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Kleinbetriebe:Klein und allein

Zusammenhalten in der Corona-Krise und daheim bleiben: Schild am geschlossenen Inn-Kaufhaus in Wasserburg am Inn.

(Foto: Foto: Jörg Buschmann)

Die ganze Wirtschaft ächzt unter den Folgen der Pandemie, doch besonders hart trifft es die Kleinbetriebe. Gerade sie bräuchten unbürokratische Soforthilfen.

Vor wenigen Tagen haben Christine und Timo Raab noch Bilder von der Baustelle verschickt, auf der gerade ihr Haus entsteht. Ein Holzhaus, die Außenwände stehen schon. Ein Foto- und ein Yogastudio sollen hier Platz finden. Dafür laufen Kredite. Die als Solo-Selbständige zu bekommen, war nicht einfach. Und jetzt: das Coronavirus. Das Fotostudio ist geschlossen, Yoga-Kurse gibt es vorerst nur online. "Wir haben noch ein bisschen Geld zurückgelegt, aber das ist eigentlich für den Hausbau gedacht," sagt Timo Raab.

So wie dem Paar aus Bayern geht es zurzeit vielen. Große Unternehmen müssen ihre Erwartungen zurückschrauben, Kurzarbeit anmelden - doch sie werden die Krise mit hoher Wahrscheinlichkeit überstehen. Aber Kleinbetriebe trifft es mit voller Wucht, wenn das öffentliche Leben nahezu zum Erliegen kommt. Wenn sie keine Aufträge mehr bekommen oder ihr Geschäft schließen müssen. Sie brauchen dringend Soforthilfen, wie von der Bundesregierung und einigen Ländern angekündigt. In Bayern etwa hat bereits jetzt ein Drittel aller Kleinbetriebe Liquiditätsprobleme, wie der dortige Gewerbeverband klagt.

Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) bemüht sich und drückt aufs Tempo: "Die ersten Betroffenen werden schon am Freitag das Geld auf ihren Konten haben", verspricht er. Viele werden aber wohl länger auf Hilfe warten müssen: Die "Regulatorik" der Banken sei dabei ein Problem genauso wie die Fähigkeit der Förderbanken, die schiere Zahl von Anträgen abzuarbeiten, sagt Burkhard Jung, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Restrukturierungspartner. Ein praktisches Problem, das Deutschland noch längere Zeit begleiten werde.

Auch Häuslebauer Raab ist das Procedere noch nicht klar. Sein Steuerberater hat sich gemeldet wegen möglicher Stundungen. "Doch wie ich das Geld beantrage, ob und wie es zurückzahlen muss, das weiß ich nicht." Noch einen Kredit können sie sich nicht leisten, und für Soforthilfen müssten wohl erst die Rücklagen für den Hausbau verwendet werden. Denn in den Bestimmungen dazu heißt es: "Vor Inanspruchnahme der Soforthilfe ist verfügbares liquides Privatvermögen einzusetzen."

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Immerhin gibt es in Bayern Angebote und Informationen. In Baden-Württemberg verschickte das Wirtschaftsministerium am Donnerstag eine Pressemitteilung, in der es ein Soforthilfeprogramm ankündigte. Die Mail wurde Minuten später zurückgerufen. Später sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann: "In wenigen Tagen werde die betroffenen Kleinstunternehmen die Hilfe beantragen können, die sie benötigen, wir lassen sie nicht im Stich."

Aber wird das noch rechtzeitig sein? Lucas Flöther, einer der bekanntesten Insolvenzverwalter Deutschlands, fürchtet, es könnten unzählige Kleinstunternehmen in die Pleite rutschen. "Damit die Zehntausende kleineren Gastronomie- und Hotelbetriebe, Einzelhändler oder Freizeitanbieter die Chance haben, die Krise zu überleben, müssen sie ihren Geschäftsbetrieb in den Winterschlaf überführen. Dadurch senken sie ihre laufenden Kosten", rät er. Die im Hilfspaket der Bundesregierung vorgesehenen Liquiditätshilfen seien für die Mehrzahl der kleineren Unternehmen keine Option. Viele dieser Firmen wären nach Einschätzung Flöthers nach dem Ende der Krise mit den damit verbundenen Rückzahlungsverpflichtungen völlig überfordert. Flöther empfiehlt daher, die Unternehmen unter einen Schutzschirm zu stellen, der sie vor den Forderungen ihrer Gläubiger schützt und von Lohnkosten befreit. Die Arbeitnehmer erhielten dann für drei Monate Insolvenzgeld.

Coronavirus - Frankfurt am Main

Hoffnungsvoll: "Alles wird gut!" steht auf dem Asphalt vor einer geschlossenen Boutique in Frankfurt geschrieben.

(Foto: Arne Dedert/dpa)

Insolvenzgeld, Rückzahlungsverpflichtungen, Liquiditätshilfen - Selami Bilgin spricht eigentlich gut Deutsch. Aber mit bürokratischen Begriffen wie diesen kann er nichts anfangen. Sein Kebap-Restaurant Öz Antalya in Hannover hat er auf Lieferdienst umgestellt. Aber: "Wir haben noch nicht eine Bestellung bekommen", sagt Bilgin. "Natürlich machen wir uns Sorgen. Wenn es so weitergeht, ist der Laden tot." Seinen Steuerberater hat er schon kontaktiert, aber noch nichts gehört, von der Bank ebenso wenig.

Ein Gastwirt aus Baden-Württemberg hat andere Sorgen mit seiner Hausbank: "Die Bank wollte mir einen Kredit andrehen für neun Prozent Zinsen", sagt der Wirt, der nicht mit Namen genannt werden will. Beim Hotel- und Gaststättenverband kennt man das Problem. "Wenn die Hausbank trotz verbesserter Sicherheiten nicht mitzieht, bremst das Hausbankprinzip die Wirksamkeit der Krisenhilfe massiv", sagt ein Sprecher. Nötig seien auch Beihilfen, die nicht zurückbezahlt werden müssen.

Darauf hofft der Münchner Kneipier Florian Falterer. Die Frage, wie das mit KfW-Krediten laufe, sei seit einer Woche unbeantwortet. Ähnlich geht es dem Leipziger Martin Klindtworth. Anfang vergangener Woche fing der selbständige Fotograf an, sich um öffentliche Hilfsgelder zu kümmern. Er wandte sich an seine Hausbank, die Postbank, die staatliche Förderbank KfW, die Sächsische Aufbaubank. Bis heute konnte man ihm nicht weiterhelfen. Hoffnung macht dem Fotografen die Nachricht, dass der Bund nun 40 Milliarden Euro Soforthilfe für Solounternehmer bereitstellt. "Ich hoffe, dass das über die Förderbanken der Länder schnell bei den Betroffenen ankommt." Am Freitag will er sich wieder bei seinem Berater melden. "Mein Geschäftskonto ist fast leer", sagt er.

Coronavirus - Frankfurt am Main

Eine Kaffeerösterei in der neuen Frankfurter Altstadt bedient aus dem Fenster - das Café muss zu bleiben.

(Foto: Arne Dedert/dpa)

Wohin man auch blickt, überall ist die Lage ähnlich. Günter Warth betreibt ein Modegeschäft im schwäbischen Biberach. "Die Lage ist besorgniserregend." Vor dem Monatswechsel müsse klar sein, wie es mit Kurzarbeitergeld läuft, Krankenversicherungszuschuss oder Umsatzsteuer-Vorauszahlungen. "Wenn das zu lange dauert, dann gute Nacht, Einzelhandel." Er kennt viele Unternehmen, die auf eine Antwort ihrer Bank warten und nicht gut schlafen.

Malte Koch, Mitarbeiter in einem Fitnessstudio in Springe bei Hannover vermisst ebenfalls Informationen: "Zu der Staatshilfe wird nichts großartig kommuniziert. Wir haben nur eine Mail von der Stadt Springe erhalten mit der Info, dass die Wirtschaftsförderung der Region aktiv bleibt." Hildegard Müller, Präsidentin des Auto-Lobbyverbandes VDA fordert schnelle Hilfe vor allem für die kleinen Betriebe: Nach der Bankenkrise seien die Regeln zur Kreditvergabe verschärft worden. Das könne sich nun auch als kontraproduktiv erweisen. "Zum Beispiel dann, wenn einem kleineren Unternehmen die Auszahlung eines dringend nötigen Kredites wegen umfassender Prüfungen erst zu Anfang Mai avisiert wird."

Gut geklappt hat - bislang - der Weg zur Soforthilfe des Freistaats Bayern für den Münchner Kneipenbetreiber Florian Falterer. Nur zwei Seiten lang sei der Antrag, zwei Dutzend einfacher Fragen, die man dann an das Wirtschaftsreferat seines zuständigen Bezirks schicken müsse. "Angeblich wird es an diesem Freitag bereits zackig ausgezahlt, das hoffe ich auch, in ein, zwei Wochen bin ich sonst nicht mehr liquide", sagt der Kneipier. Kredite könnten die Situation abpuffern. Sie seien aber keine Langfristlösung, ebenso wenig wie mögliche Steuerstundungen: "Wenn einer an diesem Wochenende keine fünf Bier trinkt, dann holt er das nicht nach im Oktober und trinkt da dann 35."

© SZ vom 20.03.2020/tpa
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