Süddeutsche Zeitung

Wirtschaft in München:Eine Stadt mit Kaufhaustradition

Das Aus für viele Filialen von Galeria Karstadt Kaufhof zeigt, wie bedroht die einstigen Konsumkathedralen sind - selbst in München, wo viele Kapitel Kaufhaus-Geschichte geschrieben wurden.

Von Wolfgang Görl

Die berühmteste Münchner Verkäuferin hieß Elisabeth Wellano und trat am 1. Juli 1908 ihren Dienst im noblen Kaufhaus Tietz am Hauptbahnhof an, das so etwas wie der letzte Schrei des gehobenen Warenhandels war. Das "Fräulein Wellano", wie man damals sagte, arbeitete in der Abteilung Kurzwaren und Posamenten, wofür sie monatlich mit 45 Mark entlohnt wurde. Jahrzehnte später erzählte sie, seinerzeit habe sie hauptsächlich Besenlitzen verkauft. Das waren fest gewebte Bänder, welche die bodenlangen Röcke schonen sollten, mit welchen die Damen durch Münchens staubige Straßen promenierten und das Pflaster fegten.

Fräulein Wellano blieb nicht lange bei Tietz. Am 15. Februar 1911 kündigte sie die sichere Stellung und startete eine Künstlerlaufbahn als Soubrette. Im Frankfurter Hof, wo sie auftrat, lernte sie einen Komiker namens Karl Valentin kennen. Bald standen sie gemeinsam auf der Bühne. Elisabeth Wellano dachte sich einen Künstlernamen aus. Fortan hieß sie Liesl Karlstadt.

"Karlstadt" wohlgemerkt, nicht "Karstadt" - auch wenn ihre berufliche Karriere in einem Warenhaus begann. Und doch gibt es einen Zusammenhang: Dort, wo Elisabeth Wellano einst Besenlitzen an die Frau brachte, befinden sich heute die Verkaufsräume von Galeria Karstadt Kaufhof am Hauptbahnhof. Es ist eines jener Häuser, das vom Kahlschlag innerhalb des Konzerns - vorerst, möchte man sagen - verschont blieb. Und es ist ein bedeutendes Stück Münchner Wirtschaftsgeschichte. Das schmucke Gebäude mit seinen Türmchen und Giebeln verkörpert gleichermaßen Aufstieg und Niedergang der großen Kaufhäuser. Zudem erinnert es, wie so vieles, an die Verbrechen der Nazis.

In seinem 1884 erschienenen Roman "Das Paradies der Damen" schildert Émile Zola den glamourösen Reiz, der von den mondänen Pariser Kaufhäusern ausging, den "Kathedralen des Handels", in denen es unter einem Dach alles gab, was die mehr oder weniger elegante Fin-de-siècle-Welt brauchte oder nicht brauchte und trotzdem kaufte. Mit einiger Verspätung und vielleicht nicht ganz so weltstädtisch glanzvoll wie in Paris entstanden auch in München Konsumpaläste, gegen die herkömmlicheWarenhäuser und Geschäfte wie armselige Dorfläden aussahen.

Der Mann, der Münchens Einkaufsbummler und Einkaufsbummlerinnen auf den neuesten Stand brachte, hieß Oscar Tietz. Er war nicht nur Geschäftsmann, sondern hatte auch einen Sinn für Kultur. Als er sich anschickte, auf dem Gelände des ehemaligen Hotels Sterngarten gegenüber dem Hauptbahnhof ein modernes Warenhaus zu errichten, ließ er sich auch in puncto Architektur nicht lumpen. Tietz hätte in heutiger Investorenmanier einen kostengünstigen Allerweltsbau hinstellen können, aber das wollte er nicht. Nein, ein herrschaftlicher Prunkbau sollte es sein, wenn auch nicht zu modern, sondern im historistischen Stil, wie man ihn liebte in der Prinzregentenzeit.

Um die Jahrhundertwende besaß Oscar Tietz 15 Filialen im gesamten Kaiserreich

Die in München fast allgegenwärtigen Architekten Jakob Heilmann und Max Littmann waren gerade die Richtigen dafür, die konnten das. Den modernen Eisenbetonbau ummäntelten sie mit ein bisschen Gotik und ein bisschen Renaissance, was den Eindruck erweckte, im Inneren gehe es nicht nur ums Geschäft, sondern auch um Kulturelles, um einen Lebensstil, der der Moderne ebenso verpflichtet sei wie dem bürgerlich-behäbigen Geist der Epoche des Prinzregenten Luitpold. Es war eine Maskerade, aber eine Maskerade von der Art, wie man sie in München seit je schätzte. Schon König Ludwig I. hatte die architektonische Camouflage praktiziert, vom Märchenkönig Ludwig Zwei ganz zu schweigen. Und nun hatte Tietz ein Warenhaus, das sich als Palais maskierte - eine edle Bühne zur Inszenierung des Konsums.

Nun war Oscar Tietz beileibe kein Münchner, der 1858 geborene Kaufmann stammte aus Birnbaum an der Warthe in der Provinz Posen. Als er seine kaufmännische Lehre hinter sich hatte, eröffnete der junge Mann mit der finanziellen Hilfe seines reichen Onkels im März 1882 einen Laden im thüringischen Gera. Zu Ehren des Start-up-Financiers firmierte das Geschäft unter dem Namen Hermann Tietz, was später zu der Wortschöpfung "Hertie" zusammenschnurren sollte. Bei Tietz gab es Garne, Knöpfe, Posamentierwaren und Textilien zu günstigen Preisen, was so viele Kunden anlockte, dass der Inhaber das Sortiment beträchtlich erweiterte. Eine Art Gemischtwarenladen entstand, und Tietz expandierte.

Um die Jahrhundertwende besaß er 15 Filialen im Kaiserreich. Sie alle folgten demselben Prinzip: die Ware en gros billig einkaufen und sie rasch zu niedrigen Preisen verhökern. Auch München beglückte Tietz mit seiner Geschäftsidee. Den ersten Laden eröffnete er 1889 am Stachus, in den folgenden Jahren kamen Filialen in der Neuhauser-, Rumford- und Sonnenstraße hinzu. Zunächst waren es Handwerker, niedere Beamte oder Hausfrauen mit kleinem Portemonnaie, die beim "Kramer Tietz" einkauften, aber das änderte sich. Bald gesellten sich die besseren Herrschaften hinzu. Denen musste Tietz schon mehr bieten, und so entstand in der Schützenstraße, im heutigen Pini-Haus, das erste richtige Hermann-Tietz-Warenhaus Münchens. Weil auch das bald zu klein wurde, entschloss sich Tietz, am Bahnhofsplatz im ganz großen Stil zu bauen.

Im Jahr 1905 war das halbroyale Einkaufspalais vollendet - und was soll man sagen: Es war ein Paradies für Damen, aber nicht nur für die. Eine Dampfheizung erwärmte das fünfgeschossige Gemäuer, Dieselmotoren lieferten Strom, und abends illuminierte feenhaftes Licht die Schaufenster und verlieh den modischen Konfektionswaren die Aura des Zauberhaften. Das war schon fast Paris, und was noch zauberhafter war: Auch Kreise unterhalb des Geldadels konnten da mal shoppen gehen. Gelegentlich lappte die Sache ins Theatralische oder besser gesagt: Man ließ sich vom Jahrmarktsmilieu inspirieren.

So waren zu Weihnachten einmal echte Liliputaner in den Auslagen zu sehen, ein andermal erschien hinter den Fensterscheiben die Siegfried-Sage in langer Bildfolge. Daneben gab es Teppiche, Gardinen, Lederwaren oder Porzellan, und die Lebensmittelabteilung lockte mit Delikatessen wie Froschschenkel und Krebse. Als Oscar Tietz am 17. Januar 1923 starb, hinterließ er ein Kaufhaus-Imperium, das seine Erben weiter ausbauten. Unter anderem erwarb die nächste Tietz-Generation das luxuriöse Berliner Kaufhaus des Westens (KaDeWe), und Mitte der Zwanzigerjahre hatte der Konzern rund 26 000 Angestellte. Doch während der Wirtschaftskrise 1929 geriet das Unternehmen zunehmend in Finanznöte.

Was München betrifft, hatte Tietz von Anfang an mit lokaler Konkurrenz zu kämpfen. Im selben Jahr wie der Einkaufspalast am Hauptbahnhof eröffnete ein paar Gehminuten weiter, in der Neuhauser Straße nahe dem Karlstor, das nicht minder mondäne Kaufhaus Oberpollinger. Die Hamburger Kaufmannsfamilie M. J. Emden Söhne hatte an dieser Stelle investiert und Baumeister Max Littmann beauftragt, das fünfgeschossige Gebäude mit Glaskuppel, Lichthof und vier Personenaufzügen zu konzipieren. Auf den Giebeln erinnern als Handelskoggen geformte Wetterfahnen bis heute an die hanseatischen Gründer - die aber nicht lange blieben. 1927 verkaufte Max James Emden, übrigens ein bedeutender Kunstsammler, den Oberpollinger sowie fast den gesamten Firmenbesitz an die Karstadt AG und ließ sich im Tessin nieder.

Kaufhauspioniere waren auch die Mitglieder der Münchner Familie Uhlfelder. Die Anfänge hatte der 1853 geborene Heinrich Uhlfelder gemacht, der im Anwesen Rosental 9 ein Geschäft gründete, in dem er Haushalts- und Galanteriewaren feil bot. Der Laden florierte, was den Inhaber in die Lage versetzte, weitere Immobilien zu kaufen und den Komplex in ein veritables Kaufhaus zu verwandeln. Nach dem Tod des Gründers 1928 übernahm dessen Sohn Max Uhlfelder die Leitung. Unter seiner Ägide erreicht das Geschäft den Höhepunkt seiner Entwicklung. Zehn Millionen Reichsmark jährlich setzt das Unternehmen Anfang der Dreißigerjahre um; auf 7000 Quadratmeter werkelten rund 1000 Angestellte, und die neu eingebaute Rolltreppe, die sich über drei Stockwerke erstreckte, avancierte zu einer Münchner Attraktion. Größer als das Kaufhaus Uhlfelder war nur der Tietz am Bahnhofsplatz.

Die Familien Tietz und Uhlfelder hatten eine Gemeinsamkeit, die sie in den folgenden Jahren zu Opfern der nationalsozialistischen Herrscher machte. Sie waren Juden. Im Falle Tietz spielte es den NS-Machthabern in die Karten, dass es um die Firmenfinanzen nicht zum Besten stand. Wie sich die Nazis dies zunutze machten, beschreibt Wolfram Selig in seinem Buch "Arisierung' in München": "Durch die Wirtschaftskrise und die Boykottmaßnahmen gegen jüdische Warenhäuser war der Hermann-Tietz-Konzern nach der Machtübernahme in finanzielle Schwierigkeiten geraten.

Die Firma erhielt daraufhin zwar einen Kredit über die dem Reich nahestehende Akzept- und Garantiebank, die auf Druck der NSDAP schließlich auch als Teilhaberin aufgenommen werden musste und in der Folgezeit maßgeblichen Einfluss auf den Konzern gewann. Dieser Vorgang wurde dann triumphierend verkündet: ,die Mitarbeit arischer Fachleute' in dem Warenhaus Tietz sei gesichert. Im Sommer 1934 mussten die jüdischen Teilhaber der Firma Tietz völlig ausscheiden." Die Familie floh vor den Nazis in die USA. Nach dem Krieg einigte sich die Hertie-Geschäftsführung mit den Tietz-Erben außergerichtlich auf eine Entschädigung.

Auch Max Uhlfelder wurde von den Nazis tyrannisiert. Die meist von jüdischen Geschäftsleuten gegründeten Kaufhäuser waren den braunen Herrschern ohnehin ein Dorn im Auge, was Uhlfelder bald zu spüren bekam. Über eine - selbstverständlich inszenierte - "Demonstration" vor dem Kaufhaus im April 1933 berichtete der Völkische Beobachter in gewohnt zynischer Manier: "Das Rosental, wo sich die beiden Ramschgeschäfte Epa und Uhlfelder befinden, war von einer dichten Menschenmenge belagert.

Fast vollständig verzichteten die Volksgenossen, nachdem sie von SA-Posten in höflichster Weise über die Gefährlichkeit und Niedertracht der Juden aufgeklärt wurden, auf einen Einkauf in diesen Warenhäusern. Mit Gewalt wurde niemand daran gehindert, sein gutes deutsches Geld den Rassefremden nachzuwerfen, jedoch waren Käufer verschwindend geringe Ausnahmen. Ihre Namen wurden in den meisten Fällen festgestellt."

Noch schlimmer wurde der Terror in der Pogromnacht am 9. November 1938. Eine Nachbarin berichtete später: "Die großen Schaufensterscheiben wurden eingeschlagen, die Waren auf die Straße geworfen, zertreten und zerfetzt, zum Teil auch geplündert ... Die schöne Rolltreppe, die Uhlfelder vor ein paar Jahren als erstes Kaufhaus Münchens hatte einbauen lassen, wurde mit Brechstangen zerstört."

Am nächsten Tag verschleppten die Nazis Uhlfelders Sohn Harry ins Konzentrationslager Dachau, wo er mehrere Wochen in Haft blieb. Wenig später verfügten die bayerischen Behörden, das Kaufhaus zu liquidieren, was nicht wenigen Münchner Einzelhändlern ganz gut in den Kram passte. Die Historikerin Julia Schmideder schreibt in ihrem Beitrag zum Buch "München arisiert": "Durch die Liquidierung des Kaufhauses waren sie nicht nur einen lästigen und übermächtigen Konkurrenten losgeworden, sondern konnten sich auch zu Schleuderpreisen des Warenlagers und des Inventars bedienen. Im Falle Uhlfelder profitierten nachweislich 89 Einzelhandelsunternehmen vom Verkauf des Warenbestands."

Max und Harry Uhlfelder kamen mit dem Leben davon, es war ihnen gelungen, nach Indien zu emigrieren. Anfang der Fünfzigerjahre kehrte Max Uhlfelder in seine Heimatstadt zurück. Nach zähem Ringen im Wiedergutmachungsverfahren erhielt er seine Grundstücke wieder. Sein Kaufhaus aber war in den Bombennächten vom April 1944 untergegangen.

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SZ vom 27.06.2020/lfr
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