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Gestrandete Urlauber:"Es hat mich demütig gemacht"

Gestrandete Protokolle Deutsche Reisende Michael Moritz und Anna Baranowski waren in Nepal gestrandet

Die ungeplanten Wochen in der Fremde hatten für manche auch schöne Seiten: Michael Moritz berichtet von einer großen Hilfsbereitschaft in Nepal.

(Foto: Anna Baranowski)

Im Frühjahr 2020 berichteten Reisende, die in der Ferne festsaßen, über ihre Lage. Nun fragte die SZ nach: Wie ging es für die Urlauber weiter?

Von Katja Schnitzler

Michael Moritz, war fast ein halbes Jahr mit seiner Freundin Anna Baranowski in Nepal gestrandet

"Wir waren auf einer Trekkingtour im Himalaja, als die Grenzen dichtgemacht wurden. Eigentlich wollte ich meine Weltreise in Indien fortsetzen, meine Freundin wieder nach Hause. Nun aber blieben wir in Nepal, gezwungenermaßen. Aber Annas Aufträge als Dokumentarfilmerin waren sowieso auf unbestimmte Zeit verschoben. Bis dahin waren wir ein reisendes Paar, moderne Nomaden. Wir haben uns sogar auf einer Pilgerreise quer durch Spanien kennengelernt. Jetzt suchten wir in Nepal unser erstes gemeinsames Zuhause und fanden eine kleine Hütte mit Wellblechdach auf einem nepalesischen Bauernhof. Das Motto unserer Reise wurde von 'Wohin uns der Wind auch trägt' zu 'Der einzig erlaubte Gang ist zum Einkaufen und zurück'.

So eine strikte Ausgangssperre mit Polizei und Militär an jeder Straßenecke kann ganz schön Angst einjagen. Auch wussten wir nicht, wie die Nepalesen im Dorf auf uns reagieren würden. Freunde, die in Indien gestrandet waren, sollten auf Bitten ihres Gastgebers die Wohnung nicht verlassen - er fürchtete um ihre Sicherheit, da die Leute Angst vor 'den Weißen und ihrem Virus' hatten. Aber in unserem kleinen Bergdorf unter der Annapurna hätten wir uns keine Gedanken machen müssen: Dass wir Fremde waren, hat die Hilfsbereitschaft noch verstärkt.

Die Bewohner überschütteten uns mit Gastfreundschaft. Sie sorgten sich um uns, da wir während dieser schrecklichen Zeit so viele Tausend Kilometer in Ungewissheit von zuhause entfernt waren. Wir trafen Familien, die gerade hochrechneten, wie viele Wochen wohl ihr Reis noch reichen würde, und die dennoch am liebsten jede Mahlzeit mit uns geteilt hätten.

Wir haben unsere Gastfamilie nicht nur mit der Miete für die Hütte unterstützt, sondern auch beim Bau eines Ochsenstalls geholfen und auf dem Reisfeld. Die Arbeit auf dem Feld ist so hart, dass uns Ungeübten hinterher alles weh tat - aber es war ein schönes Gefühl: Aus jedem Korn, das wir in den Schlamm steckten, würde etwas wachsen.

Wir mussten aber auch miterleben, wie das Ausbleiben der Touristen in Nepal zu großem Leid führte. Gefühlt verloren fast alle unsere Nachbarn in diesen Tagen ihre Jobs. Mit der Armut kamen Hunger und Verzweiflung. Wir hörten von Männern, die ihre Familien nicht mehr versorgen konnten und sich das Leben nahmen.

Gestrandete Protokolle Deutsche Reisende Michael Moritz und Anna Baranowski waren in Nepal gestrandet

In der Zeit sind Freundschaften gewachsen. Im September kehrte das Paar nach Deutschland zurück, mietete ein kleines Haus in Thüringen und arbeitete an einem Dokumentarfilm.

(Foto: Anna Baranowski)

Das Virus sahen die Nepalesen, mit denen wir sprachen, eher als Naturgewalt. Viele meinten, das Ding sei eben gekommen, werde aber auch wieder gehen. Der Tod ist hier ganz nah und deshalb Teil des Lebens. Nicht nur bei dem furchtbaren Erdbeben vor sechs Jahren. Als wir dort waren, rutschte nach einem starken Regen ein Berghang ab und verschüttete ein Haus, nur 500 Meter entfernt. Die Familie dort feierte gerade den sechsten Geburtstag ihrer Tochter. Das Mädchen verlor beide Beine - und fast ihre ganze Familie, nur eine jüngere Schwester überlebte. Wir waren tagelang sprachlos. Zufälligerweise waren wir zur selben Zeit zur Geburtstagsfeier eines ebenfalls sechsjährigen Jungen eingeladen, ein fröhlicher Abend. Am nächsten Tag hörten wir dann von dem Unglück.

Die Menschen in Nepal sind der Natur und der Armut ausgesetzt, aber sie klagen nicht darüber, sondern versuchen immer wieder, Lösungen zu finden. Das hat mich sehr demütig gemacht.

Freunde und Verwandte von uns haben für besonders bedürftige Familien im Dorf gespendet. Das Geld haben wir erst am letzten Tag übergeben, damit unsere nepalesischen Freunde nicht das Gefühl hatten, in unserer Schuld zu stehen und uns noch mehr Gutes tun zu müssen. Im September kehrten wir nach Deutschland zurück, mieteten ein kleines Ferienhäuschen in Thüringen und arbeiten seitdem an unserem ersten langen Dokumentarfilm Namaste Corona.

Zu lange bleiben wir nicht in Deutschland. Wir bauen gerade ein altes Feuerwehrauto zum Expeditionsmobil um. Schließlich haben wir versprochen, nach Corona wieder ins Bergdorf zu kommen."

Redouane Amali verbrachte acht Wochen bei seinen Eltern in Marokko

"Eigentlich wollte ich Mitte März nur zehn Tage lang meine Eltern besuchen, denn mein Vater war krank. Geblieben bin ich zwei Monate - das war in etwa so wie acht Wochen Weihnachtsfeiertage bei der Verwandtschaft. Mein Bruder war auch gekommen und saß mit mir in unserem Elternhaus in Mohammedia fest, 25 Kilometer von Casablanca entfernt. Wir zwei verstehen uns sehr, sehr gut. Aber es gab Momente, in denen wir uns nichts mehr zu sagen hatten und nur noch die Augen verdrehten.

Ich konnte zwar mehr Zeit mit meinen Eltern und Geschwistern verbringen, auch wegen der sehr strengen Ausgangssperre: Raus durfte man nur mit schriftlicher Genehmigung. Mich belastete aber die Unsicherheit, wann ich zu meiner kleinen Familie in Deutschland zurückkehren kann. Den 18. Geburtstag meines Sohnes habe ich verpasst. Meine vielen tollen Kollegen und meine Fußballfreunde vermisste ich ebenfalls - und Ruhe. Ich wohne in einem kleinen Ort bei Pforzheim mit ruhigen Nachbarn. Da ist mir die Lautstärke in Marokko fremd geworden, obwohl ich bis zum Studium dort lebte. Nun hatte ich das Gefühl, ich konnte nicht einmal zehn Minuten lang nichts hören. Ab und zu bin ich für ein paar Minuten Auszeit auf die Dachterrasse geflohen, aber auch dort: Lärm.

Redouane Amali Gestrandeter Marokko in Mohammedia

Unfreiwillig zurück im Elternhaus: Redouane Amali in Mohammedia, Marokko.

(Foto: privat)

Doch ich hatte mehr Glück als andere Urlauber oder Deutsch-Marokkaner: Ich lebte im Haus meiner Eltern und hatte meinen Arbeitscomputer dabei, so dass ich trotz schlechter Internetverbindung etwa 80 Prozent meines Jobs als Fachinformatiker machen konnte. Es heißt immer, Deutschland sei in manchen Regionen digitales Entwicklungsland, aber zu Marokko ist das kein Vergleich. Allein die Infrastruktur hat mir das Arbeiten schwer gemacht, dazu die zwei Stunden Zeitverschiebung. Meine Vorgesetzten waren aber zum Glück sehr verständnisvoll, ein Vorstandsmitglied hat sich sogar bei der deutschen Botschaft für mich eingesetzt. Sonst wäre ich vielleicht gar nicht nach zwei Monaten heimgekehrt, andere saßen noch Wochen länger fest.

Mein Bruder hatte viel mehr auszuhalten, da er zuckerkrank ist und einmal wöchentlich zum normalen Insulin noch eine spezielle andere Sorte benötigt - doch dieses Medikament war nach einem Monat aufgebraucht und in Marokko nicht zu bekommen. Das hat meinen Bruder gesundheitlich fertiggemacht, erst in Deutschland normalisierten sich seine Werte.

Ich vermisse unsere Eltern und Freunde in Marokko, aber ich werde sie erst wieder besuchen, wenn ich sicher heimkehren kann. Hoffentlich. Diese paar Wochen haben mir gezeigt, dass das Leben plötzlich völlig anders werden kann, ohne dass wir den Hauch einer Chance haben, etwas daran zu ändern. Wir glauben, wir haben alles unter Kontrolle. Aber das ist nicht so."

Thomas Ischler blieb zwei Monate auf Ko Phangan in Thailand. Inzwischen ist er nach Teneriffa weitergezogen

"Ich bin nicht wegen Corona zurück nach Deutschland, sondern wegen der Mücken: Im Juni bekamen alle meine Freunde Dengue-Fieber und ich wollte nicht auch infiziert werden - ich bin Arzt und weiß, warum es Knochenbrecher-Fieber genannt wird. Bis dahin hatte ich mit meiner Freundin auf Ko Phangan eine gute Zeit. Sie kommt aus Italien und wollte nicht nach Hause und ich bin sowieso als digitaler Nomade unterwegs.

Wir hatten auf Ko Phangan nur eine Art Lockdown der Gaststätten für etwa zwei Wochen. Während dieser Zeit fuhren wir mit dem Roller herum und fanden auch Cafés, in denen wir arbeiten konnten. Nachts galt während der ganzen Zeit eine Ausgangssperre. Ich kann mich da aber nicht beschweren: nach dem Meditieren und Frühstück arbeiten bis 17 Uhr, danach an den Strand. Aber ich habe mit einigen Einheimischen gesprochen, denen der Lockdown in Thailand weh tat, besonders in einer Jahreszeit, in der sowieso schon weniger Touristen da sind. Trotzdem haben sie die Lage mit viel Gleichmut hingenommen.

Meine Lufthansa-Maschine flog leer nach Thailand und voll zurück nach Deutschland. Mit ihr kamen auch viele Urlauber nach Hause, die bei anderen Airlines gebucht hatten, deren Flüge aber alle gestrichen waren.

Vor Thailand waren wir bis Anfang Februar in Goa in Indien. Viele meiner Freunde sind noch immer dort. Sie haben den Monsunsommer in Goa verbracht und genießen jetzt die Wärme und dass weniger Touristen da sind. Ich blieb nur im Juni in München, dann fuhren wir mit dem VW-Bus weiter nach Sardinien. Wie in Deutschland muss man dort Masken in Geschäften und Restaurants tragen, das war keine große Einschränkung. Ich bin von dort nach Teneriffa weitergereist und lebe hier seit Anfang November in meinem Bus. Meist sitze ich noch allein im Café beim Arbeiten, aber jetzt kommen schon wieder mehr deutsche Urlauber.

Ich persönlich habe in dieser Pandemiezeit gelernt, noch mehr den Augenblick zu genießen und damit zufrieden zu sein, was ich erleben darf. Wobei ich mich leicht tue, ich treffe hier nette Leute und gehe 20 Minuten zu einem Strand, den ich fast allein für mich habe. Und sogar über die zwei Wochen Schlechtwetter auf Teneriffa konnte ich mich freuen, weil es die Wasservorräte der Insel endlich gefüllt hat.

Ich lasse mich von Corona auch nicht von meinen Plänen abbringen, auf Sardinien ein Begegnungszentrum für Menschen zu gründen, die bewusster leben wollen. Und natürlich für digitale Nomaden."

Klaus Goergen saß mit seiner Frau von März bis Mai auf Puerto Rico fest

"Am 7. März kamen wir nach Puerto Rico, um meinen Bruder und seine Frau zu besuchen, die dort leben. Acht Tage später galt eine strenge Ausgangssperre, keine Spaziergänge, kein Strand - nur zum Einkaufen durften wir die Ferienwohnung verlassen. Ein Rückflug nach dem anderen wurde abgesagt, immer wieder. Irgendwann sagte mir ein Condor-Mitarbeiter: 'Im Vertrauen und ganz im Ernst: Wir fliegen erst im August wieder.' Aber bei uns wuchs die Angst vor einer Infektion in Puerto Rico, von 72 medizinischen Einrichtungen sind 71 mangelhaft. Wir wollten aber auf keinen Fall über den Corona-Hotspot New York zurück. Also mussten wir Mitte Mai über Baltimore reisen und in Chicago übernachten, bevor es nach Frankfurt ging. Für den einfachen Flug zahlten wir bei der Lufthansa 1800 Euro, das kostet normalerweise hin und zurück 800 Euro. Ich finde, da wurde schon ziemlich schamlos die Not der Leute ausgenutzt.

Mein Bruder in Puerto Rico blieb zum Glück gesund, aber seine Nachbarin ist fast an Covid gestorben. Auch einer seiner Söhne, die in den USA leben, war erkrankt - und das als ganz junger Mann. Bei der Rückkehr in Frankfurt hat übrigens niemand kontrolliert, ob uns etwas fehlt, obwohl wir aus einem Risikogebiet kamen. Ich weiß nicht, ob das der richtige Weg in einer Pandemie ist. Wir haben uns dann selbst beim Gesundheitsamt gemeldet und in Quarantäne begeben. In Puerto Rico war es ganz anders.

Da patrouillierte gefühlt hundertmal am Tag ein Polizeiauto; wer außerhalb der erlaubten Zeit das Haus verließ, musste 5000 Dollar Strafe zahlen. In den Supermarkt wurde nur eine begrenzte Zahl an Personen gelassen und vorher Fieber gemessen. Drinnen achteten Wachleute darauf, dass Abstände eingehalten wurden. Aber die Leute waren sowieso sehr diszipliniert - da wäre niemand auf die Idee gekommen, keine Maske zu tragen. Alle hatten noch freiwillig Plastikhandschuhe an. Dort denken die Menschen eher kollektiv ans Gemeinwohl, bei uns sind sie eher individualistisch. Außerdem kennen die Puertoricaner ja ihr schlechtes Gesundheitssystem. Zwischenmenschliche Solidarität ist auf der Insel aber selbstverständlich, das vermisse ich hier manchmal. Vor dem Supermarkt gab es zum Beispiel zwei Warteschlangen: eine für alte Menschen und eine für alle anderen.

Wann ich meinen Bruder wieder besuchen werde? Erst, wenn Corona überstanden ist. Reisen steht noch nicht wieder auf dem Plan - und wenn, dann erst mal in ein abgelegenes Seitental in Südtirol."

© SZ
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