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Umweltschutz:Touristen als Müllfischer

Kompost bevorzugt: In Italien sind abbaubare Tüten Pflicht

Salvatore Martello hat auf seiner Insel eine "kleine Revolution" ausgerufen. Der Bürgermeister von Lampedusa verbat Einheimischen und Feriengästen den Verkauf und die Verwendung von Wegwerfbehältern, Tellern, Besteck und Tüten aus Plastik. Seit Anfang September gilt der Bann des Kunststoffs auf der kleinen Insel mit karibisch anmutenden Badestränden. "Wir müssen lernen, unsere Alltagsgewohnheiten zu ändern", so Martello.

Plastic bag ban sparks 'eco-revolution'

Sieht aus wie Plastik, ist aber aus Maisstärke.

(Foto: Alessandro Di Meo/picture alliance/dpa)

Lampedusa handelt - und ist nicht allein. Italien hat in der Vermeidung von Plastikmüll seit einigen Jahren eine Vorreiterrolle. 7456 Kilometer Küste schärften das Problembewusstsein. "Wir sind den anderen weit voraus", sagt Stefano Ciafani, Chef des Umweltschutzbundes Legambiente. Bereits 2012 verbot die römische Regierung Plastiktüten. Sie wurden ersetzt durch Beutel aus kompostierbarem Material, dessen Grundstoff auf Basis von Maisstärke die italienische Chemikerin Catia Bastioli entwickelt hat. Seit Januar müssen auch die dünnen Beutel an den Obst- und Gemüseständen kompostierbar sein. Ende 2017 verabschiedete das Parlament ein Verbot der herkömmlichen Wattestäbchen, die mit der Klospülung ins Meer gelangen und sehr umweltbelastend sind. Zudem untersagte man den Einsatz von Mikroplastik in kosmetischen Reinigungsprodukten, die ebenfalls in die Gewässer fließen. Ulrike Sauer

Gemeinsam fischen: In Amsterdam werden Kanäle auch von Gästen gereinigt

Plastic Whale
The Plastic Fishing Co.

Ausfahrt zum Müllsammeln auf den Kanälen der Stadt.

(Foto: Plastic Whale)

"Die besten Steuerleute stehen immer am Ufer", heißt es in einem niederländischen Sprichwort. Frei übersetzt: Kritisieren ist leichter als Machen. Ähnliches wird sich Marius Smit gedacht haben, als er 2011 das Umwelt-Start-up "Plastic Whale" startete. Plastikmüll wurde in den Kanälen Amsterdams zum immer größeren Problem. Doch anstatt bloß am Ufer zu stehen und zu kritisieren, nahm Smit selbst das Steuer in die Hand. Heute betreibt Plastic Whale neun Boote, die mit Gästen die Amsterdamer Kanäle befahren und mit Keschern Müll aus dem Wasser fischen. Gebucht werden sie von Unternehmen, die etwas fürs Teambuilding und die Reputation tun wollen, Schulen, die das Umweltbewusstsein der Kinder fördern wollen - und Touristen, die den Klassiker Kanaltour mal anders erleben wollen. Über 150 000 Flaschen haben die Boote des Start-ups nach eigenen Angaben bereits aus dem Wasser gefischt und mehr als 3000 Säcke voll mit Müll. Die Plastikflaschen kommen ins Recycling und werden für den Bau neuer Boote verwendet, sogar eine eigene Möbelkollektion aus dem umfunktionierten Abfall gibt es seit Kurzem. Wem das alles noch nicht grün genug ist, für den hält das Team von Plastic Whale noch ein weiteres Argument bereit. Häufig fischten die Boote auch Tütchen mit Marihuana aus den Kanälen. Moritz Schnorpfeil

Auf die Nuss: In Rios Kokoswasser darf kein Strohhalm mehr

Die Kokosnuss ist abbaubar, der Plastikhalm nicht.

(Foto: Hassan Ammar/AP)

Das beliebteste Getränk an Rios Stränden ist, neben halb gefrorenem Büchsenbier, Kokoswasser. Es hat den Vorteil, dass dabei kein Dosenmüll anfällt, weil es direkt aus den grünen Kokosnüssen getrunken wird, die überall an den Palmen hängen. Es hat aber den Nachteil, dass man dafür ein Röhrchen braucht. Laut einer Rechnung der Zeitung Folha de S. Paolo verkaufen die 300 Strandbuden Rios täglich etwa 90 000 Trinknüsse an Cariocas und Touristen. Das wären 32 850 000 pro Jahr - und genauso viele Plastikröhrchen, die oft nicht länger als fünf Minuten gebraucht werden, bevor sie entweder auf der Müllkippe oder im Meer landen. Vor wenigen Wochen hat die sonst nicht unbedingt für ihren vorbildlichen Naturschutz bekannte Stadtverwaltung die Trinkhalme aus Plastik verboten. Es war eine kleine Revolution, die aber so überraschend kam, dass die meisten Strandbuden noch keine Alternativen haben. Die verbotenen Röhrchen stehen jetzt nicht mehr offen auf dem Tresen, sondern etwas versteckt dahinter. Noch wird man leicht irritiert angeschaut, wenn man seinen wiederverwendbaren Metallhalm aus der Badetasche zieht. Aber die Zahl der umweltbewussten Exoten wächst, manche protestieren sogar, wenn der Verkäufer zur Vermeidung von Plastikröhrchen den Inhalt der Kokosnuss in einen Plastikbecher gießt. Boris Herrmann

© SZ vom 20.09.2018/edi
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