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Coronavirus-Pandemie:Was über die Delta-Variante bekannt ist

Auch in Deutschland könnte die aus Indien stammende Mutante die dominierende Form des Coronavirus werden. Was bedeutet das? Wie gefährlich ist sie, was schützt davor? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Von Hanno Charisius und Kassian Stroh

Spätestens im Herbst: Lothar Wieler, der Präsident des Robert-Koch-Instituts, rechnet fest damit, dass die sogenannte Delta-Variante auch in Deutschland die meistverbreitete Form des Coronavirus werden wird. Wie schnell das gehen werde, hänge auch sehr von der Zahl der Impfungen ab und der Frage, wie stark die Corona-Einschränkungen gelockert würden - also ob "wir dieser Variante die Chance geben, sich auszubreiten", sagte Wieler am Freitagvormittag. Auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) prognostiziert, die Frage sei nicht, ob die Delta-Variante die "dominante" Form des Erregers werde, sondern "wann und unter welchen Bedingungen". Ein Überblick über den aktuellen Kenntnisstand zur Virus-Mutante.

Wie steht es um die Delta-Variante in Deutschland?

Am Mittwoch hat das RKI einen Bericht veröffentlicht, der die Ausbreitung verschiedener Varianten des Coronavirus beschreibt und der einiges Aufsehen erregt hat. Demnach gingen in der ersten Juniwoche 6,2 Prozent der Infektionen in Deutschland auf die Delta-Variante zurück - nach 3,7 Prozent in der Vorwoche. Aktuellere Zahlen sind derzeit nicht öffentlich verfügbar. Der Anstieg klingt besorgniserregend, Experten warnen vor einer raschen Ausbreitung der Delta-Variante. Allerdings ist nach den vorläufigen Daten (zu denen noch Nachmeldungen kommen können) die absolute Zahl der Delta-Infektionen zuletzt nicht gestiegen. Der wachsende Anteil beruht auch darauf, dass die Zahl der Infektionen mit anderen Varianten in den vergangenen Wochen so stark gesunken ist. Das ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt auch beruhigend.

Die Zahlen des RKI beruhen darauf, dass bei immer mehr Corona-Infektionen das Erbgut des jeweiligen Erregers analysiert, also eine sogenannte Genom-Sequenzierung vorgenommen wird. Künftig soll das bei allen positiven Tests geschehen, wie Spahn am Freitag ankündigte. Für dieses Jahr liegen laut RKI bislang 200 000 Ergebnisse vor. Die Delta-Variante wurde hierzulande erstmals Ende März nachgewiesen und zunehmend seit Mitte April, wie aus dem RKI-Bericht hervorgeht. Die stark dominierende Mutante in Deutschland ist nach wie vor die Alpha-Variante, die im Dezember in Großbritannien entdeckt wurde: Sie verursacht seit Wochen stets knapp 90 Prozent der Corona-Neuinfektionen in Deutschland. Die aus Südamerika stammende Gamma-Variante machte Anfang Juni laut RKI weniger als ein Prozent der Fälle aus, alle anderen Mutanten etwa sieben Prozent.

Wie sieht es in anderen Teilen der Welt aus?

Die Delta-Variante verbreitet sich vor allem in Indien. Stark betroffen ist auch Großbritannien, das enge Beziehungen zu seiner ehemaligen Kolonie Indien pflegt: Obwohl im Königreich bereits mehr als die Hälfte der Bevölkerung eine vollständige Impfung gegen Corona hat, steigt die Zahl der Infektionen und auch der Patienten in den Krankenhäusern wieder rapide. Nach offiziellen Angaben verursacht die Mutante dort inzwischen mehr als 90 Prozent der Infektionen. Zum kommenden Montag sollten in Großbritannien eigentlich die meisten Corona-Einschränkungen fallen; diesen Schritt hat die Regierung nun um einen Monat verschoben, wie sie Anfang der Woche bekannt gab. Die Delta-Variante wird inzwischen vermehrt auch in den USA und Kanada oder Russland nachgewiesen, wie aus Zahlen der Wissenschaftsinitiative Gisaid hervorgeht.

Ist die Delta-Variante gefährlicher als andere?

Sie hat eine Reihe von Mutationen, die ihr Vorteile gegenüber anderen Virusvarianten verschaffen. Einige der Mutationen scheinen den Erregern zu helfen, der Immunabwehr des Menschen zu entgehen. Andere machen das veränderte Virus leichter übertragbar, es kann also leichter Menschen infizieren. Nach ersten Schätzungen ist die Delta-Variante etwa 50 Prozent infektiöser als die Alpha-Variante, die wiederum ungefähr 40 Prozent infektiöser ist als das ursprüngliche Virus, das die Pandemie startete. Das Virus hätte somit seine Infektiosität in gut anderthalb Jahren etwa verdoppelt.

In Großbritannien deutet vieles darauf hin, dass Delta fast doppelt so häufig zu schweren Krankheitsverläufen führt wie die zuvor in Großbritannien dominierende Variante Alpha. Dies gilt für Menschen, die noch nicht vollständig geimpft wurden. Dies könnte damit zusammenhängen, dass sich das Virus in den Zellen von nicht Immunisierten stärker vermehren kann als andere Varianten. Auch seien in Großbritannien vermehrt jüngere Menschen betroffen, sagt RKI-Präsident Wieler - vermutlich da die Älteren bereits vermehrt geimpft worden seien.

Alle etablierten Schutzmaßnahmen wie Abstand halten, Masken und Lüften sowie der Sommer helfen aktuell, die Delta-Variante im Zaum zu halten. Wenn der Saisoneffekt gegen Ende des Sommers nachlässt, kann das Virus wieder verstärkt um sich greifen.

Schützt eine Impfung vor der Delta-Variante?

Erste Beobachtungsdaten und Laborexperimente aus Großbritannien deuten darauf hin, dass Impfstoffe vor schweren Krankheitsverläufen durch die Delta-Variante sehr gut schützen. Belastbare Daten gibt es bislang zu den Impfstoffen von Astra Zeneca und Biontech/Pfizer, deren Schutzwirkung bei mehr als 90 Prozent liegt und die auch vor milden Infektionen gut schützen. Vermutlich sieht das beim Impfstoff von Moderna ähnlich aus. Entscheidend ist jedoch, dass man vollständig geimpft wurde, also zwei Impfstoffdosen bekommen hat; die Schutzwirkung nach der ersten Impfung fällt sehr gering aus. "Unvollständig geimpfte Menschen können das Virus weiterverbreiten", sagt RKI-Präsident Wieler.

Auch Geimpfte können sich infizieren und das Virus weitergeben. Die Alpha-Variante schafft es weitaus seltener, den Impfschutz zu unterlaufen, als die Delta-Variante. "Die in Deutschland zugelassenen Impfstoffe bieten einen hohen Immunschutz", sagt Wieler. In Chile, wo bereits sehr viele Menschen geimpft wurden, breite sich die Delta-Variante zwar schnell aus. Dort werden jedoch andere Impfstoffe verwendet, die weniger Schutz bieten.

Inwieweit der Impfstoff von Johnson & Johnson gegen die Delta-Variante wirkt, ist noch unklar. Er muss laut Zulassung nur einmal verabreicht werden. Es könnte sein, dass die Wirkung dieses Vakzins durch eine zweite Impfung verstärkt werden muss, um den Schutz vor der Delta-Variante zu verbessern.

Wie wirkt sich das aufs Reisen aus?

Aus vielen Ländern darf man inzwischen wieder nach Deutschland reisen - allerdings nicht aus sogenannten Virusvarianten-Gebieten, also aus Ländern, in denen eine gefährliche Mutante wie die Delta-Variante weit verbreitet ist. Dazu zählt die Bundesregierung seit Ende April Indien und seit Ende Mai Großbritannien. Wer zuletzt in einem Virusvarianten-Gebiet war, muss für zwei Wochen in Quarantäne - ohne Möglichkeit, sich vorher freizutesten. Strengere Regeln hält zumindest Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) derzeit nicht für nötig: "Ich möchte jetzt nicht vorschnell schon wieder sagen, wir müssen jetzt wieder einschränken", sagte er am Freitag und versicherte zugleich: "Der Blick natürlich auf Großbritannien, der Blick auf die Delta-Variante, den haben wir."

Was ist überhaupt diese Delta-Variante?

Die Delta-Variante ist eine Mutante des Sars-CoV-2-Erregers. Sie wurde zuerst im indischen Bundesstaat Maharashtra gefunden, in dem auch die Metropole Mumbai liegt. Das war im Oktober 2020. Ihre offizielle Bezeichnung war lange B.1.617.2. Ende Mai schlug die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor, die schwer verständlichen Zahlenkombinationen der Virusvarianten durch eine Bezeichnung mit griechischen Buchstaben abzulösen - aus B.1.617.2 wurde die Delta-Variante. Sie zählt zu den sogenannten "besorgniserregenden Varianten", eine Einstufung der WHO - im Englischen "variants of concern (VOC)". Biochemisch betrachtet gibt es bei ihr unter anderem Veränderungen im Spike-Protein an der Oberfläche der Viren. Dieses Protein ist zuständig dafür, dass der Erreger in eine Wirtszelle eindringen kann, wo er sich dann vermehrt. Die Alpha-Variante wurde vor Weihnachten zunächst unter der Bezeichnung B.1.1.7 bekannt.

Ist das normal, dass es so viele verschiedene Sars-CoV-2-Varianten gibt?

Viren verändern sich ständig. Während sie sich in menschlichen Zellen vermehren, schleichen sich Fehler in ihr Erbgut ein. Die meisten dieser winzigen genetischen Veränderungen (Mutationen), machen sich gar nicht bemerkbar, weil sie die Eigenschaften der Viren nicht beeinflussen. Andere werden für die Erreger zum Nachteil, etwa wenn eine Mutation bewirkt, dass die Viren nicht mehr an menschliche Zellen koppeln können.

Einige wenige Mutationen bringen aber auch Vorteile. Sie können zum Beispiel die Bindung an menschliche Zellen verstärken. Dann haben Viren einen Geschwindigkeitsvorteil gegenüber solchen Erregern, die diese Veränderung nicht tragen: Sie können sich schneller vermehren und verdrängen nach und nach die unveränderten Erreger. So lange, bis eine neue Variante entsteht, die noch größere Überlebensvorteile hat. Die Delta-Variante ist durchsetzungsfähiger als die Alpha-Variante, die wiederum durchsetzungsfähiger war als das ursprüngliche Virus.

Diese Evolution der Viren ist ein vollkommen natürlicher Vorgang, der durch das Verhalten der Menschen beschleunigt oder gebremst wird: Eine hohe Zahl von Infektionen begünstigt den Prozess, weil es dann mehr Mutationen gibt. Ist die Zahl der Infizierten gering, verlangsamt sich auch die Entwicklung von Viren mit neuen Eigenschaften.

Mit Material der Nachrichtenagentur Reuters

© SZ/ghe
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