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Energiewende:Neues EEG gefährdet Windkraft-Anlagen in Bayern

Vorstellung der Berger Windräder

Mit dem Ablauf des Jahres 2020 fallen bayernweit 60 Anlagen aus der EEG-Förderung, Ende 2021 sind es weitere 65 Anlagen und im Jahr darauf 43.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz, das Anfang 2021 in Kraft tritt, sinkt die Vergütung für Windstrom aus Altanlagen massiv. Deren Betreiber befürchten das Aus.

Von Christian Sebald

Das Windrad Sellanger ist eine Erfolgsgeschichte. Seit bald 25 Jahren liefert die 90 Meter hohe Anlage nahe dem oberfränkischen Selbitz 750 000 Kilowattstunden Windstrom im Jahr. Das reicht, um mehr als 200 Haushalte zu versorgen. Doch jetzt droht der Anlage das Ende. Der Grund: das neue Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das am 1. Januar 2021 in Kraft treten soll. Es raubt dem Windrad die Zukunftsperspektive. "Denn mit dem neuen EEG bekommen wir so wenig Geld für unseren Windstrom, dass wir damit nicht wirtschaften können", sagt Wolfgang Degelmann vom Bund Naturschutz (BN) in Hof und Mitgründer des Windrads Sellanger. "Wenn wir keinen Abnehmer finden, der uns mehr bezahlt, werden wir die Anlage abschalten müssen."

Auch das EEG ist eine Erfolgsgeschichte. Denn durch das bald 20 Jahre alte Gesetz und seine garantierten Einspeisevergütungen für Strom aus erneuerbaren Energiequellen hat sich die Windkraft hierzulande etablieren können. So auch das Windrad Sellanger: Dank des derzeit noch gültigen alten EEG bekommen Degelmann und die anderen Eigentümer der Anlage bis Jahresende neun Cent Einspeisevergütung je Kilowattstunde. Davon haben sie nicht nur locker die Pacht für den Grund, auf dem das Windrad steht, Reparaturen und andere Kosten bezahlen können. Sondern sie haben bis zuletzt auch eine kleine, aber sichere Rendite für die Einlage, mit der sie das Windrad ermöglicht haben.

Vom neuen an Jahr wird das anders. Dann wird der Strompreis für Windstrom aus Anlagen, die älter als 20 Jahre sind, nicht mehr politisch festgelegt. Sondern er soll dem mittleren Strompreis entsprechen, der im Vorjahr an der Strombörse in Leipzig bezahlt worden ist. Und das heißt, dass die Vergütung für Windstrom aus Windrädern wie in Sellanger auf etwa ein Drittel der aktuellen Einspeisevergütung sinken wird. "Denn der Börsenpreis ist völlig am Boden", sagt Degelmann, "im Jahresschnitt beträgt er drei bis 3,2 Cent je Kilowattstunde. Damit können wir nicht mal die Kosten für den Weiterbetrieb unseres Windrads erwirtschaften".

Das Windrad Sellanger ist längst nicht das einzige im Freistaat, dem das Ende droht. Beim BN haben sie ausgerechnet, dass mit dem Ablauf des Jahres 2020 bayernweit 60 Anlagen aus der EEG-Förderung fallen, Ende 2021 sind es weitere 65 Anlagen und im Jahr darauf 43. Der Wegfall der Altanlagen kann nicht durch den Bau neuer, leistungskräftigerer Windräder ausgeglichen werden. Denn seit Ende 2014 das umstrittene Abstandsgesetz 10 H in Kraft getreten ist, werden kaum noch Windräder in Bayern errichtet. Nach dem 10-H-Gesetz muss der Abstand zwischen einem neuen Windräder und der nächsten Wohnsiedlung mindestens das Zehnfache der Anlagenhöhe betragen. Bei neuen Anlagen, die 200 Meter und mehr messen, sind das also wenigstens zwei Kilometer. In Bayern gibt es kaum Windrad-Standorte, die die Vorgabe erfüllen. Deshalb, so der BN, werde mit dem neuen EEG die Zahl der Windräder in Bayern schrumpfen.

Die Verärgerung in der Branche und bei Umweltorganisationen ist immens. "Das ist ein Komplettversagen von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier", schimpft Raimund Kamm, Vorsitzender der "Landesvertretung Erneuerbare Energie" in Bayern. "Seit einem Jahr liegt das Problem auf seinem Tisch, ohne dass sich etwas getan hat." Aus der Sicht von BN-Chef Richard Mergner braucht man die Altanlagen auch dafür, damit "wir das Pariser Klimaschutz-Ziel erreichen können, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen".

Zumal Windrad-Besitzer wie Degelmann vom Grundsatz her nicht gegen eine deutliche Absenkung der Vergütung sind. "Wir haben ausgerechnet, dass uns der Unterhalt unseres Windrads irgendwas zwischen vier und fünf Cent je Kilowattstunde Strom kostet", sagt Degelmann. "Mehr wollen wir nicht, die Anlagen selbst sind ja abgeschrieben." Sein Wunsch ist eine Klausel im neuen EEG, die eine etwas höhere Vergütung als die geplante ermöglicht.

Doch danach sieht es nicht aus. Degelmann versucht deshalb mit aller Kraft, einen Abnehmer aufzutreiben, der ihm seinen Windstrom zu den tatsächlichen Kosten abnimmt. Bisher ohne Erfolg. In Feuchtwangen ist das anders. Dort stehen ebenfalls vier Windräder, die mit dem neuen EEG unrentabel und deshalb womöglich vom Netz genommen werden. Die mittelfränkische 12 500-Einwohner-Stadt will das verhindern. Denn sie legt großen Wert auf eine lokale Stromversorgung. Deshalb will sie eine Gesellschaft gründen, die den Betreibern der Windräder ihren Windstrom abnimmt - zu einem kostendeckenden Preis.

© SZ vom 01.12.2020/van/syn
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