bedeckt München

Schädlinge im Garten:Die Stinkwanze hat das bayerische Voralpenland erreicht

Klein, aber skrupellos: Die Marmorierte Baumwanze (Halyomorpha halys) hat einer Starnbergerin in diesem Herbst die Apfelernte verdorben.

(Foto: Mauritius Images)

Nach Laubholzbockkäfer und Buchsbaumzünsler gibt es einen neuen Störer in den heimischen Gärten. Experten befürchten, dass Stinkwanzen zur Plage werden könnten.

Von Peter Haacke, Starnberg

Die kleine Wanze kann nicht tanzen, und sie lauert auch nicht auf der Mauer. Sie zieht sich jetzt lieber in Ritzen und Spalten zurück, denn sie friert nicht gern. In ihrer ostasiatischen Heimat, in Ostchina, Japan oder Korea, ist es viel wärmer. Doch die Marmorierte Baumwanze ist ein Überlebenskünstler, der längst auch in Europa auf Eroberungs- und Beutezug gegangen ist - zunehmend mit fatalen Folgen für Obst- und Gemüsebauern. Vor allem in südlichen und mittleren Regionen Europas hat man bereits schlechte Erfahrungen gemacht mit dem invasiven Winzling, der ganze Ernten vernichten und Schäden in Millionenhöhe verursachen kann. Doch nicht nur hier: Auch in Deutschland ist die Wanze auf dem Vormarsch und hat nun das bayerische Voralpenland erreicht.

Die Äpfel im Garten von Hella Wiemann sehen dieses Jahr irgendwie anders aus: Seit Jahrzehnten schon hegt und pflegt die rüstige Starnberger Seniorin ihre Bäume, doch die Äpfel sind nicht gerade schön: Die meisten Früchte haben braune Stellen, sind deformiert und viel zu klein. Ein Teil der Ernte verfault am Baum, die meisten Früchte sind angestochen. Hinter dieser Missernte dürfte ein Neozoon stecken - eine eingeschleppte Insektentierart, die in Asien heimisch ist. Als Wiemanns Tochter dann auf der heimischen Sonnenterrasse neben den Apfelbäumen auch noch eine etwa Daumennagel große Wanze anflog und ein weiteres Exemplar der gleichen Spezies direkt im Arbeitszimmer landete, schien das Rätsel gelöst. Eine Internet-Recherche bekräftigte den ersten Verdacht, Gewissheit aber brachte schließlich eine Expertise durch Ullrich Benker, Zoologischer Diagnostiker der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft: Es handelte sich um die Marmorierte Baumwanze.

Globalisierung und Klimawandel machen es möglich. Eingeschleppte Tier- und Pflanzenarten stellen Landwirtschaft, Obst- und Gemüsebauern ebenso wie Agrarexperten immer wieder vor neue Herausforderungen. Und die Liste der Schädlinge, die zumeist ungewollt als blinde Passagiere aus Asien in Brettern, Holzkisten oder sogar in Neuwagen eingeschleppt werden, wird immer länger. In den Fokus gerückt ist nach dem Laubholzbockkäfer, dem Buchsbaumzünsler oder der Kirschessigfliege nun die in Ostasien beheimatete Marmorierte Baumwanze. Fachleute warnen: Nach zahllosen Einzelfunden könnte sich die Stinkwanze bundesweit zu einem neuen, kaum mehr zu regulierenden und gefährlichen Schädling im Obst-, Gemüse- und Weinbau entwickeln. In der besonders betroffenen Schweiz verdoppelten sich 2019 die Ernteschäden im Vergleich zum Vorjahr.

Vor allem in den wärmeren Regionen Baden-Württembergs und entlang des Rheingrabens ist die Stinkwanze längst angekommen. In Oberbayern dagegen tauchten erste Exemplare im Vorjahr in München auf, doch nun scheint auch das Voralpenland betroffen zu sein. Zwar ist das Thema beim Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Weilheim - zuständig für die Landkreise Garmisch-Partenkirchen, Starnberg und Weilheim-Schongau - bislang noch unbekannt. Jürgen Ehrhardt, Fachberater im Landkreis Starnberg für Gartenkultur und Landespflege, ist ebenfalls noch keine Baumwanze untergekommen. Fehlanzeige auch bei den heimischen Safterzeugern: Weder bei der Firma Perger, die heimisches Obst aus der Region zu Säften verpresst, noch beim Obst- und Gartenbauverein Aufkirchen, sind bislang Ernteausfälle zu beklagen. Ralf Maier, seit Jahrzehnten Chef an der Aufkirchner Obstpresse, ist angesichts der Qualität der Früchte hochzufrieden: Das Obst sei dieses Jahr "so viel und so gut wie schon lange nicht mehr". Doch ob das so bleiben wird, ist fraglich. Für Ullrich Benker, Zoologe an der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft, steht fest: Die Wanze wird sich weiter ausbreiten.

Aufgrund ihrer hohen Mobilität und Robustheit wird sich die Marmorierte Baumwanze mit großer Wahrscheinlichkeit weiter verbreiten. Sie kann fliegen, fährt in Autos mit und überwintert zur Not auch unter Lastwagen-Planen. Auch rund um die Landeshauptstadt wurde die Stinkwanze schon mehrfach gesichtet: Sinken die Temperaturen, zieht sie sich ins Warme zurück und landet in unzugänglichen Ritzen und Verstecken von Wohnungen und Häusern. Zuweilen brummt sie laut wie eine Hummel durchs Zimmer. Die Tiere sind zwar ungefährlich, aber dennoch lästig - vor allem dann, wenn sie bei Bedrohung ein übel riechendes, lang anhaftendes Sekret absondern. Wird es wärmer, findet die Baumwanze in heimischen Gärten ideale Bedingungen.

Bei der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft in Freising nimmt man das Thema sehr ernst - und bittet um Mithilfe: "Wenn Sie eine Marmorierte Baumwanze oder Grüne Reiswanze finden, senden Sie uns davon ein Bild mit Angabe der Fundstelle per E-Mail oder schicken Sie uns ein Exemplar", heißt es auf der Homepage des Instituts. Am Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg (Baden-Württemberg) ist man sich derweil sicher, dass eine Ausrottung der Wanze nicht mehr möglich ist. "Die Dynamik der Nachweise hat zugenommen", heißt es angesichts enormer Ernteschäden in Apfelanlagen am Bodensee, an Kartoffeln im Breisgau oder Pfirsich-Plantagen bei Konstanz. "Es ist schwer vorhersagbar, wann diese Vorkommen eine schädliche Größe für den Erwerbsanbau erreichen", heißt es.

Störend und stinkend

An den gelblich-weißen Punkte auf dem Rücken kann man die Marmorierte Baumwanze (Halyomorpha halys) schon auf den ersten Blick erkennen: Auf Höhe des zweiten Beinpaares und unter der Halskrause hat sie bis zu fünf markante Flecken, die der überaus ähnlich aussehenden Grauen Gartenwanze (Rhaphigaster nebulosa) fehlen. Das transparente Flügelende der Baumwanze ist dunkel gestreift, bei der Gartenwanze gepunktet.

Die Familie der Wanzen ist groß: Weltweit gibt es 40 000 Arten, 3000 davon in Europa. Die ursprünglich aus Asien stammende Marmorierte Baumwanze wurde Ende des 20. Jahrhunderts in die USA eingeschleppt, wo sie seither erhebliche Schäden im Obst-, Gemüse- und Ackerbau verursacht. Sie erinnert an breitschultrige Käfer, hat jedoch einen Saugrüssel. In Europa wurde sie 2004 nachgewiesen, in Deutschland tauchte der gefräßige Winzling erstmals 2011 in Konstanz auf. Mittlerweile hat sie sich schon über weite Teile Südwestdeutschlands ausgedehnt, häufig auch in Siedlungsgebieten. Die Baumwanze, auch als Stinkwanze bekannt, sticht und beißt nicht, sondert bei Bedrohung aber einen üblen und lang anhaltenden Geruch ab.

Bei Temperaturen unter neun Grad Celsius und abnehmender Tageslänge überwintert die Marmorierte Baumwanze in Ritzen und Spalten von Häusern, Schuppen und Baumrinden. Bei Temperaturen über zehn Grad verlässt sie im Frühjahr ihr Quartier: Ab Mitte Mai paaren sich die Wanzen, die Weibchen legen ihre Eigelege - meist 28 Stück - auf der Blattunterseite ab. Daraus schlüpfen Larven und durchlaufen fünf Entwicklungsstadien. Ab Mitte Juli können dann erwachsene Tiere auf Wirtspflanzen gefunden werden, stechen die Früchte an und bringen ein Enzym ein. Dabei ist die Baumwanze nicht wählerisch: Mehr als 300 Obst- und Gemüsesorten stehen auf ihrem Speiseplan. Befallene Früchte sind an dunkel eingefallenen braunen Stellen, Deformationen und Einstichstellen zu erkennen. In Deutschland gibt es bislang eine Generation pro Jahr, in warmen Regionen kann sich eine zweite entwickeln. Werden die Tage kürzer, suchen die Tiere einen geschützten Überwinterungsplatz. Dabei treten sie zuweilen an Hauswänden auf - und werden zu Lästlingen.

Um einen Überblick über das Vorkommen der Marmorierten Baumwanze in Bayern zu erhalten, setzt die Landesanstalt für Landwirtschaft (Institut für Pflanzenschutz IPS 3d) in Freising auf Mithilfe: Unter Angabe von Anschrift und Fundort können Fotos per E-Mail an ips@lfl.bayern.de geschickt werden oder aber auch die Tiere selbst per Post in geeigneten Behältnissen eingesandt werden. phaa

Zumal zur Bekämpfung der Marmorierten Baumwanze bislang nur wenig wirksame Möglichkeiten bekannt sind: Mit chemischen Mitteln ist ihr kaum beizukommen, in Europa ist ein natürlicher Feind nicht bekannt. Hoffnungen setzt die Wissenschaft derzeit auf einen Gegenspieler, der ebenfalls aus Ostasien kommt: die Samurai-Wespe. Die nur zwei Millimeter große Schlupfwespe legt ihre Eier ins Gelege der Wanze, die Wespenlarven fressen dann die Wanzeneier von innen leer. Unlängst erst gelang den Augustenberger Wissenschaftlern der Nachweis von Samurai-Wespen in Heidelberg, und auch in der Schweiz forscht man emsig diese biologische Schädlingsbekämpfung. Bis zu 80 Prozent der Wanzeneier könnten so zerstört werden, lautet die optimistische Prognose. Unbeantwortet ist dabei bislang jedoch die Frage, ob man womöglich versucht, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben: Womöglich stellt die gebietsfremde Samurai-Wespe auch eine Gefahr für einheimische Insektenarten dar.

Die Starnberger Seniorin indes hat das Thema Apfelernte für dieses Jahr abgehakt: Die meisten Früchte ihrer alten Bäume sind unbrauchbar. Sie hofft nun lediglich darauf, dass die Stinkwanzen nicht auch noch ihre Wohnung belagern.

© SZ vom 09.11.2020
Sommerhitze - München

SZ PlusSZ-Serie: München natürlich
:Der Klimawandel trifft Münchens Natur hart

Für viele Tier- und Pflanzenarten in der Stadt haben Wärme und Trockenheit fatale Folgen. Igel sind gestresst, Hummeln verschwinden und Bäume vertrocknen.

Von Thomas Anlauf

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite