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Autoindustrie:Was Teslas Gigafactory für Brandenburg bedeutet

Tesla plant Fabrik in Gemeinde Grünheide

Ein paar Bäume müssen weichen, damit in Grünheide die neue Tesla-Fabrik entstehen kann. Das Unternehmen verspricht allerdings dreifache Aufforstung an anderer Stelle.

(Foto: Monika Skolimowska/dpa)
  • Tesla findet optimale Bedingen für den Bau seiner geplanten Gigafactory in Grünheide. Denn das Gebiet wurde bereits für andere Investitionen erschlossen.
  • Auch die Bundes- und Landespolitik begrüßt Teslas Entscheidung für Deutschland und speziell für Brandenburg. Das Vorhaben soll 7000 neue Arbeitsplätze in die Region bringen.

Elon Musk und der Peetzsee, das ist nicht leicht zusammenzudenken. Eine Tesla-Gigafactory in der Urlaubsregion im Südosten Berlins. Die Gemeinde Grünheide mit 8500 Einwohnern ist bekannt für ihre Wälder und Seen, kurz vor der Einfahrt in den kleinen Ort begrüßt ein Denkmal zu Ehren der sowjetischen Soldaten Gäste. Und jetzt Tesla? Am frühen Morgen hat Bürgermeister Arne Christiani seine Mitarbeiter im Rathaus versammelt und ihnen mitgeteilt, was Elon Musk hier vorhat.

Auf dem kleinen Marktplatz vor dem Rathaus gibt es immerhin schon mal eine Elektrozapfsäule. Davor steht an diesem Morgen ein junger Mann, der ein weißes Tesla Model 3 fährt. Peer Heineken ist vor sieben Jahren hierhergezogen und glaubt, internationales Flair werde der Gegend guttun: "Das könnte sehr spannend werden." Der Hühnerbrater in der Mitte des Marktplatzes ist etwas zurückhaltender, die Straßen müssten dann unbedingt ausgebaut werden, sagt er.

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Das Ziel von Tesla liegt rund vier Kilometer südlich von Grünheide, dort, wo sich die Bahnstrecke von Berlin nach Frankfurt an der Oder mit dem Berliner Ring kreuzt. Vor einigen Jahren wollte hier zwischen Edeka-Lager und Autohof bereits BMW investieren, entschied sich dann aber für Leipzig. Das Areal ist es deshalb schon weitgehend erschlossen, der Bau der Fabrik könnte also schnell beginnen. Ein kleiner Kiefernwald muss abgeholzt werden, Tesla will aber Geld zur Verfügung stellen, um die dreifache Waldfläche wieder aufzuforsten.

Nicht nur in Grünheide ist man angesichts des Tempos von Musk baff. Am Mittag äußerte sich in Berlin auch die sichtlich überraschte Bundesregierung zu der Entscheidung vom Vorabend. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hält die Ankündigung des Amerikaners für verlässlich. "Nach all den Gesprächen und Kontakten, die stattgefunden haben, gehe ich davon aus, dass dies unterlegt wird mit konkreten Investitionsentscheidungen", sagte Altmaier in seinem Ministerium. Der Tesla-Chef hatte am Dienstagabend die mit Spannung erwartete Entscheidung fast beiläufig bekannt gegeben. Musk hatte im 19. Stock der Springer-Zentrale in Berlin-Kreuzberg den Autopreis "Goldenes Lenkrad" in Empfang genommen, als er auf der Bühne noch eine "Ankündigung" loswerden wollte: Tesla habe sich beim Bau einer neuen Fabrik für den Großraum Berlin entschieden, sagte er. Allerdings müsse der Standort schon etwas schneller fertig werden als der Berliner Flughafen. Als erstes Modell soll das SUV Model Y im neuen Werk vom Band laufen.

Auch andere Standorte standen zur Wahl

Tesla hat sich bisher auch wegen Subventionen für Standorte entschieden. Das ist branchenüblich, viele Regionen wollen ein Autowerk haben, aber Elon Musk macht das besonders exzellent. Für die Fabriken in den USA gab es Finanzhilfen, auch das Werk in Shanghai wird bezuschusst. Zugleich wird Tesla dort die Verkaufssteuer für die Wagen erlassen. Nun also Brandenburg: Kann Musk auch dort auf Hilfe hoffen? Wirtschaftsminister Altmaier stellte am Mittwoch klar: "Es ist bisher nicht über Subventionen gesprochen worden." Ein Unternehmer wie Musk tue dem Land gut und stärke die wichtigste deutsche Industrie. "Wir werden sicher in der Verwaltung das eine oder andere beschleunigen müssen", sagte Altmaier zum Zeitplan von Tesla.

Tesla - Elon Musk

Tesla-Chef Elon Musk gilt als Angstgegner der deutschen Autoindustrie.

(Foto: Jae C. Hong/dpa)

Aus Kreisen der Regierung hieß es, dass es seit Wochen Gespräche über einen möglichen Standort in Deutschland gegeben habe - aber auch viel Konkurrenz. Neben dem Großraum Berlin seien Standorte an der deutsch-französischen Grenze und sogar in Großbritannien im Gespräch gewesen. Mit Emissären von Musk sei auch über mögliche Finanzhilfen gesprochen worden, etwa durch die deutsche Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Regierung, German Trade & Invest (GTAI).

Vor allem Brandenburg habe die Pläne forciert. Dies sei ein Erfolg der Regierung in Potsdam, hieß es. Dort aber weiß man auch um die Probleme. So ist der Standort mit öffentlichen Verkehrsmitteln bislang kaum zu erreichen. Das will die Landesregierung ändern. "Sie glauben doch nicht, dass wir eine Investition in diesem Umfang an einem Bus scheitern lassen", sagte Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD).

Bei der Pressekonferenz in der Staatskanzlei in Potsdam beschreibt Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD), wie es zu dem Coup kam: 30 Leute hätten seit sechs Monaten verhandelt, "das ist eine Riesennummer für Brandenburg". Alles sei "absolut vertraulich" geblieben. Auch die Nähe zu Berlin habe Musk dazu gebracht, sich für den Standort zu entscheiden. Ausschlaggebend sei aber gewesen, dass "wir Spitzenreiter bei der Versorgung mit erneuerbaren Energien sind", sagte Woidke. "Wir können klimafreundliche Produkte auch klimafreundlich produzieren."

In Brandenburg hofft man auf 7000 neue Arbeitsplätze

Am Dienstag hätten der Tesla-Chef und der brandenburgische Wirtschaftsminister noch im Hotel Adlon eine Absichtserklärung unterzeichnet. Tesla wolle bereits im ersten Quartal 2020 mit dem Bau der Gigafactory beginnen, 2021 sollen die ersten Wagen produziert werden. Steinbach wollte keine genaue Investitionssumme nennen, die könne sich auch noch ändern, sei aber auf jeden Fall "ein mehrfacher Milliardenbetrag". Die Landesregierung rechnet mit rund 7000 Arbeitsplätzen, in der Gemeinde Grünheide wird bereits an einer neuen Raumplanung für zusätzliche Wohnungen gearbeitet. Die Investition Teslas wäre die größte in Brandenburg seit der Wende. Fraglich sei jetzt nur, ob es Elon Musk gelingt, den ehrgeizigen Zeitplan einzuhalten: eine Gigafactory so schnell aufzubauen wie in Shanghai.

Zu riskant

Teslas Entscheidung für Deutschland ist auch eine Entscheidung gegen Großbritannien. Im Vereinigten Königreich war die Hoffnung jedenfalls groß, dass der Elektroauto-Hersteller einen Standort in England für seine Fabrik oder sein Ingenieurs- und Designzentrum wählen würde. Doch daraus wurde aus einem ganz bestimmten Grund nichts. "Der Brexit machte es zu riskant, eine Gigafabrik in Großbritannien zu errichten", sagte Tesla-Chef Elon Musk der britischen Zeitschrift Auto Express nach seiner Entscheidung in Berlin. Die Unsicherheit, die der EU-Austrittsprozess mit sich bringt, war Musk offenbar zu groß. Schließlich ist noch immer völlig offen, wann Großbritannien die Europäische Union verlässt. Selbst wenn dies wie geplant am 31. Januar gelänge, gäbe es für Unternehmen keine Garantie, dass es künftig keinerlei Zölle oder sonstige Handelshindernisse zwischen Großbritannien und der EU gibt. Angesichts der anhaltenden Unsicherheit hatte zuletzt die Ratingagentur Moody's den Ausblick für Großbritannien von "stabil" auf "negativ" gesenkt. Als Grund nannte die Agentur die Verunsicherung und Lähmung durch den Brexit sowie eine wahrscheinliche Verschlechterung der britischen Wirtschaftskraft. Alexander Mühlauer

Während Bernhard Mattes, Chef des Automobilverbands VDA, findet, dass die Ansiedlung von Tesla den Automobilstandort Deutschland stärkt, fallen die Reaktionen von Managern einiger deutscher Premiumhersteller verhalten aus: Man müsse erst einmal sehen, was da genau gebaut werde. Tesla ist der große Angstgegner der deutschen Autoindustrie - der aber immer noch nicht dauerhaft Geld verdient. Da liegen Sorge und Spott nah beinander. In den USA sind die Verkaufszahlen des Model S immer noch höher als die der deutschen Oberklassemodelle. Zum Mittelklasse-Stromer Model 3 gibt es weder von BMW noch von Audi oder Mercedes ein vergleichbares Angebot, das der Kunde heute schon kaufen kann.

Nun ein Werk in Deutschland - das ist ein direkter Angriff auf die hiesige Industrie. Der aber auch Audi, BMW und Mercedes helfen könne, glaubt Nord-LB-Analyst Frank Schwope: "Es tut den Premiumherstellern gut, wenn sie Druck bekommen, das beschleunigt die sowieso nötige Transformation hin zur Elektromobilität." Tatsächlich sind die deutschen Autobauer immer noch etwas verhalten beim Wechsel der Antriebsart, aus gutem Grund, kann man doch nur mit Verbrennern gutes Geld verdienen. Einzig VW-Chef Herbert Diess beschwört andauernd und laut die Elektromobilität - als Vorbild hat er seinen Leuten aber eben auch Elon Musk und Tesla beschrieben.

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