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Tourismus:"Wir dürfen leider nicht bei Ihnen übernachten"

West in Grand Hotel in München bereitet sich auf Wiederöffnung nach Lockerungen in der Corona-Krise vor, 2020

Wer aus Risikogebieten kommt und keinen negativen Corona-Test vorweisen kann, wird abgewiesen: Das ist von Donnerstag an Regel in Bayern.

(Foto: Catherina Hess)

Das Beherbergungsverbot für Gäste aus Corona-Hotspots verunsichert Bayerns Hoteliers. Sie fragen sich, wie sie die Herkunft kontrollieren können und wer mögliche Stornierungskosten trägt.

Von Andreas Glas, Clara Lipkowski und Paula Trautmann, München/Nürnberg

Im Hotel Schlossblick in Prien am Chiemsee haben schon die ersten Gäste storniert. "Es heißt dann: Wir dürfen leider nicht bei Ihnen übernachten", sagt Betriebsleiter Anian Knöll. Ein Corona-Test sei vielen zu aufwendig oder zu kurzfristig für einen Ausflug am Wochenende - und zu teuer.

Es gilt nun ein Beherbergungsverbot in Bayerns Hotels, Gäste aus Corona-Hotspots dürfen nicht mehr übernachten, außer sie können einen negativen Test vorweisen. Zwischen der Ankündigung von Ministerpräsident Markus Söder und dem Inkrafttreten der neuen Regel am Donnerstagfrüh lagen nur wenige Stunden. Kaum Zeit für die Hoteliers, sich auf die neue Corona-Maßnahme einzustellen. Noch am Mittwoch meldeten sich die ersten Hoteliers zu Wort. Man sei überrumpelt worden und das Verbot sehr schwer umsetzbar.

Das Beherbergungsverbot zählt nun die Städte Hamm, Remscheid und Bremen zu den Corona-Risikogebieten, außerdem die Berliner Bezirke Mitte, Neukölln, Tempelhof-Schöneberg und Friedrichshain-Kreuzberg Gäste von dort dürfen für vorerst sechs Tage nicht in bayerischen Hotels einchecken. In den Orten war zuletzt die Zahl der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen auf mehr als 50 gestiegen.

In Berlin-Mitte lag jener Inzidenzwert am Mittwoch bei 78, in Neukölln gar bei 114. Solche Zahlen will man in Bayern tunlichst vermeiden und potenziell Infizierte, so die Botschaft, lieber aus Bayern fernhalten. Die Risikogebiete würden immer wieder angepasst, sagte Söder, nicht täglich zwar, aber etwa im Wochenrhythmus. Die Zahlen, die das Robert-Koch-Institut am Donnerstag veröffentlichte, scheinen das Vorgehen zu stützen: Mehr als 4000 Neuinfektionen mit Sars-Cov-2 binnen 24 Stunden in Deutschland, ein sprunghafter Anstieg. In der Hochphase der Krise im Frühjahr waren es 6000.

Doch die Über-Nacht-Aktion geht einigen aus der Tourismus-Branche deutlich zu schnell. Viele Fragen der Umsetzung seien ungeklärt, sagt Thomas Geppert, der Landesgeschäftsführer des bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga. Etwa, wie genau die Herkunft der Gäste geprüft werden müsse und wer die Stornierungskosten trage. Veronika Bove, Leiterin des Hotels Reschen in Tutzing, sagt: "Die Änderung von jetzt auf gleich ist heftig. Wenn ein Gast aus Berlin schon auf dem Weg zu uns ist, kann er eigentlich nur noch umdrehen. Wir und die Gäste werden einfach vor vollendete Tatsachen gestellt." Sie fürchtet finanzielle Belastungen: "Ist nicht mehr genug Zeit, einen Test zu machen, müssen wir die Reservierung auf unsere Kosten stornieren."

In Nürnberg sagt eine Sprecherin des Altstadt-Hotels Agneshof: "Wir können es nicht leisten, die genaue Herkunft von jedem Gast zu prüfen, jede Straße zu googeln." Man sei darauf angewiesen, dass die Gäste ehrliche Angaben machten und zur Not daheim blieben. Das gibt auch Trixi Neubauer, Direktorin des Bamberger Hofs zu denken. "Wir können nicht nachforschen, wir sind nicht die Polizei."

Veronika Bove im Hotel Reschen in Tutzing, 2020

Veronika Bove, Leiterin des Hotels Reschen in Tutzing, desinfiziert die Rezeption mit Dampf.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Die Dehoga stellt ein digitales Tool zur Verfügung, um die betreffenden Postleitzahlen herauszufiltern. Doch oft erfahren die Hotels erst beim persönlichen Check-In, woher die Gäste kommen, dann, wenn diese im Internet über Buchungsplattformen gebucht haben. "Im schlimmsten Fall müssen sie Gäste wegschicken", sagt Geppert. Aber was machen Hotels mit Gästen, die schon im Hotel eingecheckt sind, deren Wohnorte aber nun zu Risikogebieten erklärt wurden? Das Verbot erschüttere die Branche, die ohnehin sehr unter Corona leide, sagt Geppert, und schaffe weitere Verunsicherung.

Markus Söder argumentierte am Donnerstag anders: Das Verbot helfe, "um unserem Tourismus, Gaststätten und unseren Hotels ein Maß an Stabilität zu geben". Es könne "jetzt jeder ohne Probleme in den Urlaub fahren, er soll halt einen Test mitbringen und einen Test entsprechend machen können. Dann klappt das."

Unverständnis gab es am Donnerstag darüber, dass man aus Risikogebieten kommend zwar nicht in Hotels, aber noch privat in Bayern übernachten darf. Söder begründete die Unterscheidung damit, das Hotels potenzielle Infektionsherde sein könnten. Er sagte weiter: "Man stelle sich vor, wir haben jetzt eine Übertragung der Infektionen in touristische Gebiete. Dann ist das fast das Ende des Tourismus, und zwar dauerhaft. Wenn wir gerade in Bayern ein erfolgreiches Weihnachtsgeschäft behalten wollen, ist es jetzt wichtig, auch einen guten Probelauf in den Herbstferien zu machen."

Thomas Geppert entgegnet, dass sich in den vergangenen Monaten gezeigt habe, dass Hotels eben keine Hotspots seien, weil es Hygienekonzepte gebe. Zudem seien Infektionsketten dort leichter nachverfolgbar. Er fordert deutschlandweit einheitliche Regeln für Gäste aus Risikogebieten. Etwa, dass sie ohne negativen Test gar nicht erst ausreisen dürfen oder, dass Besucher Selbsterklärungen vorlegen. Auch staatlich subventionierte Schnelltests könne er sich vorstellen.

Im Regensburger Hotel Weidenhof steht seit Donnerstag das Telefon nicht mehr still, mehr als 35 Stornierungen in zwölf Stunden beklagt Pächter Martin Stadtmüller. Die Pacht bezahlen müsse er freilich weiter. Die Unsicherheit ist groß: "Gäste aus Bremen haben angerufen, weil sie nicht wussten, ob sie kommen dürfen oder nicht. Sie waren bereits zwei Wochen in Starnberg und wären nun zu uns gereist." Mit der Hotelrechnung aus Starnberg habe er immerhin die Bestätigung, dass sie nicht direkt aus Bremen kommen.

© SZ vom 09.10.2020/syn
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