Tourismus und Umweltschutz Jede Reise ist ein Kompromiss

Illustration: Alper Özer

Mit jeder Reise zu fernen Naturwundern trägt man zu deren Untergang bei. Aber nicht mehr zu reisen, ist auch keine Lösung.

Von Marlene Weiß

Es war herrlich, damals in Patagonien. Im menschenleeren Feuerland wandern, durch den kalten Regenwald auf der Insel Chiloé schleichen, im Zelt am Fuße des Fitz Roy darauf warten, dass der Dauerregen aufhört. Selten so großartige Natur erlebt. Und selten so viel kaputt gemacht.

Allein der Flug von Europa nach Santiago de Chile, und noch einen Inlands-Hüpfer in den Norden, weil man ja unbedingt noch die Atacama-Wüste mit dem Salzsee sehen musste. Selbst viele Jahre später stellt sich ein leises Erschauern ein bei den Zahlen, die der CO₂-Rechner ausspuckt: sieben Tonnen Kohlendioxid in die Luft gepustet, weit mehr als die jährlichen weltweiten Pro-Kopf-Emissionen. Wenn das jeder machen wollte: au weia. Mit jeder Reise zu Naturwundern trägt man zu deren Untergang bei. Auf Dauer geht das nicht gut.

Auch wer zu Fuß reist, kann Schaden anrichten

Und es hört ja nicht beim Fliegen auf, auch wenn es wahrscheinlich das größte Problem ist. Schiffsreisen sind nicht viel besser: Obwohl sich in der Kreuzfahrtindustrie viel Positives getan hat, sind noch immer fast alle Schiffe mit stark schwefelhaltigem Schweröl unterwegs. Viele von ihnen auch ohne eine vernünftige Abgastechnik, die einen Teil der Schadstoffe herausfiltern könnte. Ganz zu schweigen vom Müll, der nicht in allen Häfen optimal entsorgt werden kann.

Selbst wer zu Fuß oder mit dem Fahrrad reist, kann Schaden anrichten. Unachtsame Wanderer stören Wildtiere, Radler nutzen Straßen, die auch keine reine Naturschutzmaßnahme sind. Und alle müssen irgendwo übernachten, essen, aufs Klo gehen. Aus Umweltsicht wäre es am einfachsten, sie täten das alles zu Hause, wo es sich noch am ehesten naturverträglich und energiesparend erledigen lässt, und ließen das mit der Reiserei ein für allemal sein. Nur ist das unrealistisch, denn wie schon der französische Philosoph Blaise Pascal weise erkannte: Das ganze Elend der Menschen rührt daher, dass sie nicht in der Lage sind, ruhig in einem Zimmer zu sitzen. Also muss man wohl Kompromisse machen, jede Reise ist ein neuer.

Ersticken Touristen die schönsten Städte?

Ausgerechnet an Sehnsuchtsorten wie Venedig oder Barcelona schlägt Urlaubern immer öfter Ablehnung entgegen. Was sich dort ändern muss. Von Irene Helmes mehr ... Serie "Gute Reise"

Aber weil der Urlaub - ohnehin überfrachtet mit Erwartungen - ein ungünstiges Gebiet für Moral-Appelle ist, fallen diese Kompromisse oft einseitig aus. In einer Umfrage, die die Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen für das Umweltministerium gemacht hat, behauptete zwar gut jeder vierte Deutsche, an umweltverträglichen Reisen interessiert zu sein. Das Reiseverhalten dieser vorgeblich umweltbewussten Urlauber unterschied sich aber kaum von dem der anderen, mal abgesehen davon, dass sie noch etwas öfter Urlaub machten - was vermutlich auch am in dieser Gruppe höheren Einkommen lag.

Von denjenigen, die behaupteten, dass ihnen am nachhaltigen Reisen gelegen sei, wollten fast drei Viertel nicht aufs Fliegen verzichten. Und gerade einmal ein Prozent war bereit, dafür wenigstens eine Klimakompensation zu bezahlen. Solche Zertifikate, wie sie etwa Atmosfair anbietet, können die Emissionen zwar nicht ungeschehen machen, aber das Geld wird in Klimaschutz investiert, das ist besser als nichts.