Arbeitskampf in Deutschland Streiken, aber richtig

Auch sie fordern bessere Arbeitsbedingungen und mehr Lohn: die Berliner Müllmänner.

(Foto: Getty Images)

Verdi veranstaltet Warnstreiks im öffentlichen Dienst, die Piloten wollen den Luftverkehr lahmlegen. Versinkt das Land im Chaos? Sicher nicht. Die Arbeitskämpfe von heute sind nur ein Abklatsch früherer Konflikte.

Von Marc Beise

"Oh, ihr Handwerker, ausgesucht, geschickt und stark, ihr vollkommenen Arbeiter, die nicht faul sind, ich habe euren Unterhalt gemacht als einen, der in jeder Beziehung ordentlich ist, damit ihr gern für mich arbeitet, denn ich kenne eure wahrhaft mühselige Arbeit, bei der der Arbeiter nur jubelt, wenn er einen vollen Bauch hat." (Ramses II., 1303-1213 v. Chr.)

"Wir haben Hunger!" Zwei Monate hatten die Handwerker im Tal der Könige auf das Getreide, das ihr Lohn war, gewartet, dann begehrten sie auf. Am 4. November 1159 vor Christus, so ist es überliefert, begannen die Streikmärsche gegen die Obrigkeit - bis der Bauherr, der mächtige Pharao Ramses III., einlenkte. Der Herrscher des Nillandes, dessen Leben sich dem Ende entgegen neigte und dessen Totentempel noch nicht fertig war, reagierte nicht, wie damals üblicher, mit nackter Gewalt, sondern schaffte Nahrung heran. Eine späte Einsicht freilich, Vorgänger Ramses II. hatte mit der Hymne an seine "Handwerker, geschickt und stark" rechtzeitig vorausgedacht.

Zweieinhalbtausend Jahre später, im Mittelalter, wurde in Deutschland um Lohn gestritten, so von den Gürtlergesellen in Breslau, die 1329 ein ganzes Jahr den Meistern die Arbeit verweigerten: einer der ersten modernen Streiks. Die Geschichte der Arbeiterbewegung hob an, und sie kennt viele Stationen, mit dem traurigen Höhepunkt des Weberaufstandes 1848 in Zeiten der Industrialisierung. Im Jahr 1865 wurde der Allgemeine Deutsche Zigarettenarbeiter-Verein gegründet, zwei Jahre später der Deutsche Buchdruckerverband: Die Gewerkschaften entstanden, und sie entwickelten sich auf der Folie unglaublicher Arbeitsbedingungen. Schwerstarbeit von Mann und Frau, 17 Stunden an sieben Tagen, Kinderarbeit, keine Kranken- und Altersversorgung, ein Hungerleben.

Deutschland erfasste, eine zeitgenössische Formulierung, ein "Strikefieber", abgeleitet von der gleichlautenden englischen Vokabel. Allein in den fünf Jahren zwischen 1869 und 1874 wurden 1200 Arbeitskämpfe gezählt - "der Strike an und für sich ist verwerflich", gifteten Unternehmer. Noch einmal 150 Jahre später sind Streiks immer noch geeignet, Emotionen hochschlagen zu lassen.

Das ewig gleiche Ritual

Noch 2008 druckte die Tageszeitung Die Welt den Gastbeitrag eines Hochschullehrers, wonach sich ein Streik "nicht mit den Existenzvoraussetzungen einer modernden, arbeitsteiligen Gesellschaft" vertrage: "Er gehört in das historische Museum wie die bronzene Axt oder das Spinnrad." Weniger fein ziseliert äußert sich dann der Volksmund spätestens dann, wenn der öffentliche Verkehr großflächig lahmgelegt wird. In dieser Woche war das Land nahe dran.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, früher ÖTV ("Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will") hatte zu Warnstreiks im öffentlichen Dienst aufgerufen, die Beteiligung war rege. Viel Aufregung für ein vergleichsweise moderates Ziel: 3,5 Prozent Lohnerhöhung für ein Jahr und pauschal 100 Euro plus wollen die Gewerkschafter durchsetzen. Das ist in Zeiten bester Konjunktur und sprudelnder Steuereinnahmen nicht üppig, aber für viele Kommunen dennoch zu viel. In der kommenden Woche droht zusätzlich wegen des Pilotenstreiks bei der Lufthansa Ungemach an den Flughäfen.

Spätestens dann wird wieder die Frage gestellt werden, ob Streiks wirklich noch zeitgemäß sind? Könnte man sich nicht einfach vernünftig einigen? Braucht es wirklich die kleinen und großen Nadelstiche? Offenbar ja - weil nur sie die nötige Drohkulisse aufbauen. Die Gewerkschaftsführung muss nachweisen, dass sie wirklich an der Spitze einer breiten Bewegung steht, das erhöht in den Verhandlungen am Tisch ihre Autorität. Und die Bürger werden vorbereitet auf möglicherweise schlimmere Auseinandersetzungen. In der Summe ist es einfach ein Ritual, eines, um das man nicht herumkommt, es tut aber auch nicht wirklich weh. Ein Abklatsch auf frühere Streikauseinandersetzungen, als wirklich "alle Räder" stillstanden.

Was verhältnismäßig ist

Kritisch wird es nur dann, wenn die Verhältnismäßigkeit nicht mehr gegeben sein sollte. Was im öffentlichen Dienst leichter passieren kann als, sagen wir, in der Metall- oder der Chemieindustrie. Denn das ist das spezifische Problem mit dem öffentlichen Dienst und auch mit den Piloten: Die Streikenden treffen nicht die Arbeitgeber, sondern unbeteiligte Dritte: Urlauber, die für eine Urlaubsreise gespart haben und nun am Flughafen festsitzen. Arbeitnehmer, die im Büro erwartet werden. Berufstätige Eltern, die ihr Kind fremdversorgen lassen oder einen Urlaubstag opfern müssen.

"Engpässe für die Bevölkerung sind vorübergehend und wegen der Notwendigkeit der Therapie hinzunehmen", heißt es in einem gewerkschaftlichen Streikbrevier, das den Streik humorvoll in der Terminologie eines Medikamenten-Beipackzettels zu fassen versucht. "Unverträglichkeiten konnten bisher nur bei Arbeitgebern festgestellt werden." Das stimmt, solange die Dinge nicht unverhältnismäßig werden. Wenn Streikende den gesamten öffentlichen Nahverkehr einer Großstadt lahmlegen, riskieren sie ihre Reputation. Damit ist nicht zu rechnen, es empfiehlt sich Gelassenheit.

Chinesische Verhältnisse

Schon der Blick ins unmittelbare Nachbarland zeigt, wie das Verhältnis oder besser Unverhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern auch sein kann. Nicht nur die Streikkultur ist eine andere, auch die rechtliche Grundlage. In Frankreich gilt das sogenannte Individualrecht, jeder kann selbst entscheiden, ob er streikt. In Deutschland ist das Streiken ein Kollektivrecht: Streiks dürfen nur von Gewerkschaften ausgerufen und organisiert werden, nicht von Betriebsräten oder gar einzelnen Mitarbeitern. Entsprechend zurückhaltend wird das Instrument genutzt. Rund eine Million Beschäftigte haben sich 2013 in Deutschland an Streiks beteiligt, weit weniger als im Vorjahr und viel weniger als in den meisten Industrieländern. Die großen Konflikte stehen derzeit nicht an - anders als etwa in der Volksrepublik China, die durch den Besuch des Staatspräsidenten in Berlin samt großer Wirtschaftsdelegation soeben wieder in aller Munde ist.

Zumal dort, in der Provinz, weit unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der internationalen Medien, die Zustände an die Zeiten des Pharao Ramses III. erinnern.

Streik der Lufthansa-Piloten

Auf dem Boden bleiben

Die Lufthansa-Piloten haben nicht verstanden, dass sie sich mit ihren exzessiven Forderungen selbst schaden. Denn die Arbeitsbedingungen, die sie erstreiken wollen, werden am Ende für immer weniger Kollegen gelten.   Ein Kommentar von Jens Flottau