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Bildungspolitik:Ein ganzes Schülerleben lang: der Streit um Bayerns Gymnasien

Schülerdemo gegen die Einführung des G 8, 2004

Der Protest gegen das achtjährige Gymnasium begann direkt mit seiner Einführung. 2004 demonstrierten diese Schüler in München gegen die kürzere Schulzeit. Für sie kommen die neuen Pläne wohl zu spät.

(Foto: Catherina Hess)
  • Der Streit über ein acht-oder neunjähriges Gymnasium in Bayern dauert bereits seit einer Reform von Edmund Stoiber im Jahr 2003.
  • Heute wird die Entscheidung für das G8 als Hauruck-Aktion kritisiert, auf die weder Schulen noch Lehrer oder Verlage vorbereitet waren.
  • Bayern will nun zurück zum neunjährigen Gymnasium - und Horst Seehofer hat ein Bildungspaket für alle Schularten ankündigt.

Seit 13 Jahren gibt es das G 8 in Bayern. So lange dauerte ein Schülerleben im alten neunjährigen Gymnasium. Nun sollen die Gymnasiasten wieder neun Jahre Zeit bekommen, so hat es die CSU-Fraktion am Mittwochabend beschlossen. Ein Überblick über einen langen Streit.

2003: Stoibers Reform

Beflügelt von der Zweidrittelmehrheit will der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber Bayern mit Reformen für die Zukunft rüsten. Auch die Schüler sollen schneller studieren, schneller in die Rentenkassen einzahlen. So wie bei den europäischen Nachbarn. Im Wahlkampf stand Stoiber zum G 9, im Oktober 2003 fällt die Entscheidung dagegen. Das Ende des neunjährigen Gymnasiums ist besiegelt. In seiner Regierungserklärung am 6. November 2003 sagt Stoiber: "Das deutsche Bildungssystem raubt den Jugendlichen wertvolle Zeit."

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Weil Experten sich nicht einigen konnten, habe er eine politische Entscheidung getroffen, sagt er heute. Der Philologenverband nimmt ihm diese Hauruck-Aktion heute noch übel. Auch die damalige Kultusministerin Monika Hohlmeier sagt im Rückblick, dass sie zu ihrer Skepsis hätte stehen und zurücktreten müssen. Die übereilte Einführung sei Ursache vieler Probleme im achtjährigen Gymnasium.

2004: Einführung

Schon im Herbst 2004 sollen die fünften und sechsten Klassen mit dem G 8 beginnen. Das Problem: Schulen, Lehrer und Verlage sind nicht vorbereitet. Der gerade ein Jahr geltende G-9-Lehrplan muss eilig zurecht gestutzt werden. In allen Fächern wird Stoff gestrichen. Das facht die Proteste der Lehrerverbände und Schulfamilien weiter an. Tausende gehen auf die Straße, um das neunjährige Gymnasium zu erhalten. Die CSU-Politiker werden ausgebuht und ausgepfiffen. Nicht zuletzt deswegen behinderten einige Abgeordnete die Rückkehr zum G 9 in den vergangenen Wochen: Sie wollten nicht einfach aufgeben, was sie jahrelang verteidigen mussten.

2005: Volksbegehren I

Einige Monate nach der Einführung des G 8 machen fränkische Eltern und Gymnasiallehrer mobil. Sie versuchen, die Rückkehr zu neun Jahren mit einem Volksbegehren zu forcieren. 2,4 Prozent der Bürger unterstützen die Initiative, es wären aber zehn Prozent nötig gewesen.

2008-2010: Nachbessern

Ende Oktober 2008 tritt Schulminister Ludwig Spaenle sein Amt an. Er spricht von schweren Fehlern bei der übereilten G-8-Einführung. Aber auch er hat 2004 für die Reform gestimmt. Zu seinen ersten Amtshandlungen gehört, erneut den Lehrplan zu überarbeiten und Stunden in der Oberstufe zu streichen. Denn als die ersten G-8-Schüler in die elfte Klasse kommen, sprechen Eltern rasch von Burn-Out und ausgebrannten Kindern.

2011: Der Abitur-Schock

Im März schreiben die letzten G-9-Schüler schriftliches Abitur. Im Mai sind die ersten G-8-Schüler dran. Sorgen macht sich niemand, allein aus politischen Gründen muss dieses Abitur ein Erfolg werden. Das Ergebnis schockiert: Überraschend viele Schüler haben die schriftlichen Prüfungen nicht bestanden. Spaenle senkt die Hürden. Trotzdem fallen drei Prozent durchs Abitur. Zwei Prozent mehr als im G 9. Allerdings nimmt auch die Zahl der Einser-Abiture zu - nicht zuletzt wegen der Aufwertung der mündlichen Note.