Ceynowa, Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek, an. So kam die Sache ins Rollen. Und bald schon rollte die Ladung auf acht Lkws quer durch die Republik.

Bis es so weit war, hatte die Bayerische Staatsbibliothek einige Konkurrenz abzuwehren, wie Cornelia Jahn verrät. Der Stern selbst hatte anfangs zudem Gespräche mit dem Hamburger Kultursenator geführt. "Wir wissen um den kulturellen Wert dieses Archivs", betont Frank Thomsen, Mitglied der Stern-Chefredaktion. Und natürlich sei es nahegelegen, das Bildarchiv der Hansestadt zu übergeben. Aber in Hamburg hätte keine Institution mit den Möglichkeiten der BSB in Sachen Digitalisierung mithalten können. So entschied der Stern sich für München - und hier geht nun ein ganz neuer Stern auf.

Bayerische Staatsbibliothek, Muenchen

Die Schenkung des Sterns füllt 181 Regalmeter mit Negativen, Dias und Papierabzügen.

(Foto: Bayerische Staatsbibliothek, Mue)

Mit der Übergabe steigt der Bildbestand der Staatsbibliothek, der bisher 2,3 Millionen Bilder umfasste, um das siebenfache. Aber es ist nicht nur die Quantität. Alle Beteiligten rühmen das Stern-Bildarchiv. Hier sei "die Geschichte der Bundesrepublik und der Lauf der Welt abgebildet". Bedenkt man, dass viele große Fotografen der Bundesrepublik für das Hamburger Magazin gearbeitet haben, scheint das nicht zu hoch gegriffen. "Das ist ein Kulturschatz, der bisher ungehoben ist", so Thomsen. Bilder seien einerseits "emotionale Erinnerung". Aber in der heutigen Zeit sei es auch um so wichtiger, "dass die abgebildete Wahrheit sichtbar bleibt".

22 Fotografen, die rund um die Welt reisten

Der Fotograf Peter Thomann erzählte anlässlich der Übergabe von den goldenen Zeiten des Fotojournalismus. "Wir gehörten zu den letzten festangestellten Fotografen, und wir hatten einen Traumjob", schwärmte er. 22 festangestellte Fotografen hatte der Stern damals - ein heute geradezu astronomisch wirkende Zahl. "Man konnte selbst Themen vorschlagen, Zeit und Geld spielten keine Rolle", so Thomann. Er selbst reiste beispielsweise für eine Reportage zum Jahrestag der Deutschen Einheit rund um die Welt den versteigerten Mauerstücken hinterher.

Auch andere Fotografen, die nach München gekommen waren, wussten Geschichten rund um die Geschichte der Bilder zu erzählen. Der frühere Kanzler Willy Brandt beispielsweise war immer für einen guten Witz zu haben. Dieser Vorliebe verdankte der Stern-Fotograf Jay Ullal eine ungewöhnliche Bildstrecke. Während einer Reise in die USA fragte ihn Brandt, ob er nicht einige indische Witze in petto hätte. Der in Indien geborene Ullal hatte. Mit den Worten "dann müssen Sie aber früh aufstehen", sagte Brandt zu, Ullal am nächsten Morgen zur Verfügung zu stehen. So konnte Ullal den Kanzler dabei fotografieren, wie der sich - ganz altmodisch - vor dem Spiegel nass rasierte und zurechtmachte. Und Jürgen Gebhardt erinnert sich, wie er 1988 mit der Kamera den Trauerzug von Franz Josef Strauß in München begleitete und - weil es immer später und immer dunkler wurde - bangte, ob er noch ein gutes Foto in den Kasten bekommen würde.

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Viele gute Fotos sind im Laufe der Jahrzehnte für den Stern entstanden und sind nun nach München gekommen. Noch sind zwar nicht alle Rechte geklärt, aber mit mehr als der Hälfte der Fotografen sind Vereinbarungen getroffen. So kann die BSB das Archiv auch im Internet anzeigen, was ein riesen Gewinn ist, wenn man das vergleicht mit den Online-Sammlungen der Museen, wo anstelle der zeitgenössischen Kunst oft nur Platzhalter zu sehen sind.

Bei der Digitalisierung des Stern-Bildarchivs wird die BSB ihre bisherigen wissenschaftlichen Standards aufgeben und neue Wege gehen müssen. Aber das Archiv ist mit allen wichtigen Schlagworten versehen und gut katalogisiert. Diese Metadaten können übernommen werden. Trotzdem werden für diese Mammutaufgabe Jahre nötig sein. Und für die Bayerische Staatsbibliothek ist es in jedem Fall ein Paradigmenwechsel: vom Text zum Bild. Das passt zu der heutigen Zeit.

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