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Coronavirus:Warum die Krise viele Frauen besonders hart trifft

Sofortmaï¬'nahmen zur BekâÄ°mpfung des Coronavirus durch Fern- und Off-Store-Handel in Athen, Griechenland. Im Bild: VerkâÄ°uf

Systemrelevant: eine Apothekerin mit Mundschutz in Athen.

(Foto: imago images/)

Mehr Frauen als Männer sitzen an Supermarktkassen, pflegen Kranke, betreuen die Kinder: Statistisch gesehen verteilen sich die Folgen der Corona-Krise unterschiedlich auf die Geschlechter. Ein Überblick.

Weltweit steigt die Zahl der Infektionen mit dem Virus Sars-CoV-2, das die Lungenkrankheit Covid-19 auslöst, weiter an. Das Coronavirus macht zwar vor keiner Gesellschaftsschicht und keiner Geschlechtszuordnung halt, aber einige Gruppen trifft die von ihm ausgelöste Krise schwerer als andere. Dazu gehören Frauen. Zwar erkranken Männer von Natur aus und wegen ihres Lebensstils, soweit bekannt, etwas häufiger und tendenziell schwerer. In Italien sind 70 Prozent der Todesopfer Männer. Aber viele Frauen leiden in anderer Hinsicht besonders schwer unter der Krise, die die Pandemie auslöst. Das zeigt der Blick auf verschiedene Statistiken zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lage der Geschlechter in Deutschland und weltweit.

Während die einen sich ins Home-Office zurückziehen, werden die anderen ganztags angehustet: Wer im Supermarkt, in der Apotheke oder im Krankenhaus arbeitet, kann nicht zuhause bleiben, sondern wird im Gegenteil durch die Corona-Krise am Arbeitsplatz besonders benötigt - und auch besonders gefährdet. In vielen der so belasteten Berufe sind Menschen in der Mehrzahl, die die Statistik als Frauen erfasst. Im systemrelevanten Gesundheits- und Sozialwesen arbeiteten in Deutschland 2018 dem Statistischen Bundesamt zufolge knapp 4,2 Millionen Frauen und 1,3 Millionen Männer. In den privaten Haushalten anderer Menschen arbeiteten 206 000 Frauen und 13 000 Männer. Die Gruppe der Diversen wird in der Behördenstatistik nicht erfasst.

Weltweit ist die Situation ähnlich: Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat bei einer Untersuchung von 104 Ländern festgestellt, dass Frauen etwa 70 Prozent der "Health workforce" ausmachen, wobei sie unter Pflegenden stärker vertreten sind als in der Ärzteschaft. In Europa sind demnach etwa 84 Prozent der Krankenpfleger weiblich.

Die Handelsstatistik von 2017 zeigt, dass im deutschen Einzelhandel - wird die Kfz-Branche ausgenommen - mit 2,38 Millionen zu 1,23 Millionen fast doppelt so viele Frauen beschäftigt sind wie Männer. In Apotheken arbeiten demnach fast zwei Millionen Frauen und weniger als eine halbe Million Männer.

Die Drogeriekette Rossmann erklärt, unter ihren Angestellten seien "schätzungsweise" knapp 85 Prozent Frauen.

Viele Frauen arbeiten zudem in Branchen, die noch eine Weile unter der Krise leiden werden. In vielen Ländern sind Reisen stark eingeschränkt. Die Bundesregierung hat für touristische Reisen eine allgemeine Reisewarnung ausgesprochen. Darunter leiden etwa die, die in der Luftfahrt- und der Tourismusbranche arbeiten. Einer Studie des Welttourismusverbands UNWTO zufolge sind das etwas mehr Frauen als Männer. Das trifft den deutschen Behörden zufolge auch auf das Gastgewerbe in Deutschland zu.

Zahlreiche Läden und andere Kleinbetriebe müssen schließen, Dienstleistern bleiben die Kunden weg und Veranstaltungen werden abgesagt. Es müssen so viele Menschen in Kurzarbeit wie noch nie. Neben Beschäftigten im sehr weiblich geprägten Dienstleistungssektor sind also auch die im verarbeitenden Gewerbe und die Kultur- und Unterhaltungsbranche betroffen. Auch in der angeschlagenen KfZ-Branche sind mehr männliche Mitarbeiter von eingestellten Produktionen betroffen. Vor dem Sturz in die Rezession wollen Bundesländer und Bundesregierung mit Milliardenhilfen gegensteuern.

Zwar trifft die ökonomische Krise durch das Virus alle, aber besonders schmerzlich spüren sie diejenigen, die sich bislang nur gerade so über Wasser halten können. Frauen verdienen in Deutschland ohnehin schon im Durchschnitt 20 Prozent weniger Lohn als Männer. Etwa zwei Drittel des Gender Pay Gap lassen sich damit erklären, dass Frauen häufiger in Teilzeit und in sozialen Berufen mit geringerem Verdienst arbeiten und seltener Chefinnen werden. Die sogenannte bereinigte Lohnlücke bekommen Frauen dem Weltwirtschaftsforum zufolge weltweit zu spüren.

Weibliche Angestellte haben zudem dem Statistischen Bundesamt zufolge etwas höhere Wahrscheinlichkeiten, mit befristeten Verträgen zu arbeiten und Armut sowie damit verbundene soziale Ausgrenzung zu erleiden. Vor allem ältere Frauen und alleinerziehende Mütter sind den Vereinten Nationen zufolge besonders oft arm oder armutsgefährdet.

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Ökonomische und karrieretechnische Einbußen müssen viele Menschen momentan auch deshalb hinnehmen, weil sie ihre Kinder tagsüber betreuen müssen: In ganz Deutschland sind derzeit Schulen und Kitas geschlossen. Umfragen zufolge übernehmen in solchen Fällen in der Regel Mütter die Betreuung, auch wenn sie nicht alleinerziehend sind. Für viele Familien lohnt sich das eher, weil die Männer mehr verdienen. In der Coronakrise könnte das - zumindest in Deutschland - dieses Mal anders sein. Denn zum einen sind alle Berufstätigen aufgefordert, wenn möglich im Home Office zu arbeiten. Viele nutzen das, um die Kinder zuhause zu betreuen - ganz unabhängig davon, wie die Familienkonstellation und sonstige Rollenverteilung ist. Falls beide Elternteile nicht ins Home Office ausweichen können, dürfen Angestellte für einen kurzen Zeitraum ohne Lohneinbußen zuhause bleiben, weshalb es für viele Elternpaare ökonomisch sinnvoll sein dürfte, dass zuerst ein Elternteil die Regelung in Anspruch nimmt und dann das andere.

Manche müssen sich während der Coronakrise Sorgen in einem ganz anderen Bereich machen: Frauenhäuser und Beratungsstellen rechnen in den kommenden Wochen mit einer deutlichen Zunahme häuslicher und sexualisierter Gewalt - und deren Opfer sind zumeist Frauen. Als ein Grund wird gesehen, dass Täter durch die häusliche Isolation aggressiver werden. Als ein anderer, dass Opfer die Wohnung nicht verlassen oder etwa auch nicht heimlich telefonisch Hilfe oder Beratung einholen können. In China ist es nach drastischen Quarantänemaßnahmen zur Zunahme häuslicher Gewalttaten gekommen.

Schon jetzt werden jedes Jahr in Deutschland mehr als 100 000 Frauen zu Opfern partnerschaftlicher Gewalt.

Ein weiteres Problem könnte in einigen Ländern werden, dass Frauen der Zugang zu medizinischen Einrichtungen erschwert wird, weil die medizinische Infrastruktur überlastet wird. Etwa in Frankreich wird diesem Effekt der Corona-Krise bereits gegengesteuert, dort bekommen Menschen die Pille momentan unter Vorlage eines alten Rezepts in der Apotheke, sparen sich also einen Extra-Gang zum Gynäkologen. Eine weitere Sorge ist, dass ungewollt Schwangere auf noch höhere Hürden als sonst treffen können, wenn sie die Schwangerschaft abbrechen wollen. "Gesetzlich vorgeschriebene Schwangerschaftskonfliktberatungen sollen auch weiterhin angeboten werden", erklärt die Organisation Pro Familia auf einer eigenen Beratungsseite zum Thema. Allerdings räumt sie ein, in der Krise könnten Beratungsstellen "nur eingeschränkt arbeiten".

Manche werdenden Eltern haben momentan ein Problem durch eingeschränkte Besuchsrechte in Krankenhäusern. Selbst vor und nach der Geburt machen Krankenhäuser für die Partner der Gebärenden nicht unbedingt eine Ausnahme vom Verbot.

© SZ.de/liv
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