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Freizeit in Bayern:Das Hobby für die Quarantäne

Percha: Angler Josip Sudac und Tochter Jana

Nach dem Home-Office nimmt Josip Sudac seine fünfjährige Tochter Jana gern nach Percha zum Angeln mit.

(Foto: Nila Thiel)

Angeln bleibt trotz aller Ausgangsbeschränkungen erlaubt. Die für diesen Sport nötigen Tugenden können sogar durch die Corona-Krise helfen - Abstand halten, an der frischen Luft durchatmen und vor allem abwarten.

Von Jessica Schober

Wenn Josip Sudac am Nachmittag sein Laptop im Home-Office zuklappt, dann freut er sich auf den See. Der 34-jährige Starnberger Account-Manager will endlich angeln. Er fischt auf Seeforelle. Dafür muss er den perlmuttschimmernden Blinker immer wieder auswerfen und einholen. Gute zwei Stunden lang, am liebsten jeden Feierabend. "So lange, bis der Arm lahm wird - oder bis eine Forelle beißt", sagt Sudac.

Angeln ist erlaubt, trotz der Ausgangsbeschränkungen in der Corona-Krise. Wer allein oder mit Menschen, mit denen er zusammenlebt, am Ufer sitzt und Abstand zum nächsten Angler hält, der kann sich über das perfekte Hobby in Zeiten der verordneten Sozialdistanz freuen. Auf einem Klapphocker am Seeufer hockend sollten sich zum Saisonbeginn - am Starnberger See Anfang April - einige Hechte und Forellen aus den Gewässern des Fünfseenlandes ziehen lassen.

So ist auch für Sudac das Angeln ein Anker geworden. Er tut dies schon seit Kindheitstagen, vor allem im Urlaub in Kroatien. Seit 2017 hat er eine Saisonkarte am Starnberger See. Am liebsten nimmt er dann seine fünfjährige Tochter Jana mit, sie angelt mit einer ausklappbaren Teleskopangel und hat sogar mal ein paar Barsche gefangen, oder "Tigerfische", wie sie sie stolz nennt. Jetzt, da alle Spielplätze geschlossen sind, verbringen Vater und Tochter besonders gern Zeit zusammen am Ufer.

Seit zwei Wochen macht Sudac schon Home-Office, so langsam fällt ihm die Decke auf den Kopf. "Ich bin so froh, dass das Angeln nicht unter die Ausgangsbeschränkungen fällt", sagt Sudac. "Das ist wirklich ein befreiendes Gefühl, mal rauszukommen." Am See könne er einfach die Seele baumeln lassen und ein bisschen aufs Wasser schauen. Dort sei es deutlich ruhiger als sonst. "Wenn ich an meinem Hotspot bin, dann kommt da inzwischen kein Zweiter zum Ratschen dazu", sagt Sudac. Der nächste Angler halte gut 20, 30 Meter Abstand, erzählt Sudac.

Was ihm am Angeln so gefällt, sind die Neugier und Freude beim Drillen, wenn ein Fisch angebissen hat und er ihn an Land holt. Er liebt diesen Überraschungsmoment - man wisse eben nie, ob einer beißt. Erst vergangenes Jahr holte er einen kapitalen Fang aus dem See; ein Hecht von 95 Zentimeter Länge. "Es gibt mir ein sicheres Gefühl, dass ich mein eigenes Abendessen gefangen habe - und dass ich genau weiß, woher der Fisch auf dem Tisch kommt." Für Karfreitag hofft Sudac, seiner Familie eine fangfrische Forelle auf dem Teller anrichten zu können. "Und wenn gar kein Fisch beißt, na ja, dann gibt es eben Scampi aus der Tiefkühltruhe."

Berufsfischerin Veronica Wesselmann aus Herrsching vakuumiert einen Saibling zum Abholen.

(Foto: Arlet Ulfers)

Andere fürchten einen Ansturm der Angeltouristen. Zum Beispiel die Berufsfischerin Veronica Wesselmann aus Herrsching, die gemeinsam mit ihrer Mutter im Ammersee fischt und ihren Fang in der Fischerei Schlamp verkauft. "Wenn jetzt alle zuhauf um den See herum ansitzen, dann ist das für keinen gut", sagt sie. Die Angelsaison beginnt hier offiziell schon Anfang März, aber momentan gehen die Renken im Ammersee kaum in die Netze, sie sind auch noch zu klein. Deshalb hat Wesselmann diesen Fisch derzeit nicht im Angebot. Dabei sei gerade an Ostern die Nachfrage danach groß. Die Preise blieben auch während der Corona-Krise stabil: Ein Kilo Forelle kostet 19,90 Euro, ein Kilo Saibling 20,90 Euro und wer einen Hecht von einem Kilo haben will, zahlt 29 Euro. "Unsere regionalen Produkte werden jetzt im Moment anders wertgeschätzt als sonst", erzählt Wesselmann. "Aber im Laden und am See ist deutlich ruhiger."

Seitdem die Gastwirtschaften keinen frisch gefangenen Fisch mehr abnehmen, muss sie sich andere Möglichkeiten der Vermarktung einfallen lassen. Ihr Laden in Herrsching hat weiterhin geöffnet, weil es zur Lebensmittelbranche gehört. In Zeiten der Ausgangsbeschränkungen bietet sie ihren Kunden an, den vorbestellten Fisch vakuumiert zu einer vereinbarten Zeit im Laden zur Abholung bereitzustellen, ohne lange Wartezeiten. Das werde rege genutzt, erzählt Wesselmann. Dass die Fischbestände im Ammersee nun exorbitant wachsen, erwartet Wesselmann hingegen nicht. Ob nun aktuell ein paar Angler mehr oder weniger am Ufer säßen, sei dafür irrelevant. Und so nüchtern, wie das eben nur Menschen sagen können, die tagein, tagaus in der Natur arbeiten, prophezeit sie: "Das verträgt der See schon."

Herbert Röser musste sein Angelgeschäft in Starnberg wegen Corona schließen. Würmer und Maden gibt es aber weiterhin im Außenkühlschrank.

(Foto: Arlet Ulfers)

Angeln mag für manche derzeit die ideale Beschäftigung sein - nur wer neu mit dem Hobby beginnen will, der hat es schwer. Alle Kurse zur Vorbereitung für die Fischerprüfung sind abgesagt, die Prüfungen verschoben. Und auch Angelgeschäfte, wie das von Herbert Röser in Starnberg, haben geschlossen. "Würmer und Maden gibt es weiterhin zur Selbstbedienung im Außenkühlschrank vor dem Laden." Mit diesen Worten hat Röser seinen Laden vorerst zugesperrt. Röser, der auf seiner Webseite gern mal mit einem 2,24 Meter langen Waller im Arm posiert, ist leidenschaftlicher Sportangler. Er ist seit zwölf Jahren Ausbilder für die Fischerprüfung und tourt normalerweise durch die Gaststätten des Münchner Umlands, um seine Wochenendkurse anzubieten. Alles abgesagt jetzt. Auch die Vereinsheime der Angler sind gesperrt. Die Jahreshauptversammlungen abgesagt. Nur die Maden liegen noch im Kühlschrank. Was also tun? Das, was Fischer besonders gut können: warten.

Der große Auftakt zum Gemeinschaftsangeln im Fünfseenland ist üblicherweise der 1. Mai, denn die gesetzlichen Schonzeiten für Hecht und Forelle enden Mitte April. Fischen darf, wer einen Angelschein hat und eine Berechtigung für das jeweilige Gewässer. Am Starnberger See kostet eine Tageskarte zum Beispiel 15 Euro, am Ammersee 20 Euro. "Man bringt niemals an Fischen raus aus dem Wasser, was man an Geld reingesteckt hat", sagt Röser trocken. "Die Rechnung geht nicht auf."

Und doch liebt er sein Hobby. Mit sechs Jahren hat er am Weßlinger See angefangen als Jungfischer, schon seine Großmutter hatte einen Karpfenweiher auf dem Bauernhof. Röser kennt seine Fischlein im ganzen Fünfseenland: Auf Forellen fischt er an der Würm, wofür er entweder Spinn- oder Fliegenfischen geht. Hechte fängt er, indem er Blinker auswirft oder auf das Schleppangeln setzt, laut Röser "die bequemere Variante". Das Fliegenfischen, die wohl psychologischste Art des Angelns, weil der Mensch sich in das Tier versetzen muss. Er soll die Forellen glauben machen, dass da anstelle eines Köders eine arglose, aber appetitliche Mücke auf der Wasseroberfläche herumtanzt. Röser starrt dann mit seiner Polarisationsbrille ins Wasser. Er beobachtet die Forellen genau, versucht sie mit seiner Mückenattrappe zu locken. "Manchmal machen die Fische dann so eine Scheinattacke und beißen aber nicht in den Köder, sondern drehen wieder ab." Dann müsse man am besten einen anderen Köder versuchen. "Das ist das, was das Angeln für mich ausmacht", sagt Röser, "Fleiß und Nachdenken."

Und so langweilig sei das Angeln dann nun auch nicht. Das Bild vom ewigen Ausharren am Ufer stimme eben nur manchmal. Oder in Röser-Sprech: "Wer Flöhe im Hintern hat, der soll mal Spinnangeln auf Hecht. Da ist Action!" Es sei aber ein bisschen wie beim Pokern. "An einem Tag bist du erfolgreich, am andern Tag beißt halt nichts."

Im Abwarten üben sich gerade auch zwei Nachwuchsfischerinnen, die nun nicht zum Zuge kommen. Veronika Billinger und Katharina Wohlmuth aus Frieding hatten gerade den Kurs bei Helmut Röser absolviert und wollten Ende März die Prüfung ablegen. Doch die Termine sind alle bis auf Weiteres abgesagt. Die Fische müssen warten. Dabei hatte sich die Marketingmitarbeiterin Billinger darauf gefreut, mit ihrem Freund zusammen angeln zu gehen, er hatte ihr die Kursteilnahme zum 28. Geburtstag geschenkt.

"Was ich beim Angeln am schönsten finde, ist, dass die Stunden am Wasser nicht planbar sind. Man weiß nie, ob einer beißt", sagt sie. Man könne entspannen und die Seele baumeln lassen - und wenn man dann doch einen Biss habe, käme der große Adrenalin-Kick: Was hängt da jetzt wohl am Haken? Wie groß ist der Fisch? Und wie bringt man den an Land? "Ich finde es wichtig, den Fisch, den man fängt, auch zu verwerten. Für mich wäre das sonst kein Hobby", sagt Billinger. "Ich bin ein sehr naturverbundener Mensch."

Ihre Freundin und Schwägerin Katharina Wohlmuth, mit der sie die Prüfung eigentlich gemeinsam ablegen wollte, kommt unterdessen nicht einmal dazu, einen Gedanken ans Fischen zu verwenden. Sie ist Pflegerin im Pasinger Klinikum und im Moment im Dauereinsatz. Dabei sagt sie: "Angeln ist eigentlich ein total quarantänetaugliches Hobby." Sie sei quasi am Pilsensee aufgewachsen und habe dort schon früher mit ihrem Bruder zusammen geangelt. Sie hofft, dass sich die Lage in der Klinik bald normalisiert und sie im Sommer frisch geangelte Forellen vom Grill genießen kann. "Aber jetzt müssen wir einfach das Beste aus der aktuellen Situation machen."

© SZ vom 09.04.2020/kafe
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