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Landkreis Starnberg:"Raupe to go" gegen Giftpflanzen

Die schwarz-gelbe Raupe des Jakobskrautbären frisst ausschließlich Jakobskreuzkraut.

(Foto: imago)

Ein Bauer aus Schleswig-Holstein züchtet Blutbären, die ausschließlich das gefährliche und wuchernde Jakobskreuzkraut fressen. Mit ihrer Hilfe will man in Krailling einer Plage Herr werden.

Von Carolin Fries

Wann genau die Plage begonnen hat, lässt sich rückblickend nicht mehr sagen. Es war ein schleichender Prozess, den anfangs kaum jemand bemerkte. Die Sanatoriumswiesen am Kraillinger Ortsrand blühten im Sommer von Jahr zu Jahr gelber. Bis klar war, dass sich hier das giftige Jakobskreuzkraut ungehindert ausbreitet, war es schon zu spät. Die Pflanze hat längst andere Arten verdrängt und ist so dominant, dass die Gemeinde das dadurch vergiftetet Mähgut nicht mehr verfüttern kann, sondern teuer verbrennen muss. Helfen soll jetzt eine Idee aus Norddeutschland, nämlich der Einsatz von Raupen eines Schmetterlings, des Jakobskrautbären.

Landwirt Andreas Frahm aus Schleswig-Holstein hat die gelb-schwarzen Raupen vor zehn Jahren als günstige, ökologische und effektive Jakobskreuzkraut-Bekämpfer entdeckt, nachdem seine Weideflächen selbst "befallen waren". Er hat ein Konzept entwickelt, welches bereits deutschlandweit zum Einsatz kommt, wie er erzählt, und das nun auch die Kraillinger von dem gelben Korbblütler erlösen soll. Im kommenden Sommer soll es losgehen, die "Therapie" dauert vier Jahre.

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Die Gemeinde Krailling will sich im Sommer ein "Starterpaket" Raupen auf die Sanatoriumswiesen holen, wo sich das giftige Jakobskreuzkraut seit einigen Jahren ausbreitet.

(Foto: dpa)

Anfang September sei er ins Würmtal "rumgekommen", wie Frahm am Telefon erzählt und habe die Wiesen, die die Gemeinde gepachtet hat, begutachtet. Das Urteil des Rinderzüchters über die bisherigen Maßnahmen auf den Kraillinger Erholungsflächen ist vernichtend: "Hier wurde alles verkehrt gemacht, was man verkehrt machen kann", sagt er und fügt entschuldigend hinzu: "Weil man es nicht besser wusste."

Ausreißen, Ausstechen, mähen, mulchen - all das sei kontraproduktiv und unterstütze das lästige Kraut nur in der Ausbreitung. Mit seinem Verfahren hingegen seien Flächen innerhalb von vier Jahren nahezu frei von Jakobskreuzkraut. "Ganz weg kriegt man es kaum, die Samen halten sich 30 Jahre lang im Boden."

Die Methode ist denkbar einfach: Im ersten Jahr werden die gefräßigen Raupen ausgesetzt, das "Starterpaket" beinhaltet etwa 50 Stück. Im zweiten Jahr verbreitet sich der Schmetterling und legt zahlreiche Eier ab, im dritten und vierten Jahr fressen die Raupen - etwa 30 bis 50 pro Pflanze - diese so weit runter, dass "nichts mehr übrig bleibt". Das Besondere an den Raupen des Blutbären, wie der Schmetterling aufgrund seiner Färbung auch genannt wird: Die Tiere fressen ausschließlich das Jakobskreuzkraut. Ein Selbstschutz, denn dieses enthält so viele Bitterstoffe, dass kein Vogel mehr die Raupen fressen mag.

Wer von Frahm beraten und betreut wird, muss die Raupen an den richtigen Stellen aussetzen und zudem das Mahdkonzept anpassen, mehr sei nicht zu tun, so der Landwirt. "Man muss eigentlich nur den Schmetterling kultivieren." Frahm hat nach eigenen Angaben im Schnitt 300 Millionen Raupen im deutschsprachigen Raum im Einsatz, in diesem Jahr coronabedingt weniger.

Der Jakobskrautbär wird wegen seiner roten Färbung auch Blutbär oder Karminbär genannt.

(Foto: imago)

Verschickt werden die Tiere nicht, entweder man holt sie in Norddeutschland ab oder aber Frahms vermittelt Raupen von Flächen, die bereits erfolgreich bearbeitet wurden. Die Standorte hat er in seinem Computer gelistet, "viele auch in Bayern", wie er sagt. Die Namen der süddeutschen Ortschaften könne er sich schlecht merken. Schließlich hätten in der vergangenen Saison mehr als 5000 landwirtschaftliche Betriebe und Kommunen bei ihm angefragt, die das Jakobskreuzkraut loswerden wollen.

Die Kraillinger Umweltbeauftragte Verena Texier-Ast ist begeistert von der Raupen-Idee, mit der der Kreislauf der ökologischen Landwirtschaft auf der Sanatoriumswiese wieder geschlossen werden soll. Natürlich habe man im Rathaus lange gerätselt, wie das Jakobskreuzkraut überhaupt den Weg nach Krailling gefunden hat, berichtete sie jüngst dem Gemeinderat. "Wahrscheinlich wurden die Samen von Baustellenfahrzeugen eingeschleppt, als die Container für die Asyl-Unterkunft aufgestellt wurden", sagt Kraillings Bürgermeister Rudolph Haux (FDP).

© SZ vom 01.12.2020/amm
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