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Wahlkämpfe im Vergleich:Kinderwagendorf versus Rentnermetropole

Wenn die Kinder der Kita in Hurlach auf Ausflug sind, ist die Natur nicht fern.

(Foto: Gemeinde Hurlach)

Die Unterschiede im Kommunalwahl-Kampf in Bayerns ältester und in Bayerns jüngster Gemeinde sind unverkennbar - auch wenn sich nicht alle Klischees bewahrheiten.

Von Florian Fuchs, Hurlach, und Johann Osel, Bad Füssing

Alle fünf Bürgermeisterkandidaten sind für das Podium in den Kursaal gekommen, es ist Wahlkampf in Bad Füssing. Der Moderator, ein urig-gewitzter Redakteur der örtlichen Presse, erklärt den Ablauf. Zuerst wird ein Experte 45 Minuten über die Wirkung des hiesigen Thermalwassers referieren, dann tritt der Trachtenverein auf, ein Hinweis noch auf die Pause: Da könne man "CDs mit den schönsten Operettenmelodien" kaufen, sowie Heizdecken. Ein guter Witz, es dauert jedoch eine Weile, bis sich das vereinzelte Schmunzeln im Saal verbreitert, bis alle die Pointe erkennen. Denn völlig abwegig wäre das Programm gar nicht - im meistbesuchten Kurort Europas, der laut Einwohnerstatistik zugleich älteste Gemeinde Bayerns ist. Mehr Hunde als Kinder seien behördlich gemeldet, hört man zum Spaß.

Kinder zählt dagegen Hurlach im Kreis Landsberg am Lech, gut drei Autostunden entfernt, überdurchschnittlich viele. Auch hier wird Wahlkampf gemacht, der CSU-Stand am genossenschaftlichen Dorfladen ist am Samstagmorgen der ideale Ort dafür. "Da kommt das ganze Dorf", hatte der einzige Bürgermeisterkandidat Andreas Glatz angekündigt - und das Dorf kommt. Oft sind Kinder dabei, wenn die Leute ihre Semmeln holen, überwiegend die Papas. Flyer bietet die CSU auf, am besten gehen aber Luftballons und Gummibärchen weg. Die kleinen künftigen Wähler, die vermutlich erst bei der Kommunalwahl in zwölf Jahren an die Urne dürfen, sind dankbare Abnehmer dafür in Hurlach - der jüngsten Gemeinde im Freistaat.

Keine Wahl ist so bürgernah wie die von Stadt- und Gemeinderäten. Kommunalpolitik soll für alle da sein. Doch was ist, wenn die Bevölkerungsstruktur besonders ist? Bad Füssing und Hurlach sind laut Statistischem Landesamt beim Durchschnittsalter die Pole: 38,4 Jahre beträgt es in der oberbayerischen Gemeinde, der niederbayerische Kurort hat mit 53 Jahren den höchsten Wert. Kinderwagendorf hier, Rentnermetropole da.

Wobei sich beide Gemeinden nicht in die Schublade stecken lassen wollen. Trotz Freude über den Zuzug junger Familien betont Kandidat Glatz in Hurlach: "Wir wollen nicht nur ein Ort für junge Leute sein. Es sollen schon alle Generationen zufrieden sein bei uns." Und Bad Füssings zweiter Bürgermeister und CSU-Kandidat Günter Köck erklärt: Menschen jeden Alters seien gerne gesehen, das Aufrechnen von Gruppen halte er für "bedenklich"; für die Zukunft müsse man eine "gesunde Mischung hinkriegen". Es gehe auch um die Leistungsfähigkeit als Kommune - dass zum Beispiel irgendwann niemand mehr für die Freiwillige Feuerwehr bereitstehe.

Wer mit Klischees im Sinn die Füssinger Debatte besucht, muss das ein wenig korrigieren. Keineswegs rollen Heerscharen an Rollatoren zum Kurhaus; allerdings sind Jugendliche und junge Erwachsene rar unter den Besuchern. 2015 hatte eine Studie prognostiziert, dass Bad Füssing 2030 die älteste Kommune bundesweit sein wird, dann ist die Hälfte der Bürger älter als 63. Im Rathaus haben sie sich geärgert, als damals Journalisten nachfragten zum "traurigen Rekord". Denn die Zahl lässt an Orte mit Verödung denken, was Bad Füssing nicht ist: Vielmehr ist das Rentnerparadies ein Prinzip, von dem man gut lebt, man ergraut in Würde in der 7000-Einwohner-Gemeinde mit drei Thermen und 2,4 Millionen Übernachtungen im Jahr. Die Gäste zählen nicht zur Einwohnerstatistik, aber weil es vielen gefällt, ziehen sie am Lebensabend her. Die Infrastruktur lockt an: Heilwasser, Natur und flache Wege, kulturelle Veranstaltungen in Fülle, um die 200 Arzt- und Physiopraxen. Der Ort wächst durch Zuzug, auch wenn die Zahl der Sterbefälle die der Geburten um ein Vielfaches übersteigt. Der Hauptort - wie aus der Retorte entstanden, als man einst Heilwasser fand - verströmt gnadenlose Gemächlichkeit, die Bewegung der Kugel beim Roulette in der Spielbank ist wohl eine der schnellsten. Familien und Kinder leben eher in den dörflichen Ortsteilen außerhalb.

Andreas Glatz (CSU) kandidiert in Hurlach als Bürgermeister.

(Foto: Privat)

Alle fünf Kandidaten - der Amtsinhaber hört auf - kennen und schätzen sich aus dem Gemeinderat. Harmoniewahlkampf. Es geht vor allem um den Tourismus, was sonst? Trotz der guten Zahlen merkt man, dass Kuren nicht mehr üppig verschrieben werden, sondern man um Wellnesskunden und Selbstzahler buhlen muss. Ist ein Wassererlebniszentrum ein Impuls? Soll man statt des Kurdirektors einen Tourismusmanager etablieren? Darum geht es. Kaum ein Thema: Familien. Hurtig zur Sprache kommt ein Jugendtreff, der fehle. Eine Kandidatin sagt, es gebe nichts abseits der Vereine. Ein Ersatzjugendtreff für Freunde ihrer Söhne sei früher bei ihr daheim im Keller gewesen. Eine Debatte dazu bleibt aus, derlei Themen treiben offensichtlich auch die Bürger nur wenig um.

Nachfrage bei Tobias Kurz, Kandidat einer Wählergemeinschaft und Jugendbeauftragter. Er sagt, es wurde schon etwas getan. Ein Punktesystem zur Vergabe von Bauland etwa fördert Familien, auf dem Mietmarkt aber dominieren barrierefreie Appartements für Senioren. Kurz hat auch einen "Jugendatlas" mit Freizeitangeboten erstellt, um "sichtbar zu machen, dass wir nicht nur für alte Leute da sind". Den Trend dürfte das kaum durchbrechen. Jeder der Kandidaten weiß wohl um die Brisanz des Themas - wer auch gewählt wird.

Herbst in Bayern

In Bad Füssing erfreuen sich Bewohner an den Parkanlagen und der Gegend mit flachen Wegen - für Senioren ein erheblicher Standortvorteil.

(Foto: Armin Weigel / dpa)

Die Chancen von Andreas Glatz in Hurlach stehen nicht schlecht, einen Gegenkandidaten hat er nicht. Die Kollegen von der Dorfgemeinschaft Hurlach haben auf einen Bewerber verzichtet, der politische Austausch im Gemeinderat verläuft fair: Sechs CSUler, sechs von der Dorfgemeinschaft sitzen bisher drin. Beim Wahlkampf in der Dorfmitte sieht man, was die Gemeinde mit ihren gerade mal 1912 Einwohnern alles aufbietet: Metzgerwirt, Kindertagesstätte, Haus der Landjugend, ein Café, das bis ein Uhr nachts offen hat. Das alte Fuggerschloss thront auf dem Hügel und schräg gegenüber vom Dorfladen steht das Haus der Begegnung, erst 2019 eröffnet. "Hier tut sich was", sagt ein Hurlacher, der aus dem Laden tritt. Zwei Kinder hat er, drei und sechs Jahre alt. "Die Kinder können im Neubaugebiet auf der Straße spielen, es ist schön ruhig und trotzdem was los im Ort." Vorausgedacht haben sie in Hurlach schon 2011, als sie die Kita erweitert haben, obwohl der gesetzliche Anspruch auf einen Platz erst später eingeführt wurde. Jetzt planen sie den Ausbau.

Wilhelm Böhm, seit 2002 Bürgermeister, hätten sie schon wieder gewählt in Hurlach, da hat kaum einer Zweifel. Dass das hier das "Tal der Glückseligen ist", wie sie im und vor dem Dorfladen sagen, hat auch mit Böhm zu tun, der die Infrastruktur stetig ausgebaut hat. Welches Dorf hat schon eine Bücherei mit 4000 Medien, vor allem für Kinder? Welche so kleine Gemeinde hat ein Wirtshaus und ein Café bis in die Nacht? Und welches Dorf hat die Kapazitäten, Neubaugebiete auszuweisen, um auch die jungen Leute im Ort zu halten, aber die Infrastruktur damit nicht zu überfordern? Böhm freut sich über den inoffiziellen Titel "Jüngster Ort in Bayern". Und die Pille zu verbieten, wie er scherzt, war dafür gar nicht nötig. "Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, steigt die Geburtenrate von selbst", ergänzt Kandidat Andreas Glatz.

Günter Köck (CSU) möchte in Bad Füssing Bürgermeister werden.

(Foto: Privat)

Da hat er recht, deshalb wird er sich als Bürgermeister nach der Wahl auch anstrengen müssen: Das Landesamt für Statistik hat vorausberechnet, dass im Jahr 2031 Poing im Kreis Ebersberg die jüngste Gemeinde Bayerns sein wird. Aber einseitig will man in Hurlach ohnehin nicht dastehen. "Planung einer Seniorenwohnanlage", das verheißt ein Plakat der CSU. Weil es ja selbst hier natürlich nicht nur junge Menschen gibt, haben die Senioren im Haus der Begegnung schon einen Raum zum Treffen erhalten - jetzt ist eben eine Wohnanlage dran, damit jeder zufrieden ist.

Letztlich ist alles aber eine Sache der Wahrnehmung. In Bad Füssing dürfen am Ende die Bürger fragen, ein älterer Herr humpelt zum Mikro. Mehr Einsatz für Senioren fordert er, konkret: "die Installation eines Seniorenbeauftragten". Einen solchen hat die Gemeinde nämlich gar nicht.

© SZ vom 10.03.2020/vewo
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