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Wirtschaft in München:Eine Stadt mit Kaufhaustradition

Kaufhaus Hertie in München, 1935 falsch, Nachkriegszeit

Ein Palast des Kaufens und Verkaufens: Das Warenhaus Hertie am Bahnhofsplatz - eine Aufnahme aus der Nachkriegszeit.

(Foto: SZ-Photo)

Das Aus für viele Filialen von Galeria Karstadt Kaufhof zeigt, wie bedroht die einstigen Konsumkathedralen sind - selbst in München, wo viele Kapitel Kaufhaus-Geschichte geschrieben wurden.

Von Wolfgang Görl

Die berühmteste Münchner Verkäuferin hieß Elisabeth Wellano und trat am 1. Juli 1908 ihren Dienst im noblen Kaufhaus Tietz am Hauptbahnhof an, das so etwas wie der letzte Schrei des gehobenen Warenhandels war. Das "Fräulein Wellano", wie man damals sagte, arbeitete in der Abteilung Kurzwaren und Posamenten, wofür sie monatlich mit 45 Mark entlohnt wurde. Jahrzehnte später erzählte sie, seinerzeit habe sie hauptsächlich Besenlitzen verkauft. Das waren fest gewebte Bänder, welche die bodenlangen Röcke schonen sollten, mit welchen die Damen durch Münchens staubige Straßen promenierten und das Pflaster fegten.

Fräulein Wellano blieb nicht lange bei Tietz. Am 15. Februar 1911 kündigte sie die sichere Stellung und startete eine Künstlerlaufbahn als Soubrette. Im Frankfurter Hof, wo sie auftrat, lernte sie einen Komiker namens Karl Valentin kennen. Bald standen sie gemeinsam auf der Bühne. Elisabeth Wellano dachte sich einen Künstlernamen aus. Fortan hieß sie Liesl Karlstadt.

"Karlstadt" wohlgemerkt, nicht "Karstadt" - auch wenn ihre berufliche Karriere in einem Warenhaus begann. Und doch gibt es einen Zusammenhang: Dort, wo Elisabeth Wellano einst Besenlitzen an die Frau brachte, befinden sich heute die Verkaufsräume von Galeria Karstadt Kaufhof am Hauptbahnhof. Es ist eines jener Häuser, das vom Kahlschlag innerhalb des Konzerns - vorerst, möchte man sagen - verschont blieb. Und es ist ein bedeutendes Stück Münchner Wirtschaftsgeschichte. Das schmucke Gebäude mit seinen Türmchen und Giebeln verkörpert gleichermaßen Aufstieg und Niedergang der großen Kaufhäuser. Zudem erinnert es, wie so vieles, an die Verbrechen der Nazis.

In seinem 1884 erschienenen Roman "Das Paradies der Damen" schildert Émile Zola den glamourösen Reiz, der von den mondänen Pariser Kaufhäusern ausging, den "Kathedralen des Handels", in denen es unter einem Dach alles gab, was die mehr oder weniger elegante Fin-de-siècle-Welt brauchte oder nicht brauchte und trotzdem kaufte. Mit einiger Verspätung und vielleicht nicht ganz so weltstädtisch glanzvoll wie in Paris entstanden auch in München Konsumpaläste, gegen die herkömmlicheWarenhäuser und Geschäfte wie armselige Dorfläden aussahen.

Der Mann, der Münchens Einkaufsbummler und Einkaufsbummlerinnen auf den neuesten Stand brachte, hieß Oscar Tietz. Er war nicht nur Geschäftsmann, sondern hatte auch einen Sinn für Kultur. Als er sich anschickte, auf dem Gelände des ehemaligen Hotels Sterngarten gegenüber dem Hauptbahnhof ein modernes Warenhaus zu errichten, ließ er sich auch in puncto Architektur nicht lumpen. Tietz hätte in heutiger Investorenmanier einen kostengünstigen Allerweltsbau hinstellen können, aber das wollte er nicht. Nein, ein herrschaftlicher Prunkbau sollte es sein, wenn auch nicht zu modern, sondern im historistischen Stil, wie man ihn liebte in der Prinzregentenzeit.

Um die Jahrhundertwende besaß Oscar Tietz 15 Filialen im gesamten Kaiserreich

Die in München fast allgegenwärtigen Architekten Jakob Heilmann und Max Littmann waren gerade die Richtigen dafür, die konnten das. Den modernen Eisenbetonbau ummäntelten sie mit ein bisschen Gotik und ein bisschen Renaissance, was den Eindruck erweckte, im Inneren gehe es nicht nur ums Geschäft, sondern auch um Kulturelles, um einen Lebensstil, der der Moderne ebenso verpflichtet sei wie dem bürgerlich-behäbigen Geist der Epoche des Prinzregenten Luitpold. Es war eine Maskerade, aber eine Maskerade von der Art, wie man sie in München seit je schätzte. Schon König Ludwig I. hatte die architektonische Camouflage praktiziert, vom Märchenkönig Ludwig Zwei ganz zu schweigen. Und nun hatte Tietz ein Warenhaus, das sich als Palais maskierte - eine edle Bühne zur Inszenierung des Konsums.

Nun war Oscar Tietz beileibe kein Münchner, der 1858 geborene Kaufmann stammte aus Birnbaum an der Warthe in der Provinz Posen. Als er seine kaufmännische Lehre hinter sich hatte, eröffnete der junge Mann mit der finanziellen Hilfe seines reichen Onkels im März 1882 einen Laden im thüringischen Gera. Zu Ehren des Start-up-Financiers firmierte das Geschäft unter dem Namen Hermann Tietz, was später zu der Wortschöpfung "Hertie" zusammenschnurren sollte. Bei Tietz gab es Garne, Knöpfe, Posamentierwaren und Textilien zu günstigen Preisen, was so viele Kunden anlockte, dass der Inhaber das Sortiment beträchtlich erweiterte. Eine Art Gemischtwarenladen entstand, und Tietz expandierte.

Ein dunkles Kapitel

Ins KZ verschleppt, das Geschäft liquidiert: Die jüdischen Kaufleute litten extrem unter den Nazis.

Um die Jahrhundertwende besaß er 15 Filialen im Kaiserreich. Sie alle folgten demselben Prinzip: die Ware en gros billig einkaufen und sie rasch zu niedrigen Preisen verhökern. Auch München beglückte Tietz mit seiner Geschäftsidee. Den ersten Laden eröffnete er 1889 am Stachus, in den folgenden Jahren kamen Filialen in der Neuhauser-, Rumford- und Sonnenstraße hinzu. Zunächst waren es Handwerker, niedere Beamte oder Hausfrauen mit kleinem Portemonnaie, die beim "Kramer Tietz" einkauften, aber das änderte sich. Bald gesellten sich die besseren Herrschaften hinzu. Denen musste Tietz schon mehr bieten, und so entstand in der Schützenstraße, im heutigen Pini-Haus, das erste richtige Hermann-Tietz-Warenhaus Münchens. Weil auch das bald zu klein wurde, entschloss sich Tietz, am Bahnhofsplatz im ganz großen Stil zu bauen.

Im Jahr 1905 war das halbroyale Einkaufspalais vollendet - und was soll man sagen: Es war ein Paradies für Damen, aber nicht nur für die. Eine Dampfheizung erwärmte das fünfgeschossige Gemäuer, Dieselmotoren lieferten Strom, und abends illuminierte feenhaftes Licht die Schaufenster und verlieh den modischen Konfektionswaren die Aura des Zauberhaften. Das war schon fast Paris, und was noch zauberhafter war: Auch Kreise unterhalb des Geldadels konnten da mal shoppen gehen. Gelegentlich lappte die Sache ins Theatralische oder besser gesagt: Man ließ sich vom Jahrmarktsmilieu inspirieren.

So waren zu Weihnachten einmal echte Liliputaner in den Auslagen zu sehen, ein andermal erschien hinter den Fensterscheiben die Siegfried-Sage in langer Bildfolge. Daneben gab es Teppiche, Gardinen, Lederwaren oder Porzellan, und die Lebensmittelabteilung lockte mit Delikatessen wie Froschschenkel und Krebse. Als Oscar Tietz am 17. Januar 1923 starb, hinterließ er ein Kaufhaus-Imperium, das seine Erben weiter ausbauten. Unter anderem erwarb die nächste Tietz-Generation das luxuriöse Berliner Kaufhaus des Westens (KaDeWe), und Mitte der Zwanzigerjahre hatte der Konzern rund 26 000 Angestellte. Doch während der Wirtschaftskrise 1929 geriet das Unternehmen zunehmend in Finanznöte.

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