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Cristiano Ronaldo bei Real Madrid:Nie unter der Motorhaube des Fußballs

Seine athletischen Voraussetzungen sind das eine - seine hemmungslose Egozentrik ist das andere. Eitel ist Ronaldo nicht nur vor dem Spiegel, sondern auch auf dem Platz. "Messi, Messi", riefen ihm zum Hohn die Fans in Zagreb zu; das komme, weil er "reich und schön und ein großartiger Spieler" sei, sagte Ronaldo, "es gibt keine andere Erklärung".

Deutsche Fußballer bei Real Madrid

Wenn die Königlichen klingeln

Es schien, als ziehe Ronaldo bloß das Interesse der Statistiker auf sich und von Frauen, die Sixpacks nachzählen - aber eben nicht das Interesse der Fußball- Puristen. Als neulich der Schriftsteller Javier Marías, ein bekennender Apologet Reals, in seiner Kolumne über die Großen des Fußballs und die Frage nach- dachte, ob Messi dazugezählt werden muss (und das schließlich verneinte), erwähnte er auch den anderen Ronaldo, den dicken brasilianischen, sowie sechzehn andere Fußballer, darunter Gento, Charlton, Beckenbauer, Raúl. Cristiano Ronaldo erwähnte er nicht.

"Er hat nie die Motorhaube dieses Sports aufgemacht, um zu schauen, wie er funktioniert. Deshalb spielt er auch in einem permanenten Interessenkonflikt- zwischen seinen Interessen und denen der Mannschaft", sagte Michael Robinson, der frühere Europapokalsieger des FC Liverpool und heutige TV-Experte des spanischen Senders Canal+, vor zwölf Monaten. Und noch zu Beginn dieses Jahres hätte er das wohl kaum anders formuliert. Heute aber sagt er: "Ich glaube, dass man bei Ronaldo eine Entwicklung gesehen hat. Es ist keine Wendung um 180 Grad. Aber er hat seinem Spiel etwas hinzugefügt."

Man könne tatsächlich auf die Idee kommen, dass Ronaldo nun mannschaftsdienlicher spielt. Er hat in dieser Saison allein in der Liga elf Tore vorbereitet - Ronaldo ist damit hinter Mesut Özil, Ángel Di María und Messi der viertbeste Vorlagengeber der Liga. Die anderen Daten haben sich daneben nicht verschlechtert: Noch immer schießt Ronaldo alle 13 Minuten aufs Tor und schlägt alle zwei Minuten einen Pass. Dass Ronaldos Ausbeute gestiegen ist, führt Robinson vor allem auf einen Faktor zurück, der statistisch nicht zu erfassen ist: "Reibung". Ronaldo, sagt Robinson, spiele nun schon im dritten Jahr mit mehr oder weniger denselben Spielern. "Und es sind einige der phantastischsten Spieler der Welt." Die Frage, ob ihn Trainer José Mourinho besser gemacht hat, ist hingegen viel schwieriger zu beantworten.

Sowohl Ronaldo als auch Mourinho sind Portugiesen, doch ihre Beziehung ist nicht unkompliziert. Seit England. Als Ronaldo in Manchester agierte und Mourinho Trainer des FC Chelsea war, warfen sie sich öffentlich alles Mögliche an den Kopf. Mourinho unterstellte Ronaldo, sich fallen zu lassen; der entgegnete, alle Welt wisse, wie Mourinho ticke. Nichts von dem hat sich geändert - außer, dass beide nun im selben Boot sitzen und Ronaldo allmählich zu einem der Repräsentanten von Mourinhos Verschwörungstheorien geworden ist.

Mit wohlkalkulierten Gesten hat Ronaldo Schiedsrichtern unterstellt, Real im Stile von Taschendieben zu beklauen; in Villarreal ging er nach einem Unentschieden so weit, den Präsidenten des Gegners zu beschimpfen: "Dies ist ein Scheißplatz, und Sie sind unanständig!" Die Zeiten, in denen Ronaldo andeutete, dass ihm Mourinhos Taktik zu defensiv sei, sind wohl vorbei - auch weil der Trainer Ronaldo erklärt haben soll, dass er ihn taktisch protegiere.

Tatsächlich ist Ronaldo der einzige, der bei Real Madrid von Defensivarbeit explizit ausgenommen ist, um seine Torschussfrequenz aufrecht erhalten zu können. "Wasser, das vorübergeflossen ist, bewegt keine Mühle", sagt Ronaldo, "das interessiert mich alles nicht. Und auch die Tore interessieren mich nicht. Ich will Titel." Titel wie die spanische Meisterschaft, die Real in Aussicht hat - und die Champions League. Am Dienstag in München möchte er daher wieder seine Keule zeigen.