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Russischer Impfstoff:Brasilien untersagt vorerst Import von Sputnik V

FILE PHOTO: A medical specialist holds a vial of Sputnik V vaccine against the coronavirus in a department store in Moscow, Russia

Umstrittenes Vakzin: Der Sputnik-V-Impfstoff.

(Foto: SHAMIL ZHUMATOV/REUTERS)

Die Gesundheitsbehörde bemängelt fehlende Daten und hat Hinweise auf vermehrungsfähige Viren in einigen Impfstoffproben gefunden. Russland bestreitet die Probleme.

Von Hanno Charisius

Die brasilianische Behörde für Gesundheitsüberwachung Anvisa hat sich gegen die Einfuhr des russischen Corona-Impfstoffes Sputnik V ausgesprochen. Den Expertinnen und Experten fehlten einer Mitteilung zufolge "konsistente und zuverlässige Daten". Die Behörde ließ offen, ob sie die Einfuhr genehmigen würden, falls die Produzenten des russischen Impfstoffs Daten nachliefern.

Sowohl bei der Entwicklung als auch der Herstellung stießen die Prüfer auf Unzulänglichkeiten. Es gebe "keine oder nur unzureichende Daten" zur Qualitätskontrolle, Sicherheit und Wirksamkeit, heißt es von der Behörde. Außerdem habe man Hinweise darauf gefunden, dass vermehrungsfähige Viren in einigen Impfstoffproben enthalten waren - ein Alarmsignal für die Prüfer.

Bei Sputnik V handelt es sich wie beim Impfstoff des britisch-schwedischen Pharmaunternehmens Astra Zeneca um einen sogenannten Vektor-Impfstoff. In solchen Präparaten werden harmlose Viren vermehrungsunfähig gemacht und mit dem Bauplan für Bruchstücke der Coronaviren ausgestattet. In den menschlichen Körper injiziert befallen die Impfviren zwar Zellen und setzen die Bauanleitung für die Virusbruchstücke frei, doch können sie sich normalerweise nicht vermehren und Infektionen auslösen.

Noch ist unklar, ob es sich um ein Konstruktionsproblem oder eine Verunreinigung handelt

Es gibt auch Impfstoffe, die mit vermindert vermehrungsfähigen Viren arbeiten. Oft werden solche gegen Kinderkrankheiten wie Masern, Mumps oder Röteln eingesetzt. Doch Transportviren, die nur genetische Impf-Fracht in menschlichen Zellen bringen sollen, dürfen sich nicht vervielfältigen.

Bislang ist unklar, ob es sich um ein Konstruktionsproblem der Vektor-Viren oder eine Verunreinigung handelt, die in einigen Impfstoffchargen auftaucht. Sputnik V wird von mehreren Herstellen produziert. Das Vakzin wurde vom Gamaleya-Institut entwickelt, das zum russischen Gesundheitsministerium gehört. In einem eigenen Sputnik-V-Twitter-Account weist Russland die Vorwürfe aus Brasilien zurück und unterstellt den USA, politischen Druck auf das südamerikanische Land ausgeübt zu haben. Kremlsprecher Dmitri Peskow stellte Brasilien weitere Daten in Aussicht. "Es sollte hier keine Zweifel geben", sagte Peskow der Agentur Interfax.

Es ist nicht das erste Mal, das Zweifel an dem russischen Vakzin aufkommen, das laut ersten Studien eine hohe Schutzwirkung gegen Sars-CoV-2 entfalten soll. Bereits zuvor waren Studiendaten kritisch kommentiert worden. Anfang April gab die Arzneimittelbehörde der Slowakei 200 000 Sputnik-Impfdosen nicht frei, da der Inhalt nicht mit der zuvor beschriebenen Zusammensetzung zusammenpasse. Auch in Europa wurde eine Zulassung des Vakzins beantragt, doch der Prozess zieht sich seit Wochen. Die europäische Arzneimittelagentur gab Anfang April bekannt, dass man die Produktionsstätten begutachten wolle, dies sei ein normaler Schritt im Zulassungsprozedere.

Mit Material von dpa

© SZ/weis
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