Winterwandern:Auf leisen Sohlen

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Winterwandern: Auf freigeräumten Wegen durch die verschneite Landschaft: Auch in der Region Seefeld in Tirol stellt man sich, wie in vielen anderen Urlaubsorten, auf Winterwanderer ein.

Auf freigeräumten Wegen durch die verschneite Landschaft: Auch in der Region Seefeld in Tirol stellt man sich, wie in vielen anderen Urlaubsorten, auf Winterwanderer ein.

(Foto: Johannes Geyer / Olympiaregion Seefeld)

Fürs Winterwandern muss man nicht hoch hinauf. Wo es schöne Routen gibt, und welche Ausrüstung man braucht.

Von Eva Dignös

Es ist erstaunlich. Selbst angestammte Skiregionen haben die Fußgänger entdeckt und werben nicht mehr nur mit ihren Pisten, sondern mit Winterwanderwegen. Mehr als 400 Kilometer davon soll es allein im Zillertal in Österreich geben. Auf leisen Sohlen hat sich der Trend herangeschlichen und etabliert sich zunehmend als entspannte Winterfreizeitbeschäftigung.

Warum?

Im Sommer geht Romy Robst, Wanderbloggerin und Wanderführer-Autorin mit großer Liebe zu Weitwanderwegen, hochalpine Touren. 700 Kilometer lang war die längste, acht Wochen am Stück war sie in Italien auf dem Sentiero della Pace unterwegs. Im Winter muss die Niedersächsin nicht so hoch hinauf, "da können auch die Mittelgebirge ungemein reizvoll sein".

500 Kilometer ist sie für ihr jüngstes Buch auf Schnee und Eis durch den Harz gewandert. Sonnentage waren selten, das Landschaftserlebnis trotzdem beeindruckend mit schummrigen Nebelschwaden, gefrorenen Wasserfällen oder von bizarren Eisschichten überzogenen Felsen. Und was im Sommer ein einfacher Spaziergang ist, kann nach Neuschnee zu einer durchaus herausfordernden Tour werden.

Wo?

Ab etwa 600 Metern Meereshöhe sind die Chancen auf knirschenden Schnee unter den Sohlen gut: In allen deutschen Mittelgebirgen gibt es ausgewiesene Winterwanderwege, vom Harz bis zum Bayerischen Wald, vom Hunsrück bis zur Sächsischen Schweiz. Mit 550 Kilometern "gebahnten und gewalzten Winterwanderwegen" wirbt der Hochschwarzwald, einige davon haben sogar den Segen der Wissenschaft: Sie wurden gemeinsam mit der Sporthochschule Köln ausgearbeitet, markiert sind sie mit einem schneeweißen Wanderer auf blauem Grund. Den findet man auch im Sauerland rund um Winterberg, wo die Hochschule ebenfalls an der Routenplanung beteiligt war. Und die knapp 20 Kilometer lange Tour rund um den Ochsenkopf im Fichtelgebirge ist unter den vom Deutschen Wanderverband zertifizierten "Qualitätswegen" der erste, dem volle Wintertauglichkeit attestiert wurde. "Winterwandern ist für viele Orte in den Mittelgebirgen eine Möglichkeit, für Touristen und Ausflügler interessant zu bleiben, auch wenn die Skigebiete nicht mehr schneesicher sind", vermutet Romy Robst: "Dafür genügen schon ein paar Zentimeter Schnee."

In den bayerischen Voralpen südlich von München sind viele aus dem Sommer bekannte Routen auch im Winter machbar, Rotwand, Fockenstein, Wank oder Hörnle gehören zu den beliebtesten. Wetter und Lawinenlage sollte man immer vorab prüfen - und bei der eigenen Leistungsfähigkeit realistisch bleiben: 700 Höhenmeter gehen im tiefen Schnee ganz anders in die Beine als an einem trockenen Herbsttag.

Auch in den Alpen bemüht man sich um die Winterwanderer. Vier "Winterwanderdörfer" gibt es in Österreich: Kartitsch in Osttirol, Filzmoos in Salzburg, Schladming in der Steiermark und das Kärntner Lesachtal. Rund um Seefeld in Tirol kann man auf einem Winter-Weitwanderweg sogar vier Tage lang im Schnee unterwegs sein.

Die klangvolle Etikettierung hat viel mit Marketing zu tun, doch ganz unabhängig davon hat es durchaus praktischen Nutzen, auf ausgewiesenen Winterwanderwegen zu bleiben: "Das bietet die Sicherheit, dass sie auch bei Schnee begangen werden können", sagt Robst und rät davon ab, sich auf der Karte oder einem Online-Tourenportal selbst eine Route zusammenzustellen, ohne sie auf ihre Wintertauglichkeit geprüft zu haben: "Da bleibt man schnell mal stecken und muss wieder umkehren." Informieren sollte man sich außerdem über Wildtier-Schutzgebiete - und sie respektieren. Von Querfeldein-Wanderern aufgescheucht zu werden, kann Auer- und Birkhühner lebensgefährlich viel Kraft kosten.

Ob dort, wo man wandern möchte, überhaupt Schnee liegt - auch das wäre gut zu wissen, bevor man sich aus dem grünen Flachland aufmacht in Richtung Wanderparkplatz. Bestes Fernrohr ins Gebirge sind die Webcams nahegelegener Skigebiete, direkte Links dorthin findet man beispielsweise auf dem Onlineportal bergfex.de.

Wie?

Gegenüber den meisten anderen Winteraktivitäten hat das Wandern einen großen Vorteil: Man braucht kaum Ausrüstung. Wer von Frühjahr bis Herbst gern draußen zu Fuß unterwegs ist, hat meist schon Funktionsshirt, Fleecepulli, Jacke und Hose im Schrank. Der größte Fehler? "Sich mit dem Winteranorak zu warm anzuziehen", sagt Romy Robst. Wer nach dem Aufstieg nass geschwitzt ist, friert beim Runtergehen. Besser ist das Zwiebelprinzip mit mehreren Schichten übereinander, die man nach Belieben an- und ausziehen kann.

Für festen Tritt auf glatten Wegen sorgen Grödel: Die mit Spikes besetzten Schneeketten für Schuhe sind schnell übergezogen und nehmen im Rucksack nicht viel Platz weg. Wanderstöcke geben zusätzlich Sicherheit, Gamaschen sorgen dafür, dass der Schnee nicht in die Schuhe kriecht. Eine Thermoskanne mit Tee ist besser als eine nicht isolierte Trinkflasche mit Wasser, das nach ein, zwei Stunden Wanderung nicht mehr erfrischend, sondern nur noch unangenehm eiskalt ist.

Sinnvoll ist auch eine Stirnlampe: Die Tage sind kurz im Winter, und das ist auch ein wichtiger Aspekt für die Planung der Tour: "Auf Zeitangaben aus dem Sommer sollte man vor allem nach Neuschnee noch eine Stunde Puffer obendrauf legen", sagt Robst. Nach nächtlichem Schneefall sind die Wege oft noch nicht geräumt oder gespurt, das Stapfen kostet Kraft und Zeit - aber gibt dem Wanderer immerhin das erhebende Gefühl der Erstbegehung. Im Sommer ist das nicht so leicht zu haben.

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