Neuer Bundestrainer:Der DFB zieht den Joker Hrubesch

Neuer Bundestrainer: Hallo, da bin ich wieder! Horst Hrubesch hat dem Nationalteam der Frauen schon 2018 geholfen - nun hofft der DFB auf den gleichen Effekt.

Hallo, da bin ich wieder! Horst Hrubesch hat dem Nationalteam der Frauen schon 2018 geholfen - nun hofft der DFB auf den gleichen Effekt.

(Foto: Marcus Brandt/dpa)

Seit der Erkrankung von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg wurde spekuliert, wie es bei den DFB-Frauen weitergeht. Nun übernimmt interimsweise Horst Hrubesch - die Spielerinnen dürfte das freuen.

Von Anna Dreher

Vergangene Woche, sie hatten gerade 4:0 gegen Island gewonnen, wollten die deutschen Nationalspielerinnen auch vor den Mikrofonen klare Signale aussenden. Was vorher vor allem intern ausgesprochen worden war, musste nun öffentlich raus. Der Druck auf die Verantwortlichen wurde erhöht. "Wir brauchen möglichst schnell Klarheit", sagte Kapitänin Alexandra Popp. Ob "Martina, Britta oder Ich-weiß-nicht-wer", sie würde gerne erfahren, wie es weitergehe auf dem Posten der Bundestrainerin. Lena Lattwein offenbarte, dass die Ungewissheit das Team belaste, Torhüterin Merle Frohms setzte die Frist bis zu den nächsten Partien Ende Oktober.

Diese Klarheit hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) nun zumindest für einen gewissen Zeitraum geschaffen. Am Samstag um 15 Uhr verschickte der Verband die Mitteilung mit dem Titel: "Hrubesch wird interimsweise Bundestrainer."

Seit Anfang September bekannt wurde, dass Martina Voss-Tecklenburg sich krankgemeldet hat, herrschte Unsicherheit auf dieser zentralen Position. Auf einmal stand der DFB nicht nur ohne Sportchef und Bundestrainer der Männer da, sondern auch ohne sportliche Leitung der Frauen. Und während mit Andreas Rettig und Julian Nagelsmann zwei Vakanzen besetzt wurden, blieben rund um Voss-Tecklenburg weiter Fragezeichen. Wie es ihr wirklich geht und was genau sie hat, ist nicht bekannt. Die 55-Jährige selbst hat sich bis heute nicht geäußert. Dafür erklärte ihr Ehemann, sie sei mental und körperlich erschöpft. Nach eigenem Bekunden wissen auch die Spielerinnen nichts Genaues.

Wann, ob und in welcher Rolle Voss-Tecklenburg zurückkehrt, bleibt unklar

Mit Horst Hrubesch kehrt nun ein guter alter Bekannter zurück. Der DFB zieht einen Joker, der vor ein paar Jahren schon mal zu einem Ass geworden war: Nach der kurzen und erfolglosen Amtszeit von Steffi Jones hatte Hrubesch die DFB-Frauen 2018 acht Monate lang betreut, bis Voss-Tecklenburg am 30. November offiziell vorgestellt wurde. Wie damals wird der bei den Spielerinnen ebenfalls beliebte Thomas Nörenberg sein Assistenztrainer, beide haben zuletzt für den Hamburger SV gearbeitet, Hrubesch als Nachwuchsdirektor. Dieses Amt wird er neben den DFB-Aufgaben weiter ausüben, hieß es vom Verein. "Für mich ist es eine Herzensangelegenheit. Ich musste bei der Anfrage nicht lange überlegen", wird Hrubesch in der HSV-Mitteilung zitiert. Aus dem Mannschaftsumfeld ist zu hören, dass die Spielerinnen selbst wieder mit ihm zusammenarbeiten wollten.

Co-Trainerin Britta Carlson, die nach der Weltmeisterschaft in Australien stellvertretend in die erste Reihe gerückt war, wird vorerst bleiben. Sich selbst als Nachfolgerin hatte die 45-Jährige schnell ausgeschlossen. Assistenztrainer Michael Urbansky wechselt in den weiblichen U-Bereich.

Neuer Bundestrainer: 2018 gemeinsam an der Seitenlinie, nun bilden Horst Hrubesch, Thomas Nörenberg und Britta Carlson erneut das Trainerteam der DFB-Frauen.

2018 gemeinsam an der Seitenlinie, nun bilden Horst Hrubesch, Thomas Nörenberg und Britta Carlson erneut das Trainerteam der DFB-Frauen.

(Foto: Neil Baynes/DeFodi/Imago)

Wann, ob und in welcher Rolle Voss-Tecklenburg zurückkehrt, bleibt unklar. "Mit Blick auf die hoffentlich weiter voranschreitende Genesung von Martina Voss-Tecklenburg sowie unter Berücksichtigung der sportlichen Entwicklung übernehmen Hrubesch und Nörenberg bis auf Weiteres", schreibt der DFB. Dass Voss-Tecklenburg weiter als Bundestrainerin arbeitet, ist kaum vorstellbar. Nach dem historisch frühen WM-Aus in der Vorrunde schloss sie einen Rücktritt aus, und der DFB sprach ihr zwar schnell sein Vertrauen aus - trotz bevorstehender Analyse. Doch abgesehen vom sportlichen Misserfolg wurden Dissonanzen bekannt, und zu deutlich interpretierbar fielen inzwischen die fehlenden Bekenntnisse der Spielerinnen aus, ob sie mit Voss-Tecklenburg weiter zusammenarbeiten wollen. Bei der Suche nach einer dauerhaften Lösung kursiert unter anderem der Name des kürzlich entlassenen türkischen National- und früheren deutschen U21-Trainers Stefan Kuntz.

In den Wochen ihrer Abwesenheit wurde spekuliert, ob Voss-Tecklenburg eine Kandidatin für den Posten als Direktorin des Frauen-Nationalteams sei. Im DFB-Organigramm wäre das ein Aufstieg in die zweite Reihe unter Geschäftsführer Rettig. Sie stünde dann auf einer Stufe mit den Verantwortlichen für den Nachwuchs, Hannes Wolf, und für die A-Nationalmannschaft, Rudi Völler. Ihr Vertrag läuft bis 2025. Ob es zu dieser Beförderung kommt, bleibt abzuwarten. Die Trainerfrage hingegen musste der DFB schleunigst zumindest übergangsweise beantworten, um die sich ausbreitende Nervosität in den Griff zu bekommen. Selbst Carlson hatte sich Klarheit gewünscht, "weil ich einfach möchte, dass wir, Deutschland, wieder so erstarken, wie es vorher mal war".

2018 wirkten die Spielerinnen mit Hrubesch als Bundestrainer wie befreit, die Konstellation harmonierte

Das sportliche Ziel ist klar: Nach dem 0:2 gegen Dänemark und dem 4:0 gegen Island stehen am 27. Oktober gegen Wales in Sinsheim und am 31. Oktober in Island die nächsten Partien der Nations League an. Noch hat das Nationalteam die Chance, sich für die Olympischen Spiele 2024 zu qualifizieren. Aber patzen darf der Gruppenzweite hinter Dänemark nicht mehr. Nur der Gruppensieger zieht in die Endrunde ein, lediglich zwei europäische Tickets werden in diesem neu geschaffenen Wettbewerb vergeben. Und 2025 steht dann die EM in der Schweiz an.

In Person von Hrubesch übernimmt nun jemand die Leitungsposition, der längst gezeigt hat, dass er Mannschaften erfolgreich führen kann. Mit der U21 um Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Mats Hummels, Sami Khedira und Mesut Özil ist er 2009 Europameister geworden und hat 2016 Olympia-Silber gewonnen. Als er die DFB-Frauen 2018 interimsweise anleitete, bewältigten sie mit ihm die zuvor in Gefahr geratene Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2019. Mit dem Europameister, Europapokalsieger und dreimaligen deutschen Meister als Coach fand das verunsicherte Team vor fünf Jahren wieder zu Selbstbewusstsein zurück. Um nichts anderes geht es nun auch wieder.

Damals sprach Hrubesch den Fußballerinnen vor allem viel Mut zu und arbeitete an Details sowie Grundlagen wie der Spielverlagerung, beides in Kombination brachte Vertrauen und Erfolg zurück. Was aber auch an der Art des Hamburgers lag. "Er hat das richtige Fingerspitzengefühl, das macht ihn aus", sagte Svenja Huth im SZ-Interview: "Horst Hrubesch hat diese natürliche Autorität, die ein Trainer braucht." Lina Magull beschrieb die Zeit als prägend, von jemandem wie Hrubesch lerne man "für sein Spiel, aber auch fürs Leben. Wir schätzen ihn alle sehr". Die Spielerinnen wirkten mit ihm als Bundestrainer befreit, die Konstellation harmonierte - und auch er schwärmte von den Fußballerinnen.

Als dann nach acht ungeschlagenen Partien Schluss war, gab es zur Feier Currywurst mit Pommes und zum Nachtisch Schokoladenkuchen, Hrubeschs Lieblingsgebäck. Der 13. November sollte nicht nur den Abschied als Interims-Bundestrainer der Frauen, sondern auch von der großen Fußball-Bühne markieren. Nach einer erfolgreichen Karriere als Spieler, Trainer und an unterschiedlichsten Stellen eingesetzter DFB-Mitarbeiter wollte Hrubesch so langsam in Rente und mit seiner Frau auf Reisen gehen. Dass dieser Plan nicht so ganz umgesetzt wurde, ist bekannt. Dass sein Weg ihn nochmal zurück zum Nationalteam der Frauen führen würde, dürfte auch ihn überrascht haben.

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