Ramadan Der heilige Monat ist ein blutiger Monat

Für Muslime weltweit (hier in der Nationalmoschee in Dhaka) hat diese Woche der Ramadan begonnen. Die Zeit des Fastens, des Gebets und der Einkehr dauert in diesem Jahr bis Mitte Juni.

(Foto: REUTERS)
  • Am Donnerstag hat in der muslimischen Welt der Fastenmonat begonnen.
  • Der Ramadan gilt als Monat der Gnade und des Friedens; in den meisten muslimischen Ländern kommt die Politik zur Ruhe.
  • Allerdings rufen militante Extremisten gerade in dieser Zeit oft zu Anschlägen auf.
Von Paul-Anton Krüger, Kairo

Um 5.01 Uhr ging am Donnerstag in Kairo die Sonne auf, und damit begann für die Muslime in Ägypten und weiten Teilen der arabischen Welt das Fasten im heiligen Monat Ramadan. Im letzten Drittel der Nacht stärken sich die Gläubigen beim Suhur, einem ausgiebigem Frühstück. "Esst und trinkt, bis sich für euch in der Morgendämmerung ein weißer von einem schwarzen Faden unterscheidet", heißt es im Koran. Bis zu dieser Mahlzeit, so hatte Staatspräsident Abdel Fattah al-Sisi angeordnet, sollten die 332 Häftlinge bei ihren Familien sein, die er begnadigt hat, unter ihnen viele junge Menschen. Ramadan ist ein Monat der Gnade und der geistigen Einkehr.

Das Fasten bestimmt den Rhythmus des Lebens, Behörden und Banken verkürzen die Öffnungszeiten und die Schulen den Unterricht. Auch die Politik fließt nur mehr zäh dahin. Was nicht heißt, dass es keine Debatten gibt. In Ägypten ist in aller Munde, wie teuer die Nüsse und Trockenfrüchte geworden sind, die traditionell im Ramadan gegessen werden. Ein Kilo Mandeln für 350 Pfund, knapp 17 Euro, das ist ein Viertel des staatlichen Mindestlohns. Die Menschen waren erbost, dass die Ticketpreise der Metro ausgerechnet in der Woche zuvor um bis zu 300 Prozent erhöht wurden.

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Im Ramadan wird gegeben, Wohlhabende richten Iftar-Tafeln zum Fastenbrechen für die Armen aus, Wohlfahrtsorganisationen verteilen Ramadan-Pakete mit Lebensmitteln. "Die Regierung ist gefangen zwischen der Notwendigkeit, die Ausgaben zu kürzen, und die Menschen während des Ramadan glücklich zu machen", schrieb die staatliche Zeitung al-Ahram entschuldigend. Denn was tagsüber an Verzicht geübt wird, gleichen viele durch Konsum in der Nacht wieder aus. Die Lebensmittelhändler machen das Geschäft des Jahres.

Die Koalitionsverhandlungen im Irak werden mit vollen Mägen geführt: nach dem Fastenbrechen

Im Irak, wo nach dem überraschenden Wahlausgang die Politiker um eine neue Regierung ringen, finden die Hinterzimmergespräche tief in der Nacht nach einem opulenten Mahl statt. Dort wie auch in den Golfstaaten verlagert sich das Leben in den Sommermonaten wegen der Hitze ohnehin in die Dunkelheit. Aus dem Gazastreifen, wo Palästinensergruppen auch für diesen Freitag zu neuen Protesten gegen Israel aufgerufen haben, hieß es, der Ramadan werde berücksichtigt. Er könnte die Teilnehmerzahl beschränken. Israel erteilt indes für Palästinenser aus dem Westjordanland mehr Besuchsgenehmigungen als sonst.

Eigentlich gilt Ramadan auch als Monat des Friedens, auch wenn Soldaten im Krieg von der Pflicht des Fastens entbunden sind, einer der fünf Säulen des Islam. Indien hat angekündigt, in Kaschmir vier Wochen auf Anti-Terroraktionen zu verzichten. Das Innenministerium teilte mit, man habe dies entschieden, um den Muslimen die Möglichkeit zu geben, den Ramadan in friedvoller Umgebung zu feiern.

Militante Extremisten aber wie die Terrormiliz Islamischer Staat, al-Qaida oder die Taliban rufen immer wieder zu Anschlägen und Attacken gerade im Ramadan auf. Nicht zufällig rief sich Abu Bakr al-Bagdadi 2014 am ersten Tag des heiligen Monats in der nun in Trümmern liegenden Großen Nuri-Mosche in Mossul zum Kalifen aus. Muslime glauben, fußend auf den Überlieferungen aus dem Leben des Propheten Mohammed, dass gute Taten im Ramadan im Jenseits vielfach vergolten werden - diesen Gedanken haben die Dschihadisten pervertiert. Sie wollen ihre Anhänger glauben machen, dass es im Ramadan besonders gottgefällig sei, Menschen zu ermorden, die sie zu Ungläubigen erklärt haben.

In Afghanistan griffen Hunderte Taliban-Kämpfer in der Nacht zum Donnerstag erneut die heftig umkämpfte Provinzhauptstadt Farah im Westen des Landes an. Der Ramadan war in den vergangenen Jahren zum Kummer und Entsetzen der allermeisten Muslime oft auch ein besonders blutiger Monat.

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