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Impfstoffe:Serbien will Sputnik V produzieren

Corona-Impfung: Serbiens Präsident Aleksandar Vučić im April 2021 bei der Corona-Impfung

Präsident Aleksandar Vučić ließ sich im April mit dem Wirkstoff des chinesischen Herstellers Sinopharm impfen.

(Foto: SERBIAN PRESIDENTIAL PRESS SERVICE/AP/dpa)

Von Belgrad aus soll der ganze Balkan versorgt werden, im Juni soll die Herstellung beginnen. Allerdings haben bisher weder die Europäische Arzneimittelagentur noch die WHO das russische Vakzin zugelassen.

Von Florian Hassel, Belgrad

Für Serbien ist es ein Spiel mit hohem Einsatz: 50 Millionen Euro steckt der EU-Kandidat, der gleichzeitig enge Beziehungen zu Russland pflegt, für die erste europäische Produktion des Covid-19-Impfstoffs Sputnik V außerhalb Russlands in das Belgrader Torlak-Institut. Nicht nur Serbien, sondern die ganze Region soll von Juni an mit dem russischen Vakzin versorgt werden - und so auch den Einfluss Moskaus und Belgrads auf dem Balkan stärken.

Schon nach dem Beginn der Corona-Pandemie 2020 schickte das russische Verteidigungsministerium Spezialisten der Abteilung für radioaktive, chemische und biologische Kriegsführung und Krankenhausausrüstung nach Serbien. Die russischen Militärs halfen "in fast jedem Krankenhaus, in Altenheimen und Staatseinrichtungen", Infektionen zu verringern, lobte Serbiens Gesundheitsminister Zlatibor Lončar kürzlich im Kremlfernsehen Russia Today.

Ende Dezember 2020 trafen die ersten Sputnik-V-Dosen in Belgrad ein, am 6. Januar begannen die Impfungen: mit Sputnik, dem chinesischen Sinopharm-Vakzin, mit Biontech/Pfizer und Covishield, dem in Indien in Lizenz produzierten Astra-Zeneca-Impfstoff. Präsident Aleksandar Vučić verschenkte mehrmals Impfdosen an Nachbarländer - zuletzt 100 000 Biontech-Dosen an Tschechien - , was er tun kann, weil zwar fast die Hälfte der Serben bereits geimpft, doch der Impfwille vor allem junger Serben gering ist.

Zudem setzt Vučić auf Sputnik V made in Belgrade. Die Testproduktion begann im April, und Belgrad schickte die ersten 2000 Impfdosen zur Inspektion ins Moskauer Gamaleya-Institut, Erfinder von Sputnik V. Serbiens Technologieminister Nenad Popović zufolge gab Gamaleya-Institutsdirektor Alexander Ginsburg grünes Licht; Moskau liefere jetzt weitere Ausrüstung. Laufe alles wie geplant, "werden wir schon im Juni große Mengen haben, dann kann nicht nur Serbien ruhig atmen, sondern die ganze Region - denn das Vakzin reicht für alle Bürger, einschließlich unserer Nachbarn", brüstete sich Gesundheitsminister Lončar.

Immer wieder werden Zweifel an Sputnik V laut

Dass die kommende serbische Sputnik-V-Produktion tatsächlich ein Erfolg wird, ist keinesfalls klar. Tschechische und slowakische Regulatoren und namhafte Mediziner meldeten zuletzt - etwa im British Medical Journal - Zweifel an gelieferten Impfdosen oder Moskauer Daten zur angeblich hohen Effizienz von Sputnik V an. Der russische Impfstoff ist bisher weder von der europäischen Arzneiagentur EMA noch von der Weltgesundheitsorganisation WHO zugelassen.

Seit April prüfen EMA und WHO Produktionsstätten und -verfahren, seit dem 10. Mai gemeinsam. Laut einem WHO-Sprecher dauern die Prüfungen noch bis in den Juni. Einer Übersicht vom 18. Mai zufolge hat die WHO von Moskau immer noch nicht alle Daten erhalten, ist ein Genehmigungstermin nicht in Sicht. Auch Serbien hat laut WHO bisher keinen Antrag auf Autorisierung des Belgrader Sputnik-V-Impfstoffs gestellt. Serbiens Gesundheitsministerium ließ eine SZ-Anfrage, ob und wann ein solcher Antrag bei EMA oder WHO gestellt werde, unbeantwortet.

Eine Autorisierung durch EMA oder WHO aber wird für viele Serben und potenzielle Kunden einer Belgrader Sputnik-V-Produktion ein wichtiges, wenn nicht entscheidendes Kriterium: Von dem Zeitpunkt nämlich, von dem an die EU ihren Beschluss vom 19. April umsetzt, Besucher von außerhalb der EU (das gilt für viele Balkanländer) ohne PCR-Test und Quarantäne einreisen zu lassen, wenn sie eine Impfung mit Vakzinen vorweisen können, die den Segen entweder der EMA oder der WHO haben.

Die WHO hat bereits, anders als bisher die EMA, auch den in Serbien und anderen Ländern verwendeten chinesischen Impfstoff von Sinopharm autorisiert: Wer dieses Impfzertifikat vorweisen kann, kann vom Balkan bald problemlos in die EU reisen - ein wichtiges Kriterium für allein fast eine halbe Million Serben und Hunderttausende Kosovaren, Albaner oder Mazedonier, deren Wohnsitz in einem EU-Land liegt, doch die faktisch oft etwa zwischen Deutschland und Serbien pendeln.

Wer indes mit Sputnik V geimpft wird, bleibt bis auf Weiteres vor der Tür. Potenzielle Kunden Belgrads - Minister Lončar zufolge sollen etwa Montenegro und Nordmazedonien interessiert sein - dürften sich schnell umentscheiden, wenn bald etwa mehr Biontech/Pfizer zur Verfügung steht. Unklar ist, ob Belgrad seinen Sputnik-V-Impfstoff auch außerhalb Europas verkaufen darf. Allein das verzweifelt gegen die Pandemie kämpfende Indien, dessen eigene Impfstoffproduzenten nicht genug Vakzin liefern, will bis zu 125 Millionen seiner Bürger mit Sputnik V impfen - allerdings mit Sputnik made in Russia.

© SZ/vgr
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