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Verkehr in München:Ausgerechnet jetzt ein Streik?

Warnstreiks im öffentlichen Dienst - München

Weil die U-Bahn gar nicht fährt, weichen die Münchner am Dienstag auf andere Verkehrsmittel aus.

(Foto: dpa)

Der Streik der Gewerkschaft Verdi führt zu Staus auf Straßen und vollen Radwegen. Und viele Münchner fragen sich: Muss das ausgerechnet in der Pandemie sein? Eindrücke aus einer ausgebremsten Stadt.

Von Andreas Schubert

Der U-Bahnhof Sendlinger Tor ist verwaist. Es ist kurz nach halb acht, eine Zeit, in der normalerweise viele Büromenschen zur Arbeit und Kinder zur Schule hetzen. Am Abgang vor der Stadtsparkasse, der zum Zwischengeschoss führt, teilen die Schlagzeilen der stummen Zeitungsverkäufer plakativ mit, dass an diesem Dienstag keine U-Bahn fährt. Und trotzdem können oder wollen es einige immer noch nicht glauben. Dialog am Abgang zur U 3, wo die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) zwei Männer in gelben Westen postiert hat, die verhindern sollen, dass Menschen zum Bahnsteig hinunterfahren: "Kein Zutritt, heute fährt nix." "Fährt wirklich keine U-Bahn?" "Nein, wegen Streik." "Wirklich nicht?" "Wirklich nicht."

Die Gewerkschaft Verdi hat von Betriebsstart bis 18 Uhr zum Streik aufgerufen. Sie will mehr Geld für die Fahrerinnen und Fahrer durchsetzen, aber auch einen bundesweit einheitlichen Rahmentarifvertrag für den Nahverkehr. Auf allen Buslinien ist etwa die Hälfte der sonst 500 Fahrzeuge unterwegs sowie 20 von 100 Trambahnen auf vier Linien. München steht zur Rushhour am Morgen zwar nicht komplett still, aber es ist deutlich mühsamer als sonst, vorwärts zu kommen. Gerade die U-Bahn, die in normalen Zeiten täglich Hunderttausende Fahrgäste transportiert und nun auch während der Corona-Pandemie wieder voller und voller wird, ist neben der S-Bahn das leistungsfähigste Verkehrsmittel. Alleine am Sendlinger Tor steigen täglich bis zu 125 000 Passagiere ein und aus, ebenso viele steigen in andere Linien um.

Die Szene am Sendlinger Tor wiederholt sich ein paar Mal. Ungläubiges Kopfschütteln, hilflose Blicke. Wohin jetzt? An der Oberfläche hilft die Tram weiter, die immerhin alle 20 Minuten fährt, gerade fährt eine 16er ein, sie ist allerdings nur zu einem Drittel gefüllt. Ebenso die 17er, die ein paar Minuten später folgt. Die Verkehrslage auf der Sonnenstraße und der Lindwurmstraße zeigt, dass viele Pendler aufs Auto umgestiegen sind. Doch so richtig vorwärts kommen sie nicht. In der Lindwurmstraße staut es sich zurück bis zur Poccistraße, ein heillos überfüllter Metrobus der Linie 62 kommt genauso wenig vorwärts wie diejenigen, die an diesem Morgen aufs Auto setzen. Viele sind deshalb trotz der Kälte und des Nieselregens mit dem Fahrrad unterwegs. An der Ampel am Sendlinger-Tor-Platz ist die Radlschlange gut 30 Meter lang.

Es ist die Stunde der Leihräder und E-Scooter. Einige Anbieter haben wegen des Streiks online Gutscheine für kostenlose Fahrten angeboten. Und das Angebot wird genutzt. Andere bedienen sich der Ringbuslinie 58, mit der man ebenfalls nach Schwabing weiterkommt. Die Fahrzeuge sind voll, das gilt auch für den 68er Ringbus in die Gegenrichtung.

Einen Kontrast zu den leeren U-Bahnhöfen stellt der S-Bahnsteig am Hauptbahnhof dar. Kurz vor acht herrscht hier ein selten dichtes Gedränge, Abstand halten geht nicht. Aber immerhin fahren die Züge, weil die S-Bahn nicht bestreikt wird. "Hätte gerade noch gefehlt", witzelt ein Fahrgast. Allerdings kommt auch die S-Bahn wegen mehrerer Störungen, etwa eines Signals am Ostbahnhof, am Dienstag ins Stocken - was hauptsächlich der Grund für die Massenansammlung am Bahnsteig ist. Man ist dabei aber froh, dass alle sich an die Maskenpflicht halten, man nur zum Beobachten da ist und gleich wieder an die frische Luft kann.

Fast jeder, den man anspricht, äußert Unverständnis für einen Streik in Pandemie-Zeiten. Generell, so der Tenor, habe man Verständnis dafür, dass Fahrer besser entlohnt werden. Aber ausgerechnet jetzt?

Gestern habe die Kita zugehabt, heute sind die Busse überfüllt, sagt eine junge Mutter, die gerade mit ihrer Tochter an der Hand aus dem Bus ausgestiegen ist. Wie so viele wirkt sie gestresst. Dass die Stadt voller Baustellen ist, macht es nicht besser. Gerade rund um den Hauptbahnhof ist es für Radfahrer nicht leicht. Sie müssen sich teilweise ihren Weg über Fußwege bahnen, wer als Passant nicht gleich zur Seite springt, wird aus der Bahn geklingelt. Ähnlich geht es auf dem Radweg entlang der Isar zu. Die Zählstelle Erhardtstraße haben bis kurz vor 9 Uhr bereits mehr als 1000 Radler passiert, es ist eng und riskant. Aber man kommt voran, passiert den Autostau auf der Reichenbachbrücke und Fraunhoferstraße Richtung Innenstadt, der Route, wo im Untergrund die U 2 führe, sieht den 132er Bus im Stau stehen, der sich einen guten Kilometer von der Wittelsbacherbrücke bis zur Schäftlarnstraße zieht. Und ist als Radler dankbar, dass es das Wetter an diesem Dienstag besser gemeint hat, als am Tag davor.

Den ganzen Tag entlädt sich der Frust der Fahrgäste auch in den sozialen Medien. Verdi hat allerdings bereits angekündigt, dass dieser Warnstreik wohl nicht der einzige bleiben wird. Die MVG, die wegen der Corona-Krise dieses Jahr immense Verluste hinnehmen muss, zeigte kein Verständnis für den Ausstand. Verdi dagegen betonte, Corona sei kein Grund, auf das Streikrecht zu verzichten.

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