Internationaler Fußball:Wie sich die Hierarchien auf dem Transfermarkt zuspitzen

Die Köpfe der EM

Stürmer, Kategorie sündteuer: Englands derzeit bester Neuner Harry Kane, hier nach seinem Tor im EM-Achtelfinale gegen Deutschland, soll für einen monströsen Betrag von Tottenham zu Manchester City wechseln.

(Foto: Andy Rain/dpa)

Die Beispiele Harry Kane und Jadon Sancho zeigen: Ganz vorne sind vier Klubs ausgerissen, drei englische und Paris - alle anderen strampeln hinterher.

Von Christof Kneer

Sehr lässig saß Sasa Kalajdzic in Kitzbühel vor den Reportern, und man sah ihm an, dass er keinesfalls schwindelte, als er sagte: "Ich bin sehr entspannt." Vielleicht ist es nicht schwer, so fidel da herumzusitzen, wenn man Sasa Kalajdzic ist. Der junge Österreicher ist im Besitz eines bemerkenswert heiteren Gemüts. Im Grunde ist es Verschwendung, so ein Kommunikations- und Gute-Laune-Talent hauptberuflich einem Ball hinterherzuschicken, im diplomatischen Dienst wäre so einer gut aufgehoben.

Kalajdzic hat die Fähigkeit, auf eine geradezu liebenswürdige Art Dinge zu sagen, von denen man gar nicht so genau weiß, ob man sie überhaupt hören will. Im Trainingslager des VfB Stuttgart sagte er einerseits, er könne sich "natürlich vorstellen", den noch bis 2023 laufenden Vertrag beim VfB zu verlängern, er habe "viel Spaß mit den Teamkollegen, meinen Freunden". Er sagte aber auch: "Wenn ich und meine Engsten der Meinung sind, dass es ein Angebot gibt, was mich beeindruckt, dann mache ich das auch." Das muss man erstmal schaffen: auf so verbindliche Art unverbindlich bleiben.

Den Erfolg seines beredten Schweigens durfte Kalajdzic anschließend in den Rezensionen verfolgen. Der eine Teil der Berichterstatter stellte heraus, dass der Stürmer sich in Stuttgart wohlfühle und die Stadt nur im Falle eines unfassbar unwiderstehlichen Angebots verlassen würde; der andere Teil konzentrierte sich bei der Gesprächswiedergabe auf den "Dann mache ich das auch"-Part, mit dem unsichtbaren Untertitel: Kalajdzic auf dem Absprung. Belastbar ist zurzeit keine der beiden Versionen, auch wenn sie beim VfB davon ausgehen, dass ein Verbleib des umschwärmten Stürmers immer noch deutlich wahrscheinlicher ist als ein Abschied. Am ehesten trifft es wohl die dritte Deutungsart: "Kalajdzic vermeidet Bekenntnis zum VfB."

Warum sollte sich ein Stürmer in diesen Tagen auch bekennen?

ManCity, Chelsea, ManUnited und Paris vergrößern weiter ihren monetären Vorsprung

Am Tag nach Kalajdzics Auftritt im Trainingslager meldete die britische Sun, der Spitzenklub Tottenham Hotspur habe schweren Herzens einem Wechsel seines Topstürmers Harry Kane zugestimmt; neuer Arbeitgeber des 27-Jährigen soll der englische Meister Manchester City sein. Der Klub von Trainer Pep Guardiola sei bereit, 160 Millionen Pfund (187 Millionen Euro) zu bezahlen. Eine Summe, die schwere Herzen leichter macht.

Mit dem lustigen Sasa Kalajdzic hat diese Nachricht nichts und vielleicht alles zu tun.

Sasa Kalajdzic

Bleibt er wohl beim VfB? Sasa Kalajdzic.

(Foto: Tom Weller/dpa)

Auch wenn Kenner des Marktes in den nächsten Wochen eine coronabedingt etwas langweiligere Version des klassischen Transferdominos erwarten, so wäre Harry Kane dennoch der mächtige erste Stein, der ein paar andere zum Umkippen bringt. Tottenham wird einen neuen Mittelstürmer brauchen, mit 187 Millionen Euro könnten sie sich etwa vier Kalajdzics leisten. Kenner des Marktes erwarten zwar, dass ihnen ein Kalajdzic reichen würde, dennoch wird der Handelsplatz Europa nun nervöser werden.

Insider berichten von mindestens vier, fünf Stürmern, die für die freie Tottenham-Planstelle in Frage kommen: der Belgier Divock Origi, 26, vom FC Liverpool, der Uruguayer Maxi Gomez, 24, vom FC Valencia, der Niederländer Wout Weghorst, 28, vom VfL Wolfsburg, der Franzose Marcus Thuram, 23, aus Mönchengladbach - oder eben Stuttgarts Kalajdzic, 24.

Vielleicht wird Corona das große Transferspiel ein wenig kleiner machen, aber eines wird die Pandemie auf jeden Fall verschärfen: das Gefälle in den europäischen Transferhierarchien. Wie in einem Brennglas zeigt sich gerade, wer auf dem Markt noch was kann. ManCity kann dank eines großzügigen Emirats immer noch 160 Millionen Pfund ausgeben, auch die bestens bemoosten Paris St. Germain, FC Chelsea und Manchester United zählen zu jener obersten Hierarchie-Ebene, deren Angehörige sich trotz Virus weiter all das leisten können, was sie möchten - Dortmunds Jadon Sancho etwa, dessen Transfer zu Manchester United am Freitag erstaunlicherweise als perfekt gemeldet wurde (erstaunlich, weil man das Gefühl hatte, der Deal wäre eh längst vollzogen). 85 Millionen Euro kassiert der BVB für den Flügelspieler. Etwa 30 davon sollen an PSV Eindhoven weitergeleitet werden, zum Erwerb des Flügelspielers Donyell Malen, der beim BVB in die Sancho-Rolle schlüpfen soll.

North Macedonia v Netherlands - UEFA Euro 2020: Group C

Wechselt er bald zum BVB? Donyell Malen.

(Foto: Dean Mouhtaropoulos/Getty Images)

So lässt sich nun aus all den Gerüchten, Halb-, Dreiviertel- und Ganztransfers ein relativ präzises Streckenprofil des Corona-Transfermarktes erstellen, das an einen Hors-Catégorie-Anstieg bei der Tour der France erinnert. Die beiden Manchesters, Chelsea und Paris radeln schweißfrei vorneweg, mit jedem Meter vergrößern sie ihren Vorsprung, und sie gehen nicht mal aus dem Sattel dabei.

Der FC Liverpool hat abreißen lassen, aber immer noch Blickkontakt, der FC Bayern kommt schon drei, vier Kehren dahinter. Wo Real Madrid und der FC Barcelona sich befinden, ist nicht ganz klar, das Kameramotorrad hat sie vorübergehend verloren. Sind sie noch in der ersten Verfolgergruppe oder strampeln sie irgendwo dazwischen? Und was man auch nicht weiß: Könnten die Bayern schneller fahren, schonen sie sich vielleicht nur für die Bergetappen im nächsten oder übernächsten Jahr? Fahren sie deshalb im Windschatten von Tottenham, Arsenal und den Italienern vom Team Juventus, deren unbewegten Mienen sich ebenfalls nicht entnehmen lässt, ob sie am Anschlag sind?

Der VfB Stuttgart liegt weit zurück, die Schwaben fahren gerade erst rein in den Berg, und man sieht ihnen an, welcher Zwiespalt sie am Beginn des Aufstiegs quält. Würden sie Kalajdzic in den nächsten Wochen noch verkaufen, kämen sie finanziell schneller voran. Aber sportlich wären sie dann erst recht abgehängt.

© SZ/mok/and
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