Zeitgeschichte:Das Lexikon des Bösen

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Sie sind die größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts. 168 Personen schafften es in die Galerie der Schande. Doch die Zumessung von Schuld ist eine komplizierte Sache.

Von Robert Probst

Es beginnt mit dem belgischen König Leopold II. und es endet mit Mohammed Atta. Letzterer gilt als Kopf der Flugzeug-Attentäter vom 11. September 2001 in New York, der andere als einer der größten Ausbeuter am Ende des 19. Jahrhunderts in Afrika. Und dazwischen blättert sich ein Panoptikum von Tod und Verderben auf - "Verbrechen und Verbrecher des 20. Jahrhunderts" lautet der Untertitel dieses Lexikons.

168 Personen haben es in diese "Schandhalle der Menschheit" geschafft, und man darf nicht nur annehmen, sondern sicher sein, dass damit bei Weitem nicht alle getroffen wurden, die es "verdient" gehabt hätten, genannt zu werden.

Das Böse juristisch definiert

Das Böse an und für sich fasziniert die Menschen ja seit jeher, darum ist Leopold II. ein treffender Auftakt, wenn man das so sagen darf. Dessen Privatkolonie im Kongo und seine Gier nach Elfenbein hatte zur Jahrhundertwende Millionen Menschen einen grausamen Tod beschert - und Joseph Conrad zu der Parabel vom "Herz der Finsternis" inspiriert. In einem Brief schrieb Conrad: "Der Mensch ist ein bösartiges Tier. Seine Bösartigkeit muss organisiert werden. Das Verbrechen ist eine notwendige Bedingung der organisierten Existenz. Die Gesellschaft ist ihrem Wesen nach kriminell, sonst würde sie nicht existieren."

Die Reise zum berühmt-berüchtigten Mr. Kurtz hat ganze Generationen von Künstlern geprägt. Nicht nur der Film "Apocalypse Now" von Francis Ford Coppola basiert darauf, obwohl er im Vietnamkrieg spielt. Auch Werner Herzog folgte Conrad, als er "Aguirre, der Zorn Gottes" mit Klaus Kinski drehte, der einen psychotischen Eroberer im südamerikanischen Dschungel gibt.

Doch wie will man "das Böse" wissenschaftlich konkret fassen, ohne sich ins Moralische oder Philosophische zu verlieren? Der Jurist Till Zimmermann und der Politologe Nikolas Dörr haben das in akribischer Kleinarbeit gewagt. Sie sind sich der Problematik bewusst und versuchen eine Gliederung anhand juristischer Definitionen wie Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Friedensverrat, Kriegsverbrechen und Terrorismus - aber auch Waffen- und Drogenhandel und Wahlbetrug.

Und sie sehen ihr Kompendium eher als Anklage individueller Schuld denn als ein fixes Urteil über die Bösartigkeit von Personen. Herausgekommen ist deshalb eine etwas krude und durchaus willkürliche Mischung, wo Adolf Hitler einen Eintrag findet, Großgangster der Mafia und auch der Waffenhändler Victor Bout, oder auf Walter Ulbricht Roland Freisler folgt. Auch dass diverse US-Präsidenten neben zahllosen Diktatoren und Massenmördern aus Afrika, Südamerika oder Südostasien aufgelistet sind, wirkt durchaus verstörend.

Was das Lexikon aber zu einem Gewinn macht, sind die nüchtern gehaltenen Fakten, die hier kurz und knapp mit Quellenverweisen zu den jeweiligen Personen zusammengetragen wurden. Und dass die Frage nach der korrekten Zumessung der Schuld kompliziert ist, hat jüngst das Internationale Tribunal für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien in zwei Entscheidungen gezeigt.

Till Zimmermann, Nikolas Dörr: Gesichter des Bösen. Verbrechen und Verbrecher des 20. Jahrhunderts. Donat-Verlag Bremen 2015, 288 Seiten, 19,80 Euro.

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