Guantánamo-Ankläger Die Geschichte vom verzweifelten Patrioten

Er war ein vorbildlicher Amerikaner. Glücklich verheiratet, Familienvater, und auf dem besten Weg, Karriere zu machen. Darrel Vandeveld, Militärstaatsanwalt bei den Tribunalen für Häftlinge in Guantánamo, war lange überzeugt: vom Krieg gegen den Terror und von Amerikas moralischer Überlegenheit nach dem 11. September. Bis er einen Freund verlor und die Akten genauer studierte.

Von Petra Steinberger

Hätte er sich selbst, so wie er heute ist, vor fünf Jahren getroffen, dann wäre ihm nur ein einziges Wort eingefallen. Es ist ein Wort, das Darrel Vandeveld auch heute lieber leise ausspricht, hier, unter so vielen Menschen, die ihn vielleicht kennen.

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Traitor. Verräter.

Denn vor fünf Jahren war Darrel Vandeveld noch ein anderer. Einer, der sich mit seinem Land und seiner Aufgabe zutiefst identifizierte. Einer, der daran glaubte, dass ein Staat, der so brutal angegriffen worden war, jedes Recht habe, sich zu verteidigen. Und der dabei, wenn es sein musste, auch sein selbstgesetztes Recht brechen durfte.

Er hatte seine Grundsätze, seine Wahrheit, seinen Glauben. Er war ein guter, patriotischer Amerikaner. Er hatte keine Zweifel.

"Heute", sagt Darrel Vandeveld, "heute würden mich die meisten Leute, die hier in der Smugglers' Wharf am Seeufer sitzen, genauso als Verräter bezeichnen - wenn sie wüssten, was ich getan habe und wie ich heute denke. Sie würden es nicht aus bösem Willen tun, sondern meist nur aus Unwissenheit und Verständnislosigkeit." Weil sie gar nicht merken, was da draußen los ist. Weil sie sich so sicher fühlen können hier in dieser Stadt, mitten in einem Amerika, das sich für sie hier kaum verändert hat. Auf den ersten Blick.

"Ich war der perfekte Amerikaner"

Die Stadt, das ist Erie, Pennsylvania, ein idyllischer Ort mit wenig mehr als 100.000 Einwohnern. Er liegt am großen See desselben Namens, nicht weit von den Niagarafällen. Das hier ist Middle America, in dem das Leben für die zuletzt arg gebeutelte weiße Mittelschicht noch immer einigermaßen heil ist. So sicher ist es hier, dass man, zumindest in den grün eingewachsenen Vororten, die Haustür nicht absperrt. Deshalb war Darrel Vandeveld mit seiner Frau auch hergezogen, der Kinder wegen, sie sollten sicher aufwachsen und die guten Schulen der Stadt besuchen. Das machen vorbildliche amerikanische Eltern so.

Er war ein vorbildlicher Amerikaner. Glücklich verheiratet, Familienvater, und als stellvertretender Generalstaatsanwalt des Staates Pennsylvania auf dem besten Weg, Karriere zu machen.

Außerdem war er als guter Amerikaner im Reservistencorps der US Army - im Rang eines Majors beim JAG, der obersten Justizbehörde des amerikanischen Militärs.

Nach dem 11. September, da ist er vierzig Jahre alt, meldet er sich freiwillig für den aktiven Dienst. "Überall wollte ich hingehen", sagt er, "wo man mich hinschickte. Ich war ein Gung-Ho, ein enthusiastischer Patriot. Ich wollte mein Land verteidigen gegen diese Terroristen. Ich war der perfekte Amerikaner." Er spricht von einem Menschen, den er nicht mehr kennt.