Olympia während Corona:Spiele, egal, was passiert

File photo of Japan's bullet train speeding past Mount Fuji in Fuji city, west of Tokyo

Höher, schneller - überehrgeizig? Unter dem Fuji, Japans mythischem Berg, rast der Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen vorbei, seit 1964 das Symbol für die technologischen Ambitionen des Landes.

(Foto: Reuters)

Die Olympischen Spiele, die in Tokio inmitten einer Pandemie eröffnet werden, vereinen mehr als die üblichen Gegensätze. Über die Frage, was das größte Sportereignis der Welt noch retten kann und soll.

Essay von Thomas Hahn, Tokio

Das erste Spiel der pandemischen Spiele von Tokio fand am Mittwochmorgen im Azuma-Baseball-Stadion von Fukushima statt. Japan traf auf Australien im Softball, das zum ersten Mal seit 2008 wieder im olympischen Programm ist. Die Zuschauerränge waren leer, dafür waren viele maskierte Volunteers und Sicherheitskräfte da. Geraune und manchmal auch Anfeuerungsrufe kamen vom Band.

Auf der Anzeigetafel des Stadions wurden hin und wieder winkende Fans eingeblendet. Vor dem Stadion erinnerten geschlossene Zeltbuden daran, dass man hier mal mit Menschen rechnete. Japan gewann 8:1. Anschließend verhielten sich die Sportlerinnen professionell, sie erschienen mit Corona-Masken bei der Pressekonferenz und meckerten nicht.

Auch die unterlegenen Australierinnen waren nicht aus der Ruhe zu bringen. Anfang Juni kamen sie als erste Olympiamannschaft nach Japan, seither haben sie sich zum Infektionsschutz nur in ihrer eigenen Blase zwischen Hotel und Softballplatz bewegt. Alles kein Problem, war ihre Botschaft von Anfang an, und nach dem Duell sagte ihre Spielführerin Stacey Porter, dass man leben könne ohne diese Atmosphäre mit Menschen auf den Tribünen: "Wir haben 13 Jahre gewartet, um auf die olympische Bühne zu kommen, deshalb gehen wir da raus und spielen, egal, was passiert."

Spielen, egal, was passiert. Das ist dann wohl der Spirit dieses großen Sportfests, das am Freitag in der japanischen Hauptstadt mit Mannschaften aus rund 200 Ländern feierlich eröffnet werden soll. Dieses unbedingte Bekenntnis zur eigenen Rolle unter den Ringen klingt tapfer - und menschlich kann man es verstehen.

Olympia ist die Bühne, die Sportarten wie Schwimmen, Leichtathletik oder jetzt eben wieder Softball in der öffentlichen Wahrnehmung einen Sinn gibt. Fördergeld hängt auch in Deutschland maßgeblich von Leistungen bei Olympia ab. Die Olympiade, der Zyklus von normalerweise vier Jahren, gibt den Takt vor, nach dem Athletinnen und Athleten ihr Training steuern.

Wer dabei ist, kommt mindestens einmal groß in die Medien und hat bessere Aussichten auf geldwerte Aufmerksamkeit. Wer nicht dabei ist, versinkt in Anonymität. Es stimmt, das Internationale Olympische Komitee (IOC) sammelt die Milliarden aus Fernsehverträgen und Sponsoren nicht nur für sich. Sondern um die Verbände des Weltsports daran zu beteiligen und so seine Vielfalt und Kultur zu finanzieren.

Olympia 2021 ist bisher eine Abfolge von Meldungen, die zeigen, dass das Riesenereignis in der Gesundheitskrise nicht funktioniert

Trotzdem: Spielen und Spiele, egal, was passiert - in dem Satz liegt auch viel Rücksichtslosigkeit und Desinteresse an größeren Zusammenhängen. In diesem zweiten Sommer der Pandemie bedeutet er: Wir, die wir spielen, scheren uns nicht um die andauernde Corona-Krise. Um die Todesopfer, die diese weltweit immer noch fordert. Und um all die Mediziner, die mit ernster Sorge davor warnen, dass das größte Sportfest der Welt als Superspreader-Event von Tokio aus neue Coronavirus-Mutanten in die Welt tragen könnte.

Natürlich wird das niemandem in der olympischen Familie wirklich egal sein, aber das tiefere Problem dieser Spiele möchte offenbar auch niemand wahrnehmen. Augen zu und hinein in die Kulissen des Fernsehsports - das ist die Mission der Teilnehmenden 2021. Es ist ein Kampf gegen das Vergessenwerden und um das Überleben der olympischen Kernsportarten.

Die Frage ist, ob diese Spiele wirklich etwas retten, nachdem man es im vergangenen Jahr versäumt hat, sie um zwei Jahre zu verschieben. Oder ob die Rettung nicht doch darin bestanden hätte, sie ausfallen zu lassen, sich mit Behörden, Verbänden, Sponsoren und Fernsehsendern auf eine Lösung zu einigen, welche den besonderen Härten der Pandemie gerecht wird. Olympia 2021 ist bisher eine ständige Abfolge von Meldungen, die zeigen, dass das Riesenereignis in der aktuellen Gesundheitskrise nicht funktioniert.

Fackellauf erreicht Olympia-Stadt Tokio in getrübter Stimmung

Die Olympischen Spiele sollen Hoffnung und positive Gefühle verströmen - das klappt nicht bei jedem.

(Foto: Eugene Hoshiko/dpa)

Ein Sponsor nach dem anderen distanzierte sich zuletzt von der Eröffnungsfeier, weil die Anwesenheit gerade nicht gut wäre für das Ansehen bei der Kundschaft; immerhin herrscht der dritte Coronavirus-Notstand des Jahres in Tokio, und die Infektionszahlen steigen. Trotz Sicherheitsvorkehrungen gibt es im olympischen Umfeld ständig positive Fälle, am Mittwoch wurden die Fälle von fünf weiteren Athleten publik, darunter die britische Sportschützin und Gold-Favoritin Amber Hill - die 23-Jährige wurde vor ihrem Abflug nach Japan positiv getestet und wird die Spiele verpassen. Ganze Mannschaften mussten zuletzt in Isolation.

Andere reagieren, um sich zu schützen. Die US-Turnriege um Olympiasiegerin Simone Biles wird deshalb nicht ins olympische Dorf in Harumi einziehen. Trainerin Cecile Landi hatte schon am Sonntag getwittert: "Wir haben das Gefühl, wir können die Athletinnen und unsere Sicherheit besser in einem Hotelumfeld kontrollieren."

Im Fernsehen kann die Welt in Trümmern liegen - die Wettkämpfe sehen so aus, als wäre alles heil

Der Kampf gegen die Verbreitung des Coronavirus verdrängt die Themen des Sports. Olympia sollte mal das Fest zum Ende der Pandemie werden. Immer noch sprechen Funktionäre und Politiker wie der japanische Premierminister Yoshihide Suga davon, dass die Spiele Hoffnung und positive Gefühle verbreiten sollen. Tatsächlich stehen sie gerade für einen ungesunden Trotz des Menschen, für eine Brechstangenmentalität, mit der er schon viel Natur zerstört hat.

Das Olympia des 21. Jahrhunderts stellt sich in Tokio dar wie die etwas abgeschwächte Form einer Science-Fiction-Vision. Ein Virus hat die Welt befallen. Die Menschen können sich nicht mehr vertrauen, weil jeder es haben kann. Ihre Gesichter sind nur noch in den Bildschirmen der digitalen Kommunikation zu sehen. Ansonsten verschwinden sie hinter Masken. Statt Hoffnung herrscht die Einsicht, dass man mit dem Virus leben muss. Olympia wird zur Show, die eigentlich nicht geht.

Was daraus wird, ist schwer zu sagen. Im Fernsehen kann die Welt drumherum in Trümmern liegen, und trotzdem sehen die Wettkämpfe so aus, als wäre alles heil. Sportler, Trainer, Funktionäre, Fernsehkommentatoren wissen, was für sie von Olympia abhängt - gut möglich, dass sie die zuschauerlosen Corona-Spiele deshalb demonstrativ gut finden. Vielleicht hat auch der deutsche IOC-Präsident Thomas Bach recht mit seiner Annahme, dass die ersten japanischen Medaillen die vielen Olympia-Gegner im Land versöhnen werden.

Die olympische Bewegung steht an einer entscheidenden Wegmarke n ihrer Geschichte

Allerdings sollte sich niemand darauf verlassen. Die Corona-Krise ist anders als die üblichen Doping-Affären, Korruptionsenthüllungen - oder auch jene Spiele-Vergabe an Brisbane, die bei der IOC-Session am Mittwoch besiegelt wurde, nachdem ein kleiner Zirkel die australische Stadt in einem neuen, intransparenten Verfahren den IOC-Mitgliedern vorgesetzt hatte, als einzigen Kandidaten für das Sommer-Event 2032. Sehr zum Unmut der düpierten Mitbewerber übrigens. Aber das sind Dinge, die ein professioneller Sportpolitiker routiniert aussitzt.

Wenn das Hygiene-Konzept bei den Spielen nicht funktioniert, sind Menschen in Gefahr, da kann man dann nicht einfach abwarten, bis die Wolken vorbeigezogen sind. Das wirkliche Leben würde die Kunstwelt des Sports überholen. Und dann würden vielleicht auch mal Staaten oder die Vereinten Nationen hinterfragen, ob diese nichtstaatliche Organisation IOC mit ihren knapp hundert stimmberechtigten Mitgliedern und der Lizenz, milliardenschwere Mammutsportfeste zu vergeben, eigentlich der Menschheit wirklich guttut.

Die Olympischen Spiele stehen an einem entscheidenden Punkt ihrer Geschichte. Ihr Programm wirkt in Tokio beliebiger denn je. Es gibt zahlreiche Premierensportarten, darunter die Kompromissdisziplin 3x3-Basketball und den alten Lifestyle-Sport Surfen, dessen Werte mit Medaillen nicht aufzuwiegen sind. Olympia soll dringend jung aussehen, aber wie das so ist, wenn Leute ohne Nähe zur Basis der Jugend gefallen wollen: Es wirkt bemüht. Gleichzeitig muss das IOC wegen der Pandemie eine Verantwortung tragen, die über das Frisieren alter Wettkampfprogramme weit hinausgeht. Dafür wiederum wirkt es nicht reif genug.

Die pandemischen Spiele in Tokio werden das Fest einer gezeichneten Welt, in der die globalen Probleme zu groß geworden sind, um sie mit Marketingtricks, Gaudi-Hightech, Medaillengeklimper und Stehsätzen zu lösen. Kein Wunder, dass die Sportmarketender und Wirtschaftsanwälte im IOC damit überfordert sind. Aber auf Dauer werden sie sich besinnen müssen. Wenn die olympischen Ringe weiter für einen Zeitgeist stehen, der immer nur spielt, egal, was passiert, wird sie irgendwann keiner mehr brauchen.

© SZ/jkn/sjo/tbr/pps
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