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Heizkraftwerk Süd:Ein Loch in Münchens Silhouette

Die Arbeiten zum Rückbau des Kamins am Heizkraftwerk Süd werden sichtbar

Blick von oben auf den höchsten Kamin des Heizkraftwerks Süd.

(Foto: Elias Escotto/SWM)

Jahrzehntelang war der 176 Meter hohe Turm so etwas wie ein inoffizielles Wahrzeichen der Stadt. Seit elf Monaten laufen die Abrissarbeiten - nun werden sie auch von außen sichtbar.

Von Linus Freymark

Irgendwie war er immer da. Egal, von wo aus man auf die Stadt schaute, vom Olympiaturm, auf den man zum x-ten Mal hochgefahren ist, weil der Besuch aus Hessen oder Italien unbedingt die Stadt von oben sehen wollte. Jedes Mal blieben die Blicke der angereisten Freunde und Verwandten früher oder später an dem in der Ferne stolz vor sich hindampfenden Turm hängen. Und jedes Mal erntete man enttäuschte Blicke, wenn man erzählte, dass das bloß das Heizkraftwerk Süd sei. Fast so, als würde das Gebäude, aus dessen Türmen derart beeindruckende Rauchwolken quellen, mehr versprechen.

Nun wird der höchste dieser Türme, 176 Meter hoch, 1970 in Betrieb genommen, bald verschwunden sein. Vor elf Monaten begannen die Arbeiten zum Rückbau des Kamins und war davon von außen noch kaum etwas zu sehen, kann man nun beobachten, wie der Turm Stück für Stück kleiner wird. Ein acht Tonnen schweres Abbruchgerät hat auf ihm Platz genommen und frisst sich von oben die knapp 150 Meter bis zum Dach des 28 Meter hohen Maschinenhauses des Kraftwerks hinab. Es ist das letzte und spektakulärste Kapitel dieses Abbruchs.

Normalerweise werden ausgediente Kamine kurzerhand gesprengt. Doch im dicht besiedelten Sendling ist das nicht möglich: In der Brudermühl- und Schäftlarnstraße stehen zahlreiche Wohnhäuser, auch die Großmarkthalle und der Isarkanal sind nicht weit. Eine Sprengung sei deshalb nicht möglich, entschieden die Fachleute. Deshalb entfernte man zunächst im Inneren die vier Stahlsäulen, die den Kamin trugen, nun wird auch die Hülle abgerissen. Lkws transportieren den tonnenweise anfallenden Schutt ab, während der gesamten Arbeiten läuft die Stromerzeugung im Kraftwerk weiter. Wann der Kamin vollständig abgerissen ist, lässt sich nach Angaben der Stadtwerke München (SWM) nicht genau vorhersagen, neben dem verbauten Material entscheidet auch das Wetter mit darüber, wie lange das am Turm angebrachte Abbruchgerät für seinen Weg nach unten benötigt.

Für die SWM ist der Rückbau des Turms am Heizkraftwerks Süd ein Zeichen des technischen Fortschritts. "Der Kamin stammt noch aus der alten Kraftwerkswelt", sagt Helge-Uve Braun, Technischer SWM Geschäftsführer. Sein Verschwinden mache den Wandel innerhalb des Kraftwerks auch nach außen deutlich. Weg von Verbrennung, hin zu erneuerbaren Energien und Geothermie, das ist in etwa der Kurs, den die Stadtwerke bei der Stromversorgung eingeschlagen haben.

Und so ist auch der Kamin mit den Jahren überflüssig geworden: Nachdem 1997 die Müllverbrennungs-, 2004 die Hochdruckanlage und 2018 das Spitzenheizwerk vom Netz genommen wurden, war der 176 Meter hohe Kamin nur noch zur Zierde da. Bald wird auch das vorbei sein - und der nächste Besuch nach neuen Attraktionen Ausschau halten müssen. Aber in München sollte das ja nicht allzu schwierig werden.

© SZ.de/lfr/infu
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