Kunstaktion:Nürnberg wird's zu bunt

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Von der Zeppelintribüne hielt Adolf Hitler einst Hetzreden an die Massen. Nun übernahm ein anonymes Künstlerkollektiv die Deutungshoheit über das monströse Gebäude. (Foto: Peter Kunz)

Bunte Bahnen auf einem Nazi-Bau: Eine anonyme Künstlergruppe hat die Fassade der Zeppelintribüne in Regenbogenfarben angemalt. Das Internet feiert sie seitdem als Freigeister. Die Stadt reagiert mit dem Hochdruckreiniger.

Von Clara Lipkowski, Nürnberg

Die Künstlerinnen und Künstler kamen in der Nacht. Sie kamen mit acht Eimern wasserlöslicher Farbe und trugen lange Farbbahnen auf ein geschichtsträchtiges Gebäude auf, in den Farben des Regenbogens, dem Symbol schlechthin der LGBTQIA+-Szene. Was sie schufen, war ein Kunstwerk, sagen die einen, Beschädigung, sagen die anderen, in jedem Fall aber erwirkten sie eine überregionale Debatte. Denn am Mittwochmorgen leuchteten die Regenbogenfarben an der historischen Zeppelintribüne auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände: Auf dem früheren Aufmarschplatz der Nationalsozialisten hatte Hitler an der Kanzel Hetzreden zu den Massen gehalten.

In den sozialen Medien wird das Nürnberger Künstlerkollektiv, das anonym bleiben will, seither für seinen Coup gefeiert. "Kunstguerilla im verschlafenen Nürnberg. Super Aktion", postete ein Nürnberger. "Ein minimaler Eingriff mit gigantischer Wirkung", schrieb ein anderer. Die Stadtverwaltung indes erwischte die Aktion kalt. Als Fotos mit dem Titel "Regenbogen-Präludium" von Mittwochmorgen an kursierten und die Politik samt Hochbauamt davon Wind bekam, war man im Rathaus wegen etwas ganz anderem hochnervös: Die Entscheidung, ob Nürnberg 2025 Kulturhauptstadt Europas wird, stand unmittelbar bevor. Man sei mit dem Kopf woanders gewesen, hieß es am Montag aus dem Rathaus.

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Und genau dafür - ob von der Kulturhauptstadtentscheidung beeinflusst oder nicht - wie die Stadt auf das Präludium reagierte, wird sie nun heftig kritisiert. Sie entschied, das Werk entfernen zu lassen, bereits am Freitag rückten Reinigungskräfte an. Ein Künstler des Kollektivs betonte am Telefon, man habe absichtlich wasserlösliche Farbe verwendet, es hätte also bloß regnen müssen. Die Stadt widersprach: Nicht überall hätte Regen die Farbe heruntergewaschen, teils sei sie unter einem Vordach aufgetragen worden, unter das Regen kaum käme. So wäre sie mit der Zeit in das Gemäuer eingedrungen und hätte es doch beschädigt.

Der Frage nach dem richtigen Umgang mit den Gebäuden auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände hat eine lange Geschichte: Seit 1973 stehen sie unter Denkmalschutz. Sie dürfen nicht einfach verändert werden. 2004 hat der Stadtrat entschieden, sie zur mahnenden Erinnerung zu erhalten. Als begehbarer Ort, um die Monstrosität der Nazibauten zu verdeutlichen. Die Stadt hat jetzt also nur nach den Regeln gehandelt und Anzeige gegen Unbekannt erstattet. "Aus versicherungstechnischen Gründen und zur Wahrung der städtischen Interessen", heißt es in einer Mitteilung von Montag.

"Typisch", sagt ein Fotograf. "Kleingeistig und peinlich" findet es ein Anwohner, "es provinzelt", sagt er, Nürnberg versuche Großstadt und scheitere. Verena Osgyan, Nürnberger Grünen-Abgeordnete im Landtag, nennt die Entfernung "eine verpasste Chance", das Gelände durch Kunst zu transformieren, einer Idee, an der Nürnberg seit mindestens 15 Jahren arbeite. Der Tenor ist: Statt mit dem Hochdruckreiniger zu kommen, hätte man die Farbe haften lassen sollen, um sich solidarisch zu zeigen.

Julia Lehner ist Kunstprofessorin und seit Mai 2020 als zweite Bürgermeisterin zuständig für Kultur. Auf Instagram betont sie, dass sie das Präludium "sehr berührt". (Foto: Daniel Karmann/ dpa)

Das tut die Stadt und auch Kulturbürgermeisterin Julia Lehner (CSU): Die künstlerische Intervention habe sie "persönlich sehr angesprochen und berührt". Dass "diese starke Aussage für Vielfalt und Toleranz gerade an diesem Ort (...), nicht länger hat bestehen können, schmerzt". Sie hat das Kollektiv aufgefordert, sich bei ihr zu melden. Und betont, sie sei "sehr willens und offen", eine temporäre Alternative zu finden, etwa mit Folie statt Farbe. Auf Instagram gab das Kollektiv an, sich mit der Aktion für eine Ausstellung zu bewerben, Lehner will darüber reden.

Der CSD Nürnberg, der für die LGBTQIA+-Szene steht, nennt die Aktion einen "genialen Kunstgriff", visuell, international verständlich. Er habe selbst erlebt, wie sich an der Tribüne Neonazis träfen und mit eindeutigen Erkennungssymbolen an der Redekanzel für Fotos posieren, sagt Bastian Brauwer. "Diese Aktion hat den Ort entweiht", er habe seinen Mythos verloren. Ein solches Kunstwerk könne Treffen rechter Gruppen verhindern.

Doch die Stadt befindet sich auch in einer Zwickmühle: Öffnet sie nicht genehmigten Aktionen wie diesen Tür und Tor, etwa indem sie die Anzeige zurücknimmt, wie es der kulturpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Michael Ziegler fordert?

Man sei bereit gewesen, das Kunstwerk mit Wasser und Schwamm selbst wieder zu entfernen, sagt einer der Künstler am Telefon. Am wichtigsten aber sei der Anstoß zum Diskurs über den Umgang mit dem NS-Erbe. Lehrer hätten sich gemeldet, die das Beispiel im Unterricht behandeln wollen. "Kunst", findet er "ist nicht demokratisch", solche Grenzüberschreitungen müsse die Gesellschaft aushalten. Der Titel sei auch angelehnt an das Chopin'sche Regentropfen-Prélude. Präludium steht für Vorspiel. Demnach könnten weitere Aktionen folgen. Aber nicht zwingend von der gleichen Gruppe, sagt er.

© SZ vom 03.11.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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