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Coburg:Stoschek zündet die nächste Stufe

Michael Stoschek

Stoschek findet, regionale CSU-Granden hätten ihn nach dem gemeinsamen Schreiben für den Straßenausbau im Regen stehen lassen.

(Foto: David Ebener/dpa)

Der Unternehmer begründet seinen CSU-Austritt auch mit der Zögerlichkeit der Partei bei der NS-Aufarbeitung der Stadt Coburg. Die Stadtratsdebatte dazu ist bereits fünf Jahre her.

Von Olaf Przybilla, Coburg

Für den dritten Auftritt der Stoschek-Family im "ZDF Magazin Royal" hat Jan Böhmermann eigens einen Jingle produzieren lassen, der für jene, die sich um den Ruf der Stadt Coburg sorgen mögen, nichts Gutes ahnen lässt. Könnte jener Jingle doch darauf hindeuten, dass die Storys um die - wie Böhmermann formuliert - "liebe liebe sehr reiche reiche Familie Stoschek" der TV-Satire künftig als Dauerrubrik dienen. "Völker der Welt - schaut auf Franken" ist deren wohl nicht maximal ehrenhaft gemeintes Motto. Die Stoscheks also als Soap - andere Bosse würden da einen Selbstversuch im Schweigeseminar jeder weiteren PR-Volte vorziehen. Nicht so Michael Stoschek.

Zwei Wochen sind vergangen, seit Böhmermann per Jingle fragen ließ: "Was gibt es Neues von der Familie Stoschek und der Brose Fahrzeugteile AG und ihrem Versuch, sich die Stadt Coburg anzueignen und zu unterwerfen?" - da zündet Stoschek erst richtig auf. Dieser Tage flatterte Coburger Würdenträgern ein Schreiben auf den Tisch, in dem Stoschek, der sich als "Vorsitzender des Verwaltungsrates" des Weltkonzerns Brose zu erkennen gibt, auf "bedauerliche Ereignisse" hinzuweisen sich die Ehre gibt.

Er beginnt mit einem Rekurs: Man habe doch ein gemeinsames Schreiben an den Ministerpräsidenten verfasst, die Abstimmung sei "relativ langwierig gewesen". Was exakt in besagter Coburger Bulle an Markus Söder stand, darf hier hintangestellt bleiben, jedenfalls sei - merkt Stoschek an - nun eine Debatte über den Ausbau der Bundesstraße 4 entbrannt. Den fände Stoschek hilfreich, worauf Brose in einer um Bemäntelung nicht maximal bemühten Weise öffentlich hingewiesen hat: Ob Firmenerweiterungen - es soll um eine Investition um 130 Millionen Euro gehen - "unter den schwierigen Bedingungen" in Coburg oder auf einem "von der Stadt Bamberg perfekt vorbereiteten Baugrundstück" umgesetzt würden, hänge allein von der Stadt Coburg ab. Die will nicht, dass die Straße verbreitert wird. Eigentlich.

Jedenfalls ist wieder mal die Debatte entbrannt, inwieweit sich Coburg unter Druck setzen lässt - oder mit Böhmermann gesprochen: sich unterwirft. Stoschek dagegen findet, regionale CSU-Granden hätten ihn nach dem gemeinsamen Schreiben für den Straßenausbau im Regen stehen lassen: Plötzlich hätte er "alleine" dagestanden und "persönliche Angriffe" ertragen müssen. Weil Söder es auch noch "nicht für nötig gehalten" habe, innerhalb von vier Wochen "eine Antwort zu geben" aufs Schreiben der Würdenträger samt Stoschek, erkläre er mit sofortiger Wirkung seinen CSU-Austritt.

Rumms. Aber auch: so what? Schon in Erinnerung an Coburgs legendären OB-Wahlkampf von 2008 kann die CSU das kaum so sehen. Damals war vom "Wahlkrieg" die Rede, von einer nicht zuletzt von Stoschek finanzierten CSU-Materialschlacht mit dem Ziel, den SPD-OB Norbert Kastner aus dem Amt zu hebeln. Kastner und Stoschek waren mal Motorsportkumpels, nach einem Zerwürfnis investierte Stoschek dann nicht nur seinen Ehrgeiz darauf, die Amtszeit des Sozialdemokraten zu beenden. Das misslang. Aber natürlich, räumt CSU-Kreischef Rene Boldt ein, sei man immer "sehr dankbar" für die finanzielle Hilfe gewesen. Boldt will aber auch betont wissen, dass 2008 eine "Ausnahme" war, die Zuwendungen an die CSU nicht "in steter Regelmäßigkeit" geflossen seien. Unterm Strich bedauere man die Entscheidung Stoscheks, gerate aber deshalb sicher nicht in finanzielle Probleme. Außerdem gehe es "in der Politik um Inhalte, nicht um Geld", sagt Boldt.

Angesichts einer zweiten, noch nachgeschobenen Begründung Stoscheks für seinen Parteiaustritt reiben sie sich ohnehin die Augen in der CSU. Fünf Jahre nach der betreffenden Stadtratsdebatte will Stoschek "kürzlich" erfahren haben, dass die CSU zögerlich gewesen sei, als es darum ging, wie die Stadt ihre unrühmliche NS-Historie aufarbeiten soll. Diese Aufarbeitung hielten Stoschek und auch Brose für "außerordentlich wichtig". Zögerlich? Schlicht "nicht richtig" sei dieser Vorhalt, erwidert Boldt. Teile der CSU-Fraktion hätten lediglich dafür gestimmt, angesichts der Haushaltslage die wissenschaftliche Aufarbeitung später zu finanzieren.

Wie dem auch sei, die nächste Böhmermann-Pointe dürfte schon geschrieben sein. Stoschek wirft der CSU also vor, sich nicht eifrig genug um die Historie der "Nazi-Musterstadt" zu kümmern. Was für eine Vorlage: Die Familie Stoschek, so jedenfalls moderierte der Satiriker die letzte Folge der Stoschek-Soap an, habe "die Stadt Coburg dazu gebracht", dass "eine Straße nach ihrem Opa benannt wird, dem Nazi Max Brose".

© SZ vom 09.03.2021/syn
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