Süddeutsche Zeitung

Tourismus und Umweltschutz:Jede Reise ist ein Kompromiss

Mit jeder Reise zu fernen Naturwundern trägt man zu deren Untergang bei. Aber nicht mehr zu reisen, ist auch keine Lösung.

Es war herrlich, damals in Patagonien. Im menschenleeren Feuerland wandern, durch den kalten Regenwald auf der Insel Chiloé schleichen, im Zelt am Fuße des Fitz Roy darauf warten, dass der Dauerregen aufhört. Selten so großartige Natur erlebt. Und selten so viel kaputt gemacht.

Allein der Flug von Europa nach Santiago de Chile, und noch einen Inlands-Hüpfer in den Norden, weil man ja unbedingt noch die Atacama-Wüste mit dem Salzsee sehen musste. Selbst viele Jahre später stellt sich ein leises Erschauern ein bei den Zahlen, die der CO₂-Rechner ausspuckt: sieben Tonnen Kohlendioxid in die Luft gepustet, weit mehr als die jährlichen weltweiten Pro-Kopf-Emissionen. Wenn das jeder machen wollte: au weia. Mit jeder Reise zu Naturwundern trägt man zu deren Untergang bei. Auf Dauer geht das nicht gut.

Auch wer zu Fuß reist, kann Schaden anrichten

Und es hört ja nicht beim Fliegen auf, auch wenn es wahrscheinlich das größte Problem ist. Schiffsreisen sind nicht viel besser: Obwohl sich in der Kreuzfahrtindustrie viel Positives getan hat, sind noch immer fast alle Schiffe mit stark schwefelhaltigem Schweröl unterwegs. Viele von ihnen auch ohne eine vernünftige Abgastechnik, die einen Teil der Schadstoffe herausfiltern könnte. Ganz zu schweigen vom Müll, der nicht in allen Häfen optimal entsorgt werden kann.

Selbst wer zu Fuß oder mit dem Fahrrad reist, kann Schaden anrichten. Unachtsame Wanderer stören Wildtiere, Radler nutzen Straßen, die auch keine reine Naturschutzmaßnahme sind. Und alle müssen irgendwo übernachten, essen, aufs Klo gehen. Aus Umweltsicht wäre es am einfachsten, sie täten das alles zu Hause, wo es sich noch am ehesten naturverträglich und energiesparend erledigen lässt, und ließen das mit der Reiserei ein für allemal sein. Nur ist das unrealistisch, denn wie schon der französische Philosoph Blaise Pascal weise erkannte: Das ganze Elend der Menschen rührt daher, dass sie nicht in der Lage sind, ruhig in einem Zimmer zu sitzen. Also muss man wohl Kompromisse machen, jede Reise ist ein neuer.

Aber weil der Urlaub - ohnehin überfrachtet mit Erwartungen - ein ungünstiges Gebiet für Moral-Appelle ist, fallen diese Kompromisse oft einseitig aus. In einer Umfrage, die die Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen für das Umweltministerium gemacht hat, behauptete zwar gut jeder vierte Deutsche, an umweltverträglichen Reisen interessiert zu sein. Das Reiseverhalten dieser vorgeblich umweltbewussten Urlauber unterschied sich aber kaum von dem der anderen, mal abgesehen davon, dass sie noch etwas öfter Urlaub machten - was vermutlich auch am in dieser Gruppe höheren Einkommen lag.

Von denjenigen, die behaupteten, dass ihnen am nachhaltigen Reisen gelegen sei, wollten fast drei Viertel nicht aufs Fliegen verzichten. Und gerade einmal ein Prozent war bereit, dafür wenigstens eine Klimakompensation zu bezahlen. Solche Zertifikate, wie sie etwa Atmosfair anbietet, können die Emissionen zwar nicht ungeschehen machen, aber das Geld wird in Klimaschutz investiert, das ist besser als nichts.

Je reicher der Mensch, umso problematischer sind seine Reisen

Offenbar gilt auch hier die schlichte Faustregel: Je wohlhabender der Mensch, desto problematischer seine Reisen. Laut der UN-Tourismusorganisation entfallen fünf Prozent der globalen Emissionen auf den Tourismus, bei jeder Reise im Schnitt etwa eine Vierteltonne CO₂. In Deutschland aber leistet sich jeder dritte Urlauber eine Flugreise, hierzulande dürfte der Wert weit höher liegen. Ein Flug nach Mallorca produziert pro Person mehr als 500 Kilogramm CO₂. Dafür kann man im voll besetzten Kleinwagen locker zwanzigmal von München an den Gardasee brettern.

Aber selbst bei Reisen in die Nähe und bei besten Bemühungen können Touristen noch viel Schaden anrichten, vor allem, wenn sie scharenweise auftreten. Skitouren-Geher zum Beispiel blicken ja gerne mit leiser Verachtung auf die Dekadenz des Pistenrummels. Aber wenn die zig Millionen Pistenfahrer auch noch auf Skitour gehen wollten, dürften nicht mehr allzu viele ungestörte Rückzugsräume für Wildtiere übrig bleiben; Birkhühner ade. Da man die Berge nicht absperren kann, ist es vielleicht gar nicht so schlecht, ein paar Gebiete dem Wintersport zu opfern, wenn dafür der Rest geschont wird.

Dann lieber ehrlicher Massentourismus

Freilich geht dieses Konzept nicht auf, wenn die Skigebiete sich im Kampf um einen schrumpfenden Markt in ein Wettrüsten der Pistenkilometer stürzen, bis noch das letzte Tal platt gewalzt ist. Aber das ändert nichts daran, dass Individualismus überschätzt wird. Ein tolles Naturerlebnis für den Reisenden ist nicht automatisch auch toll für die Natur.

Schon gar nicht in den Bergen. In den vergangenen 14 Jahren stieg die Mitgliederzahl des Deutschen Alpenvereins von 600 000 auf mehr als eine Million. Zwar hat der Verein 1994 den Naturschutz als Ziel in seine Satzung aufgenommen und die touristische Erschließung der Alpen für beendet erklärt. Trotzdem werden die Routen immer sicherer, die Hütten immer komfortabler, warme Duschen und Wlan sind schon fast Standard. Bergsteigen ist sommers wie winters ein Massensport. Schön, dass die Leute in die Berge gehen. Aber muss man aus den Alpen einen bequemen Abenteuerspielplatz für Erwachsene machen?

Dann doch noch lieber ehrlicher Massentourismus. Eine Trink- und Partytour im Schüler-Bus nach Lloret de Mar zum Beispiel mag nicht die kultivierteste Form des Reisens sein, aber gemessen am zusätzlichen Schaden, der für die Umwelt entsteht, spricht gar nicht so viel dagegen, mit Ausnahme des Wasserverbrauchs. Sicher ist das besser als mancher superindividuelle Naturbeobachtungs-Aufenthalt in der Eco-Lodge mitten in der Einsamkeit.

Und doch heißt all das nicht, dass man besser gar nicht mehr verreisen sollte oder nur noch mit dem Bus in eine möglichst nahe Bettenburg. Denn mal ganz abgesehen davon, dass es auch andere Gründe fürs Reisen gibt, den kulturellen Austausch zum Beispiel: Was wäre, wenn die Leute ganz aufhörten zu reisen?

Zu Hause zu bleiben, ist auch keine Lösung

Klar, dem Planeten bliebe viel Dreck, Lärm, Müll, Wasserverbrauch und Klimaschaden erspart. Aber auch viele Nationalparks in Afrika müssten ohne die Einnahmen aus dem Tourismus schließen oder wären hoffnungslos der Wilderei ausgeliefert. Selbst in Deutschland kämen Nationalparks und Biosphärenreservate bald in Rechtfertigungsnöte, wenn die Touristen ausblieben. Aus vielen abgelegeneren Regionen würden die Menschen vollends abwandern, weil es keine Arbeitsplätze mehr gäbe; Dörfer würden verlassen, Kulturlandschaften verschwinden. Das ist ganz sicher nicht im Sinne des Umweltschutzes.

Vermutlich gibt es keine Reiseform, die sich für sieben Milliarden Menschen in jeder Hinsicht optimal umsetzen lässt; und vorschreiben kann man ohnehin nichts. Es ist mit dem Reisen eher wie mit der Ernährung: Es geht um die richtige Mischung. Fliegen sollte eine seltene Ausnahme sein, Natur verdient etwas Respekt, Zurückhaltung ist immer gut. Und nur, weil man sich etwas leisten kann, ist es noch lange kein Grundrecht. Wenn man das beachtet, sollten auch in Zukunft ein paar Reisen drin sein. Vielleicht sogar für alle auf der Welt.

Serie: Gute Reise - Wie wir Urlaub machen wollen

Jedes Jahr sind etwa eine Milliarde Touristen unterwegs. Das bietet riesige Chancen für die besuchten Länder. Und einige Probleme.

Alle Folgen der Serie unter www.sz.de/gutereise

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SZ vom 16.06.2016/edi
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