Interims-Bundestrainer Horst Hrubesch:"Ich habe die Mannschaft einfach lieben gelernt"

Interims-Bundestrainer Horst Hrubesch: "Mir fehlt diese Freude, die sie sonst immer gehabt haben", sagt Horst Hrubesch.

"Mir fehlt diese Freude, die sie sonst immer gehabt haben", sagt Horst Hrubesch.

(Foto: Florian Wiegan/Eibner/Imago)

Bei seiner Vorstellung spricht Horst Hrubesch mit Zuneigung über das Frauen-Nationalteam. Der 72-Jährige hat eine klare Vorstellung, wie es rausgehen soll aus der Krise - die in seinen Augen nicht nur sportliche Gründe hat.

Von Anna Dreher

Bevor es losging, wurden Fotos gemacht, Archivmaterial konnte schließlich schlecht verwendet werden. Als Horst Hrubesch das erste Mal das Frauen-Nationalteam interimsweise als Bundestrainer übernommen hatte, war der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) noch nicht Bernd Neuendorf, der nun am Freitag neben Hrubesch auf dem Podium saß, sondern Reinhard Grindel. Und die Personalie entschied nicht, wie diesmal, der neu eingeführte Geschäftsführer Andreas Rettig mit, sondern der damalige kommissarische Sportdirektor, der praktischerweise auch Horst Hrubesch hieß.

Bei der Präsentation des 72-Jährigen auf dem DFB-Campus in Frankfurt als Interims-Coach 2.0 war also so manches neu, manches erinnerte aber auch an das Frühjahr 2018. Womöglich bringt genau diese Mischung den so dringend benötigten Erfolg zurück, während Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg auf unbestimmte Zeit erkrankt fehlt.

Er habe jedenfalls, stellte Hrubesch gleich zu Beginn klar, keine Bedenken gehabt, die Aufgabe erneut zu übernehmen - auch wenn er sich eigentlich endgültig vom DFB verabschiedet hatte. Viele Spielerinnen habe er immer wieder getroffen, die Verbindung sei nie abgerissen: "Teilweise haben sie mir auch zu Weihnachten eine Karte geschrieben, und ich habe ihnen zum Geburtstag gratuliert." Dass es nun um die Qualifikation für die Sommerspiele 2024 gehe, sei ein weiterer Faktor gewesen, beim DFB auszuhelfen, neben seinem Job als Nachwuchsdirektor des Hamburger SV. "Du musst einfach dabei sein!", sagte Hrubesch über das Olympia-Turnier, das die Frauen bereits 2021 verpasst, aber 2016 in Rio gewonnen hatten - während Hrubesch mit den U23-Fußballern Silber holte.

Die nächsten Schritte sollen folgen, sobald Bundestrainerin Voss-Tecklenburg wieder gesund ist

Allein aus sportlichem Ehrgeiz speist sich sein Verantwortungsgefühl aber nicht. "Ich habe die Mannschaft einfach lieben gelernt", sagte Hrubesch. "Was ich da gekriegt habe, was ich mitnehmen konnte, war schon sensationell gut. Auch für mein Leben." Es ist bekannt, dass die Wertschätzung auf Gegenseitigkeit beruht. Diverse Aussagen zeugen davon. Zuletzt sagte bei der Bundesliga-Partie zwischen dem FC Bayern und Eintracht Frankfurt Linda Dallmann der SZ über das bekannte neue Führungs-Duo Hrubesch und Thomas Nörenberg, der zurückkehrt als Assistenztrainer: "Das hat der Mannschaft eine extreme Freude gegeben. Die beiden strahlen einfach etwas aus, das mit Erfahrung und Lockerheit zu tun hat. Ich glaube, das ist das, was die Mannschaft gerade braucht."

2018, bei Hrubeschs erster Mission, stand die WM-Qualifikation auf dem Spiel, nun ist es Olympia. In der hierfür entscheidenden Nations League liegt Deutschland auf Gruppenplatz zwei hinter Dänemark - und muss vorbeiziehen, um es als Erster in die Endrunde zu schaffen. Nach den Partien gegen Wales am kommenden Freitag und in Island am 31. Oktober (ohne die nach einer Gehirnerschütterung geschonte Torhüterin Merle Frohms) steht im Dezember das Rückspiel gegen die Däninnen an, zum Jahresabschluss geht es gegen Wales. Vorerst für diese vier Aufgaben gilt Hrubeschs Tätigkeit, Verlängerung nicht ausgeschlossen. Wie 2018 soll er Selbstbewusstsein und Spielfreude wiederbeleben. Dass Letztere abhandengekommen zu sein scheint, fiel auch Hrubesch auf: "Mir fehlt diese Freude, die sie sonst immer gehabt haben. Und diese Charaktereigenschaft, nie aufzugeben, immer wieder da zu sein, wach zu sein", sagte er. "Das ist das, was mich so ein bisschen irritiert hat. Vor allem bei der WM."

In Australien war der achtmalige Europa- und zweimalige Weltmeister historisch früh in der Vorrunde ausgeschieden und im Kontrast zum EM-Finale 2022 in eine Krise gestürzt, die spürbar nachwirkt. Der Abschluss der WM-Analyse steht aus, weil hierfür Voss-Tecklenburg zurückkehren muss, die sich Anfang September auf unbestimmte Dauer krankgemeldet hat. Präsident Neuendorf betonte erneut die Verantwortung des DFB als Arbeitgeber bis zur Gesundung der 55-Jährigen: "Wir haben die klare Verabredung, dass wir uns dann zusammensetzen. Diese Zeit geben wir ihr und die geben wir uns."

Interims-Bundestrainer Horst Hrubesch: Von der Rückkehr der erkrankten Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hängt gerade einiges ab beim DFB.

Von der Rückkehr der erkrankten Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hängt gerade einiges ab beim DFB.

(Foto: Memmler/Eibner/Imago)

Doch nicht nur der Austausch mit der Bundestrainerin zur Aufarbeitung der Vergangenheit und Klärung der Zukunft drängt, sondern auch die Besetzung der DFB-Direktorenstelle Frauenfußball. Die Liste soll auf weniger als fünf Kandidaten verdichtet worden sein, erste Gespräche wurden laut Rettig bereits geführt. "Wir arbeiten mit Hochdruck daran, weil der- oder diejenige hier bei dem Prozess dabei sein sollte, wenn es um die Nachfolge geht", sagte er. Eine Neubesetzung sei zwar nicht ausgemacht und die nächsten Schritte abhängig von der Situation Voss-Tecklenburgs, aber: "Wir müssen darauf vorbereitet sein, dass es keine Rückkehr gibt." Sobald möglich, will Rettig auf die Bundestrainerin zugehen. Was in gewisser Weise zeigt, dass der DFB bald damit rechnet, denn allzu lange kann sich der Verband diese Baustellen nicht leisten.

So bildet momentan Hrubesch mit seiner Ruhe und Erfahrung jenen Anker, den die Nationalspielerinnen vor Wochen selbst gefordert hatten, um die Unsicherheit zu beenden. Ob damit die Souveränität auf dem Platz zurückkehrt? Hrubesch hat die entscheidenden Faktoren jedenfalls schon ausgemacht. Dem Team um Kapitänin Alexandra Popp habe es an Tempo gefehlt, das Spiel sei über zu viele Kontakte gelaufen. Man müsse jetzt die Köpfe frei kriegen und wieder Spaß haben. Ehrlichkeit sei der entscheidende Faktor - wie auch Verantwortung. "Ich habe immer versucht, den Mädels auf den Weg zu geben: Sie haben eine Eigenverantwortung. Die erwarte ich von ihnen wieder", sagte Hrubesch: "Bei mir ist es so, du kriegst nichts geschenkt. Ich will auch nichts geschenkt haben." Sich gegenseitig mit dem Einzug in die Nations-League-Endrunde ein kleines vorweihnachtliches Geschenk zu machen, schließt das ja nicht aus.

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