Fotografie "Ein Leben einzutauschen gegen Zeit"

Alte Fotos, neue Bilder und sehr viel Projektionen: Eine Münchner Ausstellung zur DDR, 30 Jahre nach dem Mauerfall.

Von Alex Rühle

Bilder von 1982, Kommentare von heute: Filmstill mit Selbstbildnis aus Tina Baras Installation "Lange Weile" von 2016.

(Foto: Tina Bara/Villa Stuck)

Der Rostocker Mediziner Alfred Kleistner hatte jahrelang auf diesen Tag hintrainiert. Sommers wie winters war er lange Strecken an der Ostseeküste entlanggeschwommen, in Warnemünde nannte man den Einzelgänger schon "die Seerobbe". Am 25. Juli 1976 schwamm er dann aufs offene Meer raus und erreichte nach 24 Stunden und 50 Kilometern die westdeutsche Insel Fehmarn. Natürlich erregte seine Flucht im Westen großes Aufsehen.

Kleistner fand in Lübeck Arbeit bei einem Unternehmen für Navigationsgeräte, in dem er sich so weit hocharbeitete, dass er die Firma 1987 kaufen konnte - die dann aber Mitte der Neunzigerjahre pleiteging. 1999 brachte Kleistner sich um, er ist unweit der Stelle ins Wasser gegangen, von der aus er einst in sein zweites Leben geflohen war.

Interessanterweise machte Kleistner in den Siebzigerjahren Schwarz-Weiß-Fotos von der Ostsee, den Stränden, der offenen See, versehen mit kurzen Notizen zum Wetter. Zwei Tage vor seiner Flucht schrieb er auf die letzte Aufnahme: "Ein Leben einzutauschen gegen Zeit, 23. Juli 76". In den Neunzigerjahren nahm er das Fotografieren dann wieder auf, dieselben Orte an der Ostsee. Strände, Dünen, Unterholz, diesmal in Farbe. Der weite, leere Horizont, das spiegelglatte Wasser - als suche da einer Spuren von etwas, das längst verschwunden ist.

Alfred Kleistner hat es nie gegeben. "Kleistners Archiv" ist eine Arbeit des Künstlers Sven Johne, der 1976, dem Jahr, in dem Kleistner hoffte, sein Leben gegen neue Zeit eintauschen zu können, in Rostock geboren wurde. Die 240 Ostseefotos, die neben Kleistners fiktivem Lebenslauf hängen, hat alle Johne selbst aufgenommen, im Jahr 2006. Sein Kleistner ist eine aus vielen Fluchtgeschichten destillierte Figur, schließlich haben tatsächlich über 5000 Menschen versucht, schwimmend, auf Booten und Luftmatratzen die DDR über die Ostsee zu verlassen. Mindestens 174 sind dabei gestorben.

Sven Johne: Bild aus "Kleistners Archiv" (Ausschnitt).

(Foto: Sven Johne/Villa Suck/VG Bild-Kunst, Bonn 2019)

"Kleistners Archiv" steht am Eingang der neuen Ausstellung in der Villa Stuck. Fast wie eine Warnung. Wie sehr kann man den Bildern trauen, die man im Folgenden zu sehen bekommen wird? Wo kommen die überhaupt alle her? Was muss man wissen, um Fotografien lesen zu können? Schließlich trägt diese Ausstellung die große Distanz schon im Titel: "Von Ferne - Bilder zur DDR".

"Das Murmeltier kommt alle fünf Jahre", schreibt die Berliner Schriftstellerin Annett Gröschner im Ausstellungskatalog, und es kommt dann jedes Mal zu ihr mit der Bitte, "für eine Anthologie, einen Artikel, einen Fernsehbeitrag doch mal so ganz persönlich zu erzählen, wie glücklich man am Tag des Mauerfalls war und wie denn das Leben in der DDR so vonstattenging". Gröschner selbst bat 1994 für eine Ausstellung über das Kriegsende einen ehemaligen kommunistischen Widerstandskämpfer, ihr seine Geschichte zu erzählen. "Er lehnte dies mit der Begründung ab, er könne das nicht, denn er habe das Gefühl, seine Geschichte stimme nicht mehr, er habe sie glatt erzählt, sie sei wie ein Stein, der lange in fließendem Wasser lag."

Im Grunde ist genau diese Skepsis das zentrale Thema dieser reichhaltigen Ausstellung, dreißig Jahre nach dem Mauerfall, im sechsten Murmeltierzyklus. Was erzählen die Bilder der DDR heute noch? Wie sehen wir sie überhaupt? Welche verborgenen Wissensvorräte kann man vielleicht daraus bergen? Und wie kann man fremde Interpretationen oder Zuschreibungen so überschreiben, dass die Geschichte für einen selbst vielleicht wieder stimmt?

Man kann die ausgestellten Werke in zwei Gruppen einteilen. Da sind diejenigen Künstlerinnen und Künstler, die ihre eigenen Fotos von früher neu sortieren oder kommentieren - und die damit immer auch Lebensbilanz ziehen. Tina Bara zeigt in "Lange Weile" Aufnahmen aus dem Ostberlin der Achtzigerjahre, die Boheme-Alternativ-Punk-Insel, eine Slideshow, aus dem Off von der heute 57-jährigen Bara kommentiert: "Es waren Bilder von etwas, was sich dann im Strudel der Zeit aufzulösen schien. Nicht festzuhalten. Vielleicht war es die Zeit und die lange Weile."

Joerg Waehner wurde 1962 in einer Straße geboren, die es nicht mehr gibt, die in einer Stadt liegt, die es nicht mehr gibt, die in einem Land liegt, das es nicht mehr gibt: Karl-Marx-Stadt heißt heute Chemnitz, die Friedrich-Engels- ist die Fürstenstraße. Seine Arbeit "I was born in Karl-Marx-Stadt" zeigt Sedimente seiner früheren Existenz: Fahrkarten, Pionierausweis, Jugendweihe-Urkunde, Stasi-Unterlagen über ihn, der angeblich mit Amerikanern konspirierte. In Wahrheit hatte er ein Stück von Thomas Wolfe gesehen und dazu einen Essay angefangen mit dem Titel "Ein Amerikaner in Karl-Marx-Stadt".

Den englischen Titel verdankt Waehners Werk seiner ersten Reise nach dem Mauerfall. Als er nach New York kam, stutzte der Immigration Officer, als er den Namen Karl-Marx-Stadt las. Waehner, in dem die Stasi jahrelang eine CIA-Marionette gesehen hatte, wurde nun fast nicht in die USA gelassen, weil er doch sicher immer noch ein Kommunist war - da steht doch Karl Marx im Ausweis! Bilder und Gegenbilder, beide völlig verzerrt.

Neben Waehners Diasammlung hängt ein Werk von Christine Schlegel, die ebenfalls von der Stasi observiert wurde. Schlegel hat die in ihrer spießbürgerlichen Kleinkariertheit oft absurden Überwachungsprotokolle mit eigenen Fotos aus jenen Jahren collagiert, so als seien das Beweise für die Richtigkeit der Stasi-Paranoia. "Es wird vermutet, dass sie keine festen Aufträge hat, da sie tagsüber größtenteils nichtstuend zuhause angetroffen wird", heißt es einmal. Daneben ein Selbstporträt (Hände im Schoß!) und ein Foto der Wohnung (billige Möbel!). Diese Collagen sind eine humorvolle Rückeroberung des eigenen Lebens, Selbstermächtigung im Nachhinein - wobei gleich dreimal ein und derselbe Satz von Durs Günbein durch das Werk geistert: "Worte, mit denen du leben musst, sind nicht komisch."

Und dann könnte man eine zweite Werkgruppe herausdestillieren, indem man all die Künstler zusammenfasst, die fremdes Material neu anschauen: Paul Alexander Stolle zeigt die Fotos, die sein Vater, ein Gewandhausmusiker, auf Konzertreisen quer durch die Welt aufgenommen hat, Fernweh in Kodacolor, immer mit dem Gedanken im Hintergrund, ob man die Reise zur Flucht nutzen sollte. Elisabeth Tonnard hat aus offiziellen Fotos der DDR (Fahnenappelle, Mitarbeitersitzungen, Truppenübungsernst) solche ausgewählt, auf denen jeweils feierlich ein Plan überreicht, gelesen, ausgebreitet wird. All diese Pläne sind auf den Fotos leer, weißer Raum. Worum ging es da? Und was ist noch übrig? Wie konstruiert sich überhaupt ein Gedächtnis? Und was ist erzählbar? "Mit dem Untergang der DDR 1989 fand die Dekonstruktion einer Nationalidentität mitsamt ihren Geschichten und sozialen Codes statt, also eine Destabilisierung eines kulturellen Gedächtnisses", heißt es einmal im Katalog.

Da das meiste Bildmaterial zu den insgesamt 19 Werken aus den Achtzigerjahren stammt, ergibt sich trotz all der Fragmentierungen am Ende doch ein eindrückliches Panorama: Von einem Land in totaler Agonie - in dem gleichzeitig das Leben einfach weiterging, von Tag zu Tag, von Bild zu Bild.

Museum Villa Stuck: Von Ferne. Bilder zur DDR. Bis zum 15. September. Der Katalog kostet 29,80 Euro.