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Kulturerbe in Bayern:"Zerstörung ist relativ"

Ein notorisch unterschätzter Schatz der Nachkriegsarchitektur - oder der ungeliebte Nachfolgebau eines zum großen Teil im Zweiten Weltkrieg zerstörten Renaissance-Juwels? Am Pellerhaus in Nürnberg scheiden sich immer wieder die Geister.

(Foto: Olaf Przybilla)

Nach dem Zweiten Weltkrieg blieben Städte wie Regensburg und Bamberg alten Strukturen treu. Nürnberg hingegen wagte auch komplett Neues - das hat die Stadt reicher gemacht, findet Denkmalwissenschaftlerin Carmen Enss.

Interview von Olaf Przybilla, Bamberg

Die Denkmalwissenschaftlerin Carmen Enss leitet ein Forschungsprojekt, das die Rolle alter Stadtkarten für den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg beleuchtet. Ein Gespräch über die Unterschiede von Nürnberg und Frankfurt, coolen Brutalismus und die herausragenden Perspektiven der Stadt Schweinfurt.

SZ: Frau Enss, es gab nach dem Zweiten Weltkrieg höchst unterschiedliche Strategien, wie Städte mit ihrem Wiederaufbau verfahren sind. Warum eigentlich?

Carmen Enss: Zunächst mal waren sie natürlich ganz unterschiedlich von Zerstörung betroffen. Was aber das Ausmaß der Zerstörungen betrifft, so waren nach dem Krieg Verzerrungen in der Wahrnehmung stark verbreitet. Ich erinnere mich noch an Berichte von älteren Verwandten, in welcher Stadt angeblich alles zerstört sein soll - weil es da jetzt so ganz anders aussehe. Und welche Stadt wiederum verschont geblieben sei, weil es da doch so schön ist.

Vieles davon war Legende.

Deren Entstehung muss man aber verstehen. Es lag ja erst mal auf der Hand, vom Ausmaß der Neubebauung auf den Grad der Zerstörung zu schließen. Das aber war oft ein Trugschluss. Der Grund dafür lag in den unterschiedlichen Strategien für den Wiederaufbau - die wiederum sehr davon abhängig waren, inwiefern man sich schon zuvor Gedanken darüber gemacht hatte, in welche Richtung man sich grundsätzlich entwickeln will. Ganz wichtig auch: Zerstörung ist relativ. Es gab da eine große Bandbreite zwischen den extrem Polen "zerstört" und "nicht zerstört". Prägende Entscheidungen hatte somit die Nachkriegsgeneration zu übernehmen.

Das heißt: Den heutigen Zustand der Städte - nicht selten als eher mittelschön wahrgenommen - hat zu maßgeblichen Teilen die Adenauerzeit zu verantworten.

Auf jeden Fall. Klar gab es Städte wie Regensburg und Bamberg, wo die bisherige Entwicklung im Grunde einfach weiterging - während man in stark beschädigten Städten mit der Trümmerräumung im Sinne einer Praktikabilität des Wohnens begann. Wie man dabei vorging, war fürs spätere Erscheinungsbild maßgeblich, klar.

Die Architekturhistorikerin Carmen Enss, 45, forscht in Bamberg zu städtischem Kulturerbe. Das von ihr geleitete Forschungsprojekt über historisches Kartenmaterial wird mit 2,5 Millionen Euro vom Bund gefördert.

(Foto: Uni Bamberg)

In Nürnberg etwa ist bis heute beides zu sehen: Gelungene Rekonstruktion und konsequenter, teils brachialer Neubau.

In welche Richtung entschieden wurde, lag oft daran, inwiefern es vor dem Krieg bereits Pläne für Instandsetzungen gegeben hatte. So etwa beim Heilig-Geist-Spital in Nürnberg. Solche historischen Pläne konnte man nach dem Krieg gut umsetzen. Genauso aber gab es Städteplaner, die nach dem Krieg die einmalige Gelegenheit gekommen sahen, an der bestehenden Stadt noch mal etwas Grundlegendes zu ändern.

Der Verlust eines Renaissance-Juwels namens Pellerhaus gilt bei machen Nürnbergern weiterhin als eine offene Wunde.

Nach dem Krieg wurde mit einem Architekturwettbewerb entschieden, dass man dort etwas bauen muss, was an den historischen Platz passt - aber etwas komplett Neues ist. Was im Ergebnis sehr gelungen ist, wie man sagen muss. Diese Gebäude ist ein Symbol dafür, wie groß die Bandbreite der Ideen für den Wiederaufbau in Nürnberg war. Gäbe es nur Bauwerke wie die Burg oder das Heilig-Geist-Spital, würde das Nürnberg erheblich ärmer machen.

Trotzdem flammt immer wieder die Debatte auf, ob der Renaissance-Vorgängerbau komplett rekonstruiert werden soll.

Das lehne ich natürlich ab - und zwar als Architektin und als Denkmalpflegerin. Das heutige Pellerhaus ist einfach ein sehr schönes Gebäude, um das es schade wäre.

Trotzdem gibt es Stimmen, die auf Frankfurt verweisen: Dort sei doch auch das Technische Rathaus abgerissen worden. Warum also die Abriss-Birne nicht auch in Nürnberg - zugunsten der Renaissance?

Da kann man Nürnberg nur sagen: Diese Stadt hat einen fantastischen Altstadtbestand, der in der Wiederaufbauphase wieder komplettiert wurde. In Nürnberg bestätigt das eine oder andere moderne Gebäude eher die altstädtische Regel. Der Fall Frankfurt liegt komplett anders. Das Projekt, das Sie ansprechen, ist eine Stadtneubaumaßnahme. Mit Wiederaufbau hat das meiner Ansicht nach nichts mehr zu tun. In beiden Städten waren die Strategien sehr unterschiedlich: In Nürnberg legte man früh einen Fokus auf den Wiederaufbau der Altstadt. Das war in Frankfurt anders.

Die Schadenspläne der Altstadt von Nürnberg spielten beim Wiederaufbau eine maßgebliche Rolle.

(Foto: Universität Bamberg)

Keine Nürnberger Neu-Renaissance also.

Das jetzige Pellerhaus ist bedeutende Architektur, die kann man nicht wieder wegnehmen. Rekonstruiert man etwas, so ist das nicht alt - sondern 21. Jahrhundert. Somit wäre das ein Verlust für Nürnberg.

In Ihrem Forschungsprojekt sammeln und analysieren Sie alte Stadtkarten, die in vielen Städten bereits während des Krieges entstanden und dann für den Wiederaufbau eine entscheidende Rolle spielten.

Wir fragen damit, wie Erbe entstand. Wie gesagt: Es gab nicht nur "zerstört" oder "nicht zerstört". Es gab auch Ruinen, in denen noch eine Bedeutung existierte, die man als Brücke zwischen Alt und Neu nutzen konnte. Also nicht nur Ruinen, bei denen man feststellte, dass es sich nur noch um Schutt handelt. Es gab da schon sehr frühe Entscheidungen in den Städten, bereits im Krieg: Wo bauen wir neu? Wo erhalten wir alte Strukturen? Das schlägt sich in diesen Kartierungen nieder. Das waren Vorentscheidungen, noch bevor überhaupt die Trümmer geräumt waren. Wir hoffen, dass diese Karten aus den Archiven vieles verständlicher machen. Und sie dürften dabei helfen, eine so frühe Baumaßnahme wie das Pellerhaus besser zu würdigen.

Noch mal zurück zur Rekonstruktion: Wie reagiert Ihr Architekturhistorikerinnen-Herz, wenn Sie in Kassel stehen?

Ich finde Kassel einen sehr interessanten modernen Raum. Die Stadt hat sich nach dem Krieg entschieden, etwas ganz Neues zu wagen. Und eben nicht das Alte zu rekonstruieren. Diese Kasseler Fünfzigerjahrearchitektur ist gut und besonders.

Da hört man Nicht-Architekturhistoriker jetzt förmlich aufstöhnen: So etwas kann die Frau Enss in Ihrem hübschen Bamberg natürlich leicht interessant finden.

Verstehe ich. Aber wir müssen wahrnehmen, dass das oft eine Generationenfrage ist: Nach 70 Jahren kehrt sich der Geschmack um. Wie war es denn mit dem Jugendstil? Der wurde ja auch lange verteufelt. Inzwischen finden junge Architektur-Studierende Brutalismus cool. In London gibt es einen regelrechten Hype. Der Trend dreht sich, auch in Nordrhein-Westfalen. Die Leute sind jetzt stolz auf Architektur, die andernorts abgerissen wird. Eben wie das Technische Rathaus in Frankfurt.

Das heißt: Man kann sich schon darauf einstellen, dass die angesagteste Stadt Bayerns demnächst Schweinfurt sein wird?

Ja, kann gut sein.

© SZ vom 15.02.2021/vewo
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