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Geschichte:Das Hitler-Double im Cabrio

Eine Szene wie aus dem Satireroman "Er ist wieder da": Das Hitler-Double auf dem Faschingsumzug in Mittelfranken.

(Foto: Privatarchiv Schultheiss)

In Trautskirchen posierte 1952 ein Friseur auf einem Faschingszug als NS-Diktator. Damals kamen solche Auftritte immer wieder vor. Heute wären sie strafbar.

Von Johannes Hirschlach, Trautskirchen

Es ist ein grauer Wintertag in Trautskirchen. Die unbefestigten Straßen des mittelfränkischen Dorfs sind matschig vom Regen. Männer in langen Mänteln und Frauen in Küchenschürzen stehen vor ihren Häusern. Dann kommt er. In einem schmucken Käfer Cabriolet, die Motorhaube dekoriert mit Girlanden, er selbst steht am Beifahrerplatz: Adolf Hitler. Den rechten Arm zum Führergruß erhoben. Er grinst. Die Menschen am Straßenrand grinsen. Es ist 1952.

Die Szene auf der Fotografie wirkt wie ein Auszug aus dem Satireroman "Er ist wieder da". Doch sie hat stattgefunden. Er war offenbar wirklich wieder zurück, nicht nur in einem Buch, sondern im echten Leben. Das zeigen mehrere Fotos. Erst der Blick auf das Umfeld erklärt die Situation: Auf einem Schild steht das Wortspiel "Unser geliebter 4". Im Hintergrund sind Personen in Kostüm zu erkennen, das Cabrio ist Teil eines Umzugs. Der Hitler ist offensichtlich ein Double, eine Faschingsverkleidung.

Aus heutiger Sicht betrachtet, wäre so ein Auftritt kaum vorstellbar. Das mahnen etwa die Skandale um Prinz Harrys Nazi-Kostüm 2005 und den "Panzer" beim Faschingszug 2016 im oberbayerischen Steinkirchen an. In den Fünfzigerjahren war das anders. Die Entnazifizierung verlief nur halbherzig, viele verdrängten die NS-Jahre. Die Bilder eines umjubelten Hitler-Imitators aus der Nachkriegszeit werfen die Frage auf: Was war Deutschlands schlimmster Massenmörder hierbei? Witz oder Sehnsuchtsfigur?

Die unbeschrifteten Fotos stammen aus einem Privatarchiv. Das Nummernschild des Autos auf der Fotografie weist auf den heutigen Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim hin. Ein Fachwerkhaus im Hintergrund führte nach Trautskirchen.

Ein damals junger Zeitzeuge, der anonym bleiben will, erinnert sich, was sich an jenem Februartag zugetragen hat. "Das war schon ein Ereignis", sagt er. Zum ersten Mal nach dem Krieg habe die Gemeinde wieder einen Faschingszug erlebt. Der brachte Spaß und Ablenkung in den tristen Dorfalltag. An dem "Führer"-Auftritt habe sich niemand gestört. Trautskirchens Hitler war in Wirklichkeit Friseur, ein junger Sudetendeutscher, bekannt als unterhaltsamer Bursche. "Der hat sich selbst gestylt und versucht, das lustig zu inszenieren."

Der Mann war mit seiner Idee nicht allein. Sich als Faschings-Faschist zu verkleiden, entwickelte sich nach dem Krieg zum Phänomen. Doch während das Hitler-Comeback in Trautskirchen keinen Anstoß erregte, verlief es in anderen Orten nicht so ruhig. Über einen Münchner Hitler-Darsteller schrieb die Fränkische Landeszeitung 1951 mit verärgertem Unterton, "daß dieser 'Scherz' den stärksten Beifall fand". 1959 geriet das oberbayerische Dachau in die Schlagzeilen, weil dort ein Hitler unter den Augen der Polizei im Mercedes-Cabrio mitsamt Hakenkreuz-Wimpeln durch die Stadt brauste. Ein ehemaliger KZ-Häftling beschwerte sich darüber. Auf viel Verständnis stieß er in Dachau, wo die Nazis kurz nach der Machtübernahme 1933 ihr erstes KZ eröffnet hatten, aber nicht. Einen "denkbar schlechten Dienst" habe er seiner Stadt erwiesen, grummelten die Dachauer Nachrichten.

Im unterfränkischen Röttingen kam es zum Fasching 1950 gar zu einer Beinahe-Tragödie: Zufällig vorbeifahrende US-Soldaten seien mit Maschinenpistolen aus ihrem Auto gestürmt, weil sie einen Mann in Hitler-Verkleidung entdeckt hatten, erinnert sich einer, der dabei war. Der "Führer"-Nachahmer hatte es sich in einem Papppanzer gemütlich gemacht. Das Missverständnis sei rasch geklärt worden, sagt der Zeitzeuge, es sei eine satirische Situation gewesen. Später habe der Röttingen-Hitler vor Hunderten Menschen eine Büttenrede auf dem Marktplatz gehalten.

"Aus heutiger Sicht ist das auf keine Weise in Ordnung", sagt Marcus Leifeld. Der Kölner Historiker hat sich intensiv mit dem Karneval der Nachkriegsjahre auseinandergesetzt. Auch ihm sind dabei immer wieder Hitler-Imitatoren untergekommen. Ob Verherrlichung oder Ulk sei dabei nicht klar gewesen. "Vor dem Hintergrund des Holocausts kann man das nicht akzeptieren", sagt Leifeld. Doch damals seien die Leute unbedarfter gewesen. Ähnlicher Ansicht ist Wolfgang Mück, ein Experte für Franken in der Nazizeit. "Ich glaube nicht, dass das eine kritische Auseinandersetzung mit dem 'Dritten Reich' war", sagt er über den Faschingszug in Trautskirchen. Er sieht die Hitler-Auftritte als Mischung aus Trotzreaktion und Veralberung.

Waren die Ereignisse also schlechter Humor, pointierter Witz oder als Scherz getarntes Wunschdenken? Was bewegte so viele Menschen dazu, sich als mörderischer Diktator mit Zweifingerbart in Szene zu setzen? "Es muss nicht immer ein verherrlichender Gedanke dahinterstehen. Das wäre aus heutiger Sicht logisch, aber nicht psychologisch", sagt Wolfgang Oelsner, der den Karneval aus psychoanalytischer Perspektive erforscht. Für ihn stecken mehrere Gründe hinter der Maskerade. Viele Menschen würden beim Verkleiden etwas nachahmen, das sie fürchten - "und diese Figur ist ja dämonisiert worden". Auch habe die Bevölkerung damals ein Ventil gebraucht, um mit der eigenen Selbstbeschämung umzugehen. Nicht zuletzt könne es ein "Phänomen der Erleichterung" gewesen sein, glaubt Oelsner. "Einige Jahre zuvor stand auf solche Parodien noch die Todesstrafe."

Nach kurzer Zeit war in Deutschland der "Spaß" mit dem Hitler-Kostüm vorbei. Schon vom Ende der Fünfzigerjahre lassen sich kaum noch Fotos mit entsprechenden Verkleidungen finden. Inzwischen schaut auch der Staat genau hin: Wer sich als Hitler verkleidet, riskiere mindestens eine Ordnungswidrigkeit wegen Belästigung der Allgemeinheit, sagt Florian Weinzierl von Staatsanwaltschaft München I. Wer dann noch eines der zahlreichen verfassungsfeindlichen Symbole verwende, darunter Hakenkreuz und Hitlergruß, begehe eine Straftat.

Ob verboten oder nicht, ob Sympathisanten oder Satiriker: Der echte Adolf Hitler wäre von seinen Imitatoren jedenfalls nicht angetan gewesen, vermutet Oelsner: "Tiefer kann man doch nicht fallen: vom 'Führer' der Nation zu einem Typ, der auf dem Dorffasching in einem Papppanzer herumgeführt wird."

© SZ vom 11.11.2020/van/vewo
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