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Tarifstreit:"Es gibt keinen Grund für diesen Streik"

Streik im Öffentlichen Dienst

Am morgigen Freitag wird in München wieder gestreikt. Dieses Mal wird der Verkehr der Linienbusse stark eingeschränkt.

(Foto: Florian Peljak)

Verdi ruft Münchens Busfahrer am Freitag zum Ausstand auf - wie viele sich beteiligen, ist unklar. Auf die Kritik der Arbeitgeber reagiert die Gewerkschaft mit einem überraschenden Eingeständnis.

Von Thomas Schmidt

Der Ausdruck "auf Sicht fahren" wird für viele Münchner an diesem Freitag plötzlich sehr konkret - zumindest für diejenigen, die normalerweise einen Linienbus zur Arbeit oder zur Schule nehmen. Denn dass der wie gewohnt fährt, ist eher unwahrscheinlich: Es wird wieder gestreikt. Die Gewerkschaft Verdi hat die Busfahrer dazu aufgerufen, am frühen Morgen von 3.30 Uhr an bis zur Mittagszeit um zwölf die Arbeit niederzulegen. Die gute Nachricht aus Sicht der Fahrgäste lautet: Im Gegensatz zum vergangenen Warnstreik am 29. September soll die Schiene dieses Mal nicht betroffen sein, Tram- und U-Bahnen verkehren demnach normal, die S-Bahn sowieso. Dennoch wird der Ton im Tarifkonflikt rauer.

Bei den Verantwortlichen in der MVG-Zentrale mischt sich am Vortag des Streiks eine große Portion Ärger mit einer Prise Ratlosigkeit. Verdi hat zwar einen Streikaufruf an die Fahrer verschickt, die MVG-Chefs wissen nach eigenen Angaben aber nicht so genau, was ihnen nun konkret droht. Etwa 550 Linienbusse schicken sie täglich auf die Straße, knapp die Hälfte davon wird aber von privaten Unternehmen gefahren - und wie viele von denen sich am Streik beteiligen, ist am Donnerstag noch völlig unklar. Es sei gut möglich, erklärt MVG-Sprecher Matthias Korte, dass einzelne Linien mehr oder weniger nach Fahrplan verkehren, während andere komplett ausfallen. Korte rät Fahrgästen, sich übers Internet auf dem Laufenden zu halten. "Wir versuchen, das Beste daraus zu machen", verspricht er.

Der Konflikt ist komplex, weil parallel über unterschiedliche Tarifverträge gestritten wird - und dabei leicht Dinge durcheinander geraten. Für die meisten Fahrer der MVG gilt ein Haustarifvertrag, den Verdi gern abschaffen würde. Stattdessen sollen die Mitarbeiter in München nach dem bayernweiten Tarifvertrag beschäftigt werden, über den derzeit verhandelt wird. Und um es noch komplizierter zu machen, fordert Verdi gleichzeitig bundesweite Standards beim öffentlichen Nahverkehr wie zum Beispiel 30 Tage Urlaub im Jahr und eine 35-Stunden-Woche.

Viele von den bundesweiten Forderungen seien in München längst erfüllt, ärgert sich Werner Albrecht, Personalgeschäftsführer bei den Münchner Stadtwerken. "Wir haben in Bayern schon die höchsten Schichtzulagen in Deutschland", sagt er. Und 30 Tage Urlaub hätten die Mitarbeiter ebenfalls schon. "Es gibt keinen Grund für den Streik." Überraschenderweise widerspricht Franz Schütz, bei Verdi verantwortlich für den Verkehr, dieser Darstellung nicht. "Konkret haben sie da schon recht", sagt er. "Uns geht es aber um die grundsätzliche Auseinandersetzung." Die MVG gehöre nun mal zum Arbeitgeberverband dazu - und der werde bestreikt.

Was die bundesweiten Forderungen betrifft, steht München also recht gut da. Beim Streit über den bayernweiten Tarifvertrag aber geht es aus Sicht der MVG um richtig viel Geld. Verdi fordert zwar keine prozentuale Lohnerhöhung, aber dafür kürzere Arbeitswochen, höhere Eingruppierungen und die Abschaffung des - aus ihrer Sicht - schlechteren Haustarifs. "Wir haben mal alle Forderungen zusammengerechnet", sagt Stadtwerke-Personalchef Albrecht. Würde man alles akzeptieren, koste das 25 Millionen Euro im Jahr, eine Steigerung der Personalkosten um 15 Prozent. "Das ist für uns in keinster Weise darstellbar." Erst recht nicht im Corona-Jahr.

Man befinde sich ohnehin schon in einer "dramatischen Situation", betont MVG-Chef Ingo Wortmann. Die Einnahmen aus dem Fahrgast-Geschäft seien in diesem Jahr um mehr als 100 Millionen Euro eingebrochen - und das Jahr ist noch nicht vorbei. Der Großteil der Verluste werde zwar durch einen Rettungsschirm von Bund und Land ausgeglichen, erklärt MVG-Sprecher Korte, doch was nächstes Jahr passiere, stehe in den Sternen.

Anstatt mehr Geld fürs Personal auszugeben, "müssen wir drastisch sparen", sagt Wortmann. Neubeschaffungen bei der U-Bahn würden auf die lange Bank geschoben, bei Sanierungsmaßnahmen werde man künftig "deutlich zurückhaltender sein". Immerhin habe man es geschafft, in der Krise niemanden rauszuwerfen. "Das muss auch mal anerkannt werden", findet Wortmann. Würde man die Forderungen der Gewerkschaft erfüllen und die Kosten an die Kunden weitergeben, müsste die MVG die Ticketpreise um 6,1 Prozent erhöhen. "Das ist schlicht unrealistisch."

Franz Schütz von Verdi sieht das anders. Der ÖPNV fahre sowieso überall im Land defizitär, die Mehrkosten müssten dann eben aus Steuermitteln ausgeglichen werden. "Wir streiken langfristig für die Fahrgäste", erklärt der Gewerkschafter. Denn man kämpfe nicht für mehr Lohn, sondern für Entlastung. Und als Fahrgast profitiere man "von entlasteten Fahrern - die Kunden wollen schließlich auch, dass ihre Kinder sicher zu Schule gebracht werden". In Zeiten des Klimawandels müsse der öffentliche Nahverkehr eine "hohe Priorität in der Gesellschaft haben". Bei den Warnstreiks sei es wie bei der Akupunktur: "Es tut kurz weh, aber auf Dauer wird es besser." Schütz ist überzeugt davon, dass "die Leute grundsätzlich Verständnis dafür haben". Klar, sagt er, "wenn man dann persönlich betroffen ist und der Bus nicht kommt, dann ist man natürlich sauer".

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