Mitten in Bayern:Der Franke war's!

Mitten in Bayern: Muss demnächst wieder weg, der Christbaum. Aber wer hat das mit dem weihnachtlichen Wohnzimmerschmuck eigentlich erfunden?

Muss demnächst wieder weg, der Christbaum. Aber wer hat das mit dem weihnachtlichen Wohnzimmerschmuck eigentlich erfunden?

(Foto: Friso Gentsch/dpa)

Jetzt muss er bald wieder raus, der Weihnachtsbaum. Aber wer ist eigentlich zuständig für den Weltsiegeszug eines nadelnden, eminent feueranfälligen Gewächses mitten im Wohnzimmer?

Glosse von Olaf Przybilla, Nürnberg

In Nürnberg-Nord, Nähe Friedrich-Ebert-Platz, konnte man am Nachmittag des zweiten Weihnachtsfeiertags einen stattlichen Christbaum auf der Straße liegen sehen. Da geht das Kopfkino natürlich los.

Hat man sich da nicht abgesprochen und ein Zweitbaum fürs Badezimmer war nicht erwünscht? Oder war das nur das maximal temporäre Die-biodeutsche-Verwandtschaft-kommt-schon-wieder-vorbei-Alibiding? Könnte auch sein, dass da ein sich radikalisierender FDP-Lokalpolitiker am zweiten Feiertag seine Kanzlei betreten, sich an den von außen gut einsehbaren Schreibtisch gesetzt und an seiner "Deutschland-arbeitet-zu-wenig"-Neujahrsansprache gefeilt hat. Da war der Bürobaum nicht opportun.

Man weiß es nicht. Wie überhaupt über die Feiertage immer ein Häretiker mit der Klugfrage daherkommt, wer eigentlich mit dem Mumpitz begonnen hat, Nadelgewächse in deren angestammtem Habitat umzusensen, ins Wohnzimmer zu verpflanzen und mit menschlichem Klimbim und offenem Feuer zu versehen. Und einer fragt ganz bestimmt immer: Wer hat's erfunden?

Eine nach allen objektivierbaren Maßstäben eindeutige Gaga-Idee, feuergefährlich und entsorgungsumständlich, die Weltkarriere gemacht hat? Da tut sich eine in München beheimatete Zeitung schon grundsätzlich leicht: Der Franke war's!

Nein, war er nicht. Ein Franke hat lediglich maßgeblich dazu beigetragen, dass diese nadelnde Spitzenidee zum saisonalen Weltbestseller geworden ist. Der Mann war Herzens-Coburger, hatte am britischen Königshaus als Gemahl von Königin Victoria keinen zu leichten Stand als Auswärtiger und hat sich seine trüben Wintergedanken offenbar damit vertrieben, heimatlichen Weihnachtstraditionen nachzuhängen: ein Baum, ein Baum!

So war er eben, der Coburg-Prinz Albert. Weil aber das Königshaus schon damals angesagt und Victoria gewissermaßen schwer instagrammable war, rissen sich Medienmenschen um die Geschichte mit dem schrägen Weihnachtsding des Prinzen. Vor 175 Jahren wurde die Christmas-Homestory aus Windsor exklusiv gepusht - und bald danach brannte der Baum weltweit.

Hätte der Christbaum seinen Weltsiegeszug angetreten ohne Franken? Weiß man nicht, wohl eher nicht wahrscheinlich. Sicher ist: Erst am 8. Januar beginnt in Nürnberg, Epizentrum der Weihnachtstrendsetterregion, das offizielle Baumeinsammeln. Bis dahin bittet die Stadt, sich zu beherrschen.

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