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Buch zur Stadtgeschichte:So lebten die Münchner um 1900

München vor 110 Jahren: Der Stachus ist bereits 1910 ein Verkehrsknotenpunkt.

(Foto: Stadtarchiv München (FS-AB-STB-012-01))

In der Ära des Prinzregenten Luitpold wuchs die Einwohnerzahl rasant von 250 000 auf 600 000. So gemütlich, wie Klischees behaupten, ging es dabei in der Stadt nicht zu.

In seinem Tagebuch berichtet der Schwabinger Boheme-Schriftsteller Oscar Adolf Hermann Schmitz (1873-1931) über eine Begegnung mit einem schlesischen Gutsbesitzer, "der 31 Jahre alt ist und erklärt, er lebe hier in München, weil er im Leben nichts mehr leisten wolle, und das ginge hier am besten". Und der Frühruheständler fügt noch hinzu: "In Norddeutschland, wo jeder was tut, sei das zu peinlich."

Der Journalist Michael Kubitza, studierter Historiker, erzählt die Episode in seinem soeben erschienenen Buch "Das Bier, das Leuchten und der Grant", in dem es um das Münchner Alltagsleben in den Jahren um 1900 geht. Das München-Bild des schlesischen Lebemannes reflektiert ein Klischee, das in der damaligen Zeit gang und gäbe war und mitunter noch heute kursiert. Demnach widme der Münchner der Arbeit weitaus weniger Aufmerksamkeit als dem Müßiggang. Oder, um es mit den von Kubitza zitierten Worten des Korrespondenten der Vorarlberger Landeszeitung zu sagen: "Nichts thun und Bier dazu trinken, dann zur Abwechslung wieder schnell ein wenig in den Kirchen herumrutschen, das ist die ausschließliche Beschäftigung vieler Herren und Nichtherren in München."

Ganz aus der Luft gegriffen ist das Urteil nicht, tatsächlich, so schreibt Kubitza, trug die spezielle Bevölkerungsstruktur des Fin-de-Siècle-Münchens dazu bei, dass man "den Ruf der Arbeit" eher überhörte als in den Industriestädten. Beamte, Künstler, Pensionäre, Privatiers - es gab viele Leute, deren Einkünfte nicht aus schweißtreibender Arbeit resultierten.

Doch ist dies lediglich ein kleiner Pinselstrich im Bild der Epoche, das Kubitza in seinem Buch präsentiert. Was der Autor sichtbar macht, ist das Porträt einer Stadt, die in der Zeit zwischen der Reichsgründung 1871 und dem Ersten Weltkrieg ungeheueren Veränderungen unterworfen war. Gemütlich und behäbig, wie es die gängige Vorstellung der guten alten Prinzregentenzeit vorgaukelt, ging es in München um 1900 keineswegs zu. Dies zu belegen, hat Kubitza sorgfältig in Zeitdokumenten und historischen Arbeiten gewühlt und ein lesenswertes und auch gut lesbares Buch geschrieben. Dass er in seiner Lust, flotte und hippe Formulierungen einzustreuen, gelegentlich über die Stränge schlägt, stört da nur geringfügig bis gar nicht.

Was das Buch besonders interessant macht, sind die oftmals kleinen Details des alltäglichen Lebens, die auch der historisch interessierte Leser gerne übersieht, weil er eher die großen geschichtlichen Linien im Blick hat - Details wie etwa die Beschaffenheit der Münchner Straßen zur Jahrhundertwende. Kubitza schreibt: "Wer vom Marienplatz aus die Stadt erkundet, läuft über Granitplatten, Pflaster, Kiesel, Kies, Ziegel, Holz, Lehm." Die Münchner wandelten also auf höchst unterschiedlichem Grund, wobei der Boden in den besseren Vierteln, etwa der des Odeonsplatzes oder der Ludwigstraße, bereits asphaltiert war. In der Schellingstraße, das kann man Thomas Manns häufig zitierter Novelle "Gladius Dei" ("München leuchtete") entnehmen, gab es eine Holzpflasterung, die einige Jahre als der letzte Schrei des Straßenbelags galt.

Gewusel vor dem Hauptbahnhof.

(Foto: Stadtarchiv München (DE-1992-FS-PK-STR-00120))

In der Ära des Prinzregenten Luitpold, der von 1886 bis 1912 regierte, wuchs die Einwohnerzahl Münchens von 250 000 auf 600 000. Überall wurde gebaut, wobei Kubitza nicht verschweigt, dass die Arbeiterfamilien in den Vorstädten unter oft elenden Verhältnissen in Mietskasernen oder Herbergshäusern hausten. "Noch mehr als schlechtes Raumklima, hygienische Mängel und Ungeziefer machen den meisten Menschen Enge und Unruhe zu schaffen. 40 Quadratmeter für zehn Menschen in fünf Betten sind keine Seltenheit."

Das rasante Wachstum Münchens zwang die Stadtverwaltung, eine nahezu komplett neue Infrastruktur zu schaffen. Straßenzüge mussten erweitert und Schienen verlegt werden, der Hauptbahnhof wurde zu einem der größten deutschen Bahnhöfe ausgebaut, vor dessen Toren Droschken, Fiaker, Pferdeomnibusse, Trambahnen und von 1906 an auch Motortaxis auf die Reisenden warteten. München wurde in diesen Jahren elektrifiziert, was nicht nur die Nacht erhellte, sondern vor allem den Fabriken ganz neue Möglichkeiten eröffnete. Und noch vor der Jahrhundertwende erhielt die Stadt auf Betreiben Max von Pettenkofers, den seine Gegner als "Scheißhäuslapostel" schmähten, eine moderne Abwasserkanalisation sowie fließend frisches Wasser aus dem Mangfalltal.

Ziegenmilchverkauf hinterm Viktualienmarkt.

(Foto: Stadtarchiv München (DE-1992-FS-NL-PETT2-2685))

Das alles kann man auch anderswo lesen, nicht aber die Antworten auf Fragen, die zwar nahe liegen, aber dann doch selten gestellt werden. Etwa diese: Wie roch München um 1900? Geruchsproben von damals sind natürlich nicht überliefert, weshalb Kubitza in anderen Quellen herumschnüffeln musste, etwa in schriftlichen Überlieferungen. Und dabei kam heraus, dass die Stadt um diese Zeit wohl nicht gerade nach Lavendel duftete, aber bei weitem besser als wenige Jahrzehnte zuvor. Die Ausdünstungen von Küchen, Metzgereien, Handwerksbetrieben, Holzöfen, Fäkalien, Abfällen, Stadtbächen und dergleichen vereinigten sich in alter Zeit zu einem Gesamtgestank, der nur deshalb erträglich war, weil man sich an ihn gewöhnt hatte. Müllabfuhr, Kanalisation oder öffentliche Bedürfnisanstalten nahmen dem Mief offenbar etwas von seiner Wucht. Dafür gab es andere Belästigungen: Wer etwa Ruhe suchte, war in der Stadt am falschen Ort. Die Trambahn, schimpfte der Schriftsteller Josef Ruederer, poltere hier lauter als irgendwo. Ebenfalls allgegenwärtig im München der Prinzregentenzeit: der Lärm, den die zahllosen Baustellen erzeugten.

Auch was die Vergnügungen betrifft, änderte sich das Leben zu dieser Zeit beträchtlich. Die ersten Kinos eröffneten, mit der "Isarthalbahn" unternahmen die Münchner Ausflüge ins Oberland, immer mehr Radler strampelten durch die Stadt, auch Telefone kamen langsam in Mode, und die ersten Autos rumpelten über die Straßen. 1901 waren 94 Pkw registriert. Die ultramodernen Kaufhäuser wie Hermann Tietz am Centralbahnhof, dem heutigen Hauptbahnhof, oder Oberpollinger am Karlstor verhießen exquisite Shopping-Genüsse. Südfrüchte, bis dahin sündteuer, wurden mit dem Ausbau des Gleisnetzes Richtung Italien zunehmend erschwinglich. Trotzdem war München für Gourmets alles andere als ein Paradies. Die Münchner Küche, die jede Menge Fett und Fleisch, aber wenig Gewürze kannte, stand in keinem guten Ruf. "Wer in München gut essen will, muss nach Augsburg fahren", lästerte der Schriftsteller Ludwig Steub. Dafür genoss das Münchner Bier Weltruhm, vor allem Dank der Großbrauereien, die das Bierbrauen in eine lukrative Industrie verwandelt hatten. Kubitza widmet dem Kult um das Bier ein ganzes Kapitel, in dem er unter anderem die vergleichsweise gut bezahlten Brauereiarbeiter, die Wirte, Kellnerinnen und Bierdimpfl und selbstverständlich auch die Bierbarone, die Sedlmayrs, Breys oder Pschorrs, ins Bild rückt.

Kubitzas Buch ist kein wissenschaftliches Werk im engeren Sinn, es gleicht eher einem amüsanten, aber auch lehrreichen Ausflug in die Vergangenheit. Tatsächlich bedient er sich der Figur des Zeitreisenden, der per Zeitmaschine einen Trip ins München um 1900 unternimmt. Zahllose interessante Beobachtungen macht er da, er kommt herum, vernimmt allerlei Anekdoten und riskiert einen Blick in die Vorvergangenheit. So erfährt der Leser viel, und - das ist keineswegs selbstverständlich - er ist nach der Lektüre schlauer.

Doch so ein Reisender sammelt in der Regel nur oberflächliche Eindrücke, die Strömungen, die in der Tiefe rauschen, kriegt er selten mit. Darüber würde man gern mehr erfahren: über die auch in München zunehmend stärker werdende Arbeiterbewegung und die Sozialdemokratie, über die wachsende Macht der Industriekapitalisten und den schleichenden Niedergang der Aristokratie und des Herrscherhauses. Die Gesellschaft, getrieben von einer ungeheuren wirtschaftlichen Dynamik, driftet immer weiter auseinander, sowohl materiell als auch kulturell. Nach dem Krieg, der diesen Erosionsprozess noch beschleunigt hat, fegen Revolutionäre die alte Wittelsbacher-Herrschaft hinweg. Die gesellschaftlichen Konflikte aber bleiben und münden in Gewalt - mit katastrophalen Folgen. Kubitza deutet dies an, aber man hätte gerne etwas mehr darüber erfahren. Die Qualität des Buchs schmälert dieser Mangel aber nur geringfügig. So wie Max Liebermanns berühmtes Biergartenbild, welches das Cover ziert, erhellende Einblicke in das Leben vorwiegend bürgerlicher Münchner bietet, so bringt Kubitzas Buch den Leser näher an der Alltag dieser versunkenen Epoche heran. Mit anderen Worten: Es bietet eine Zeitreise, die im Kopf stattfindet.

Michael Kubitza: Das Bier, das Leuchten und der Grant. Münchner Alltagsleben um 1900. Allitera-Verlag, 240 Seiten, 19,90 Euro.

© SZ vom 11.03.2020/wean
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