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S-Bahn in München:"Zehn Jahre Baustelle für nichts"

Wir sehen Rot: Eine klare Mehrheit derer, die in den Hofbräukeller gekommen sind, stimmt dafür, die Versammlung zu verschieben.

(Foto: Robert Haas)
  • Eine Bürgerversammlung zur Zweiten Stammstrecke musste verschoben werden, weil der Hofbräukeller zu klein für alle Teilnehmer war.
  • Die Haidhauser fürchten durch die Bauarbeiten Umwege und Staus.
  • Viele Bewohner im Viertel kritisieren nicht nur Details, sondern das Projekt Zweite Stammstrecke als Ganzes.

Eine Bürgerversammlung kann auch für Überraschungen gut sein: Zum Beispiel, wenn so viele Menschen in den Saal drängen, dass die Veranstaltung vertagt und in einen größeren Saal verlegt werden muss. Der bayerische Innen- und Verkehrsminister Joachim Herrmann (CSU) hat sich am Mittwochabend betont gelassen gegeben, als sich die Haidhauser dafür entschieden, ihre aufwendig vorbereitete, außerordentliche Bürgerversammlung zum Thema zweite S-Bahn-Stammstrecke platzen zu lassen.

Er respektiere das Votum, sagte Herrmann, und sagte der versammelten Menge, dass man ein anderes Mal zusammenkommen werde. Dann gehe er eben jetzt zurück an seinen Schreibtisch, wo genug Arbeit warte.

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Mehr als 500 Menschen hatten sich in den Saal im Hofbräukeller gequetscht, bestuhlt war er für 470. Dem Versammlungsleiter Manuel Pretzl, dem Vorsitzenden der CSU-Stadtratsfraktion, blieb nichts anderes übrig, als zu erklären, er dürfe nicht mehr Menschen einlassen, als die Polizei erlaube. Das heizte die Stimmung zusätzlich an, die Protestrufe hörte man auch noch draußen auf der Inneren Wiener Straße, bis zu der sich die Schlange der vergeblich Wartenden hinzog.

Das Bedürfnis nach Information war und ist groß in Haidhausen. Dem wollte die Bahn mit Simulationen und Details zum Bauablauf noch einmal nachkommen. Und Herrmann hätte wohl auch zur Finanzierung und zu anderen Projekten etwas gesagt, der Vorwurf seitens der Grünen etwa, dass durch den Tunnelbau auf Jahre hinaus die kompletten Mittel für Nahverkehrsprojekte verbraucht würden, wird ja von den Stammstreckengegnern stets wiederholt.

Deren Landtagsabgeordneter Markus Ganserer nannte die Stammstrecke denn auch bei der Kundgebung am Wiener Platz einen "riesigen Geldstaubsauger". Der Einfachheit halber sprach er gleich von Kosten von vier Milliarden Euro; demgegenüber steht die offizielle Zahl von maximal 3,84 Milliarden, in die bereits Risikofaktoren eingerechnet sind.

"Ich erwarte fünf bis zehn Jahre das absolute Verkehrschaos"

Ingeborg Michelfeit, die Vorsitzende des Bürgerinitiative Haidhausen, sagt am Tag nach der Kundgebung, sie habe zwar gewusst, dass der Widerstandsgeist in Haidhausen da sei. Dass dann tatsächlich so viele gekommen seien, habe sie allerdings ein wenig überrascht. Und seit Mittwoch, sagt sie, rechne sie damit, dass der Widerstand erst recht losgeht, wenn das große Graben beginnt.

Ist Haidhausen also ein Widerstandsnest voller Wutbürger? Diesen Begriff mag Michelfeit, die seit elf Jahren gegen den Stammstrecken-Tunnel kämpft, nicht. Und dass es ein genuin Haidhauser Kampfgeist sei, verneint sie ebenfalls. "Das würde auch in anderen Statteilen passieren", sagt sie, sofern die ähnlich von den Bauarbeiten betroffen wären wie Haidhausen.

Konkret haben die Haidhauser zwei Kritikpunkte an der Stammstrecke, die immer wieder die Gemüter erregen: das große Ganze und die Details vor Ort. Susanne Wolf wohnt an der Inneren Wiener Straße - die würde zur Hauptroute für den Lastwagenverkehr, der auf Haidhausen zurollt. "Ich erwarte fünf bis zehn Jahre das absolute Verkehrschaos", sagt sie. Von ihrem Fenster aus könne sie die Sportanlage in den Maximiliansanlagen sehen; die wird von 2019 an für fünf Jahre zur Baustelle.

Das alles nähme Wolf in Kauf. Aber: "Ich glaube einfach nicht, dass es das bringt, was man sich erhofft." Sie müsse beispielsweise für ihre Arbeit in den Norden pendeln. Jeden Tag zwingt sie das S-Bahn-System deswegen, ins Zentrum zu fahren und dort umzusteigen. Daran wird auch die zweite Stammstrecke nichts ändern. "Da wäre es doch besser, man fährt außen rum, oder nicht?" Außerdem ist sich Wolf sicher, dass "es teurer wird, als man uns jetzt sagt".

Eine Bürgerversammlung mitten im Widerstandsnest

Das ganze Projekt sei ohnehin "rausgeschmissenes Geld", findet Nevenka Herceg. Sie ist Krankenschwester am Klinikum rechts der Isar. Lässt es das Wetter zu, fährt sie mit dem Fahrrad von der Kirchenstraße, wo sie seit knapp 20 Jahren wohnt, in die Arbeit. Das ist kein weiter Weg. Noch. Wird erst einmal gegraben, erwartet sie "Umwege und Staus" im ganzen Viertel. Die zweite Stammstrecke bedeutet für sie "zehn Jahre Baustelle für nichts".

Baustellen, die immerhin auf das Minimum reduziert wurden, wie die Chefin des Haidhauser Bezirksausschusses Adelheid Dietz-Will (SPD) zu bedenken gibt. In der aktuellen Planung sind lediglich drei offene Baugruben in Haidhausen vorgesehen - kein Vergleich zu früheren Plänen, wonach etwa die gesamte Kirchenstraße über Jahre hinweg aufgerissen worden wäre. "Wir haben verhindert, dass uns das gesamte Viertel mit offener Bauweise auf den Kopf gestellt wird", sagt Dietz-Will.

Sehr viel mehr ist für sie nicht mehr möglich: "Die zweite Stammstrecke kommt eh, damit müssen wir uns abfinden." Ingeborg Michelfeit ist noch lange nicht so weit. Sie zweifelt, wie ihre Mitstreiter auch, den generellen Nutzen des Tunnels an und plädiert weiterhin für den S-Bahn-Südring, auch wenn der bei der Bewertung schlechter abgeschnitten hat und als nicht förderfähig galt.

Wenn es dann irgendwann einen zweiten Anlauf für eine Bürgerversammlung geben wird, will auch Oberbürgermeister Dieter Reiter dabei sein. Der war nach eigenen Angaben am Mittwoch verhindert, hat aber mit Joachim Herrmann vereinbart, einen gemeinsamen Termin finden zu wollen. Den Hofbräukeller, der sich als zu klein erwies, verteidigte er als Versammlungsort: Das sei der größte Saal in Haidhausen - und man sei immer bestrebt, Bürgerversammlungen "wohnortnah" abzuhalten. Also auch inmitten des Widerstandsnests.

© SZ vom 24.02.2017/amm
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