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Kommunalwahl in Fürth:Der Erfolg der Stadt ist ein Problem für den Wahlkampf

Illustration MRB Bayern Fürth Wahlserie

Illustration: SZ, AdobeStock/Instantly

In Fürth zweifelt kaum jemand an der Wiederwahl des SPD-Oberbürgermeisters. Das liegt auch an der engen Allianz zwischen ihm und dem Wirtschaftsreferenten der CSU. Die Grünen sehen das kritisch.

In der Haut von Horst Müller möchte man dieser Tage nicht stecken. Müller hat ja nie einen Hehl daraus gemacht, dass er in den ersten Monaten als zugezogener Wirtschaftsreferent von Fürth im Jahr 1998 am liebsten einen formvollendeten Rückzieher gemacht hätte angesichts der Trostlosigkeit in der Stadt. In Gedanken durchgespielt hatte er es längst: Liebe Fürther, es war ein Versehen, ich möchte mich lieber doch nicht ums wirtschaftliche Gedeihen dieser - zu der Zeit ebenso tristen wie gebeutelten - Stadt kümmern, sorry.

Inzwischen aber würde Müller sich eher die Zunge abbeißen, als schlecht über die Stadt und deren leicht unwirklich anmutende Schubumkehr zu reden. Gemeinsam mit Oberbürgermeister Thomas Jung dürfte Müller als Duo in die Stadtchronik eingehen, das aus einem Ort am Abgrund eine ziemlich begehrte Großstadt gemacht hat.

Warum der OB-Wahlkampf da Untiefen bietet? Ganz einfach: Der Oberbürgermeister von Fürth, der bei den vergangenen Wahlen mit zum Teil irreal anmutenden Ergebnissen gewählt wurde, ist Sozialdemokrat. "Zwischen Jung und mich", sagt Müller, "passt kein Blatt Papier." Was der OB sage, etwa dass eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik die beste Sozialpolitik sei, das unterschreibe er ohne Abstriche. Und das Wahlkampfproblem? Müller ist in der CSU.

Der Referent hat in solchen Zeiten mithin zwei Möglichkeiten. Entweder er frotzelt gegen den OB - dann macht er sich angreifbar, weil lächerlich. In der Stadt wissen sie ja eh alle, wie vorabendprogrammmäßig kitschig sich da zwei gefunden haben, hier der volkstümliche OB, dort sein quicksilbriger Wirtschaftsreferent. Oder Müller tut das, was er auch sonst immer tut: als CSU-Mann den Sozialdemokraten an der Stadtspitze über den Schellenkönig zu loben. Dann weiß Müller natürlich, dass es im Maschinenraum seiner Partei manchem den Magen herumdreht. Immerhin tritt die CSU auch an in Fürth - und zwar offiziell und mit eigenem OB-Kandidaten.

Was also macht Müller? Der CSU-Mann dankt für die Frage und erinnert noch mal an seinen ersten Tag in Fürth, wie gesagt: 1998. In "düsterster Finsternis" habe sich Fürth befunden, ein bundesweites Wirtschaftsranking hatte der Stadt den vorletzten Platz zugeteilt, in den schlimmsten Zeiten - Grundig und Quelle waren dahin - waren fast 15 Prozent aller Fürther arbeitslos. Eine "depressive Stimmung" drückte auf Fürth, "der Eindruck war verheerend", sagt Müller. Inzwischen findet sich die Stadt, je nach Fragestellung, mitunter auf vorderen Plätzen bei entsprechenden Stadtrankings wieder. Und die Arbeitslosenquote liegt unter fünf Prozent. Klar, es gab Hilfe von Land, Bund und nicht zuletzt aus Brüssel, ohne die wär's nicht gegangen. Aber ein bisschen was richtig müssen die Stadtverantwortlichen da wohl schon auch gemacht haben, findet Müller. Und da soll er jetzt den OB angreifen? Albern.

Dietmar Helm, 51, ist der Mann, der es auf sich genommen hat, für die CSU anzutreten gegen Jung. Und das nicht zum ersten Mal. Mit 17,3 Prozent ist er vor sechs Jahren abgeschmiert im ersten Wahlgang, Jung bekam mehr als viermal so viele Stimmen wie er. Helm weiß also, wie arg es wehtun kann, gegen Jung zu kandidieren. Aber gar nicht erst antreten? Komme für ihn nicht infrage. Schon aus "Verpflichtung der Demokratie" gegenüber müsse Bayerns große Partei antreten in einer Großstadt, auch wenn er mit Jung "ein sehr gutes Miteinander" pflege. Der schier schwindelerregende Höhenflug Fürths? Dass OB Jung die Chancen, die sich der Stadt boten, konsequent genutzt hat, "das kann ihm, wer ehrlich ist, nicht aberkennen", sagt Helm. Der ausgebildete Landwirt und Unternehmer hat sich zu Beginn seiner politischen Laufbahn für die Grünen engagiert, schon daran ließe sich erkennen, dass Helm eher kein ganz klassischer CSUler ist. Über den OB und dessen Leistung will er "kein schlechtes Wort verlieren" - immerhin erinnere auch er sich noch an die Zeiten, in der es fast als ehrenrührig galt, nach Fürth zu ziehen. Aber zur Wahrheit gehöre eben auch, findet Helm, dass der Wirtschaftsreferent "ein Segen für die Stadt" sei. Und das ist Müller, der CSU-Mann.

Spätestens an der Stelle könnte es einem nun klebrig werden im Magen, angesichts der süßlichen Ehrbekundungen, die da hin und her gehen in Fürth zwischen CSU und SPD. Ist das noch Wahlkampf oder schon Soap? Und um das alles zu verstehen, mag es nützlich sein, sich auf einen Fußmarsch durch Fürth zu begeben - und zunächst in Erinnerung zu rufen, dass dies die (weltweit wohl ziemlich einzige) Stadt war, die über ihre U-Bahn schimpfte.

Warum? Die Bahn galt als Teufelswerk, das potenzielle Kunden nach Nürnberg lotste. In Fürth blieb Tristesse. "Wir hatten hier mal das Angebot einer größeren Kleinstadt", sagt Müller. Und nun? Kürzlich wurden die Marktbuden an der Fürther Freiheit eröffnet, einen ähnlich attraktiven Markt gibt's weder in Nürnberg noch sonstwo in Nordbayern. Von dort blickt man direkt auf die - einst verteufelte - "Neue Mitte", in deren höchstem Stockwerk eine Bibliothek und, dank Rundblick, ein begehrtes Café eine Heimat gefunden haben. Von dort ist man zu Fuß in fünf Minuten am Ludwig-Erhard-Zentrum samt schmuckem Retrokaffeehaus; von wo aus es wiederum nicht weit ist zur Uferpromenade an der Rednitz, an der es sich lässig Kaffee trinken lässt. Und zum "Kulturforum", dem gelungensten Kulturzentrum in Franken. Wer 18 Jahre nicht in Fürth war, dürfte die Stadt kaum wiedererkennen. Das alles ist entstanden in der Ära Jung/Müller. Nichts wie weg aus Fürth? Das war mal.

Wer sich in diesen Tagen mit Thomas Jung, 58, unterhält, der kommt nicht auf den Gedanken, dass er da mit einem Sozialdemokraten kurz vor einer Wahl spricht. Ja gut, mehr als 80 Prozent, das sei absolut nicht mehr zu schaffen, plaudert er. Wobei Jung das 2008 schon mal erreicht hat und sich anschließend über Post von Hans-Jochen Vogel freuen durfte, der ihm mitteilte, dass er so ein Wahlergebnis eines Genossen in so einer Konstellation in seinen persönlichen Aufzeichnungen seit 1966 nicht finden könne. Bei der Wahl 2014 waren es sieben Prozentpunkte weniger, und inzwischen, sagt Jung, werde es grundsätzlich "brutal schwer" in der Politik, große Mehrheiten hinter sich zu vereinen. Aber dass sich sein Minialmalwunsch erfülle, den Fürthern eine teure Stichwahl zu ersparen, da sei er dann schon sehr optimistisch.

Wie er das bislang gemacht hat als Sozialdemokrat in einem Land, das nicht im Verdacht steht, über Gebühr SPD-affin zu sein? Bürgernah müsse man sein, sagt Jung. Und er kommt dann gleich zur Illustration auf ein Projekt zu sprechen, mit dem er sich erheblichen Widerstand eingehandelt hatte: das Ringen um die Neue Mitte, für das auch ein traditionsreiches Hotel samt Festsaal abgerissen werden musste. "Eloquent und vehement" seien jene gewesen, die ihn dafür bekriegt haben, erzählt Jung. Bei aller Lautstärke des Widerstands hätten dabei aber manche nicht mitbekommen, dass es "nur eine kleine Minderheit" war, deren Einspruch am "Mainstream der Bevölkerung" vollkommen vorbeigegangen sei. Wer heute mit der Schriftsteller-Familie Arenz - drei verschwisterte Autoren - einen Gesprächstermin ausmachen will in Fürth, den bitten sie ins Bibliothekscafé über den Dächern von Fürth. Dorthin also, wo einst jenes Gebäude stand, für das viele Fürther Geistesmenschen gekämpft hatten. Auf so etwas ist Jung stolz.

Was nun wiederum Kamran Salimi, 50, beim besten Willen nicht nachvollziehen kann. Der grüne Stadtrat und OB-Kandidat hat sich als ehrenamtlicher Stadthistoriker einen Namen gemacht, wie Jung den Stadtdiskurs - etwa über den Hotelabriss - abbürste, sei zum Teil mit "demokratischen Gepflogenheiten" kaum noch zu vereinbaren, findet er. Salimi will mehr Bürgerbeteiligung in Fürth und zwar auf möglichst fundierter Basis. Bislang sei es gang und gäbe in Fürth, dass "jemand, der was will, oder ein Problem hat" einfach direkt zum OB gehe. Jung sei stolz darauf. Salimi dagegen hält das für ein erhebliches Problem in Fürth, weil so weder Bevölkerung noch Experten zu einem Zeitpunkt eingebunden würden, an dem noch nicht alles beschlossene Sache sei. Überhaupt, sagt Salimi: "Jung macht keine SPD-Politik. Er macht Wirtschafts- und CSU-Politik." Die CSU wiederum habe kein eigenes Profil, sondern mache "einfach das, was die SPD vorgibt". Sein Ziel? "Die absolute SPD-Mehrheit im Fürther Stadtrat brechen."

© SZ vom 12.03.2020/wean
Bayern Wahlserie Teil 5 Ingolstadt; Illustration: SZ, AdobeStock/Instantly

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