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SZ-Serie: Auf dem Sockel:Otto von Bismarck musste draußen bleiben

Eigentlich sollte die Bismarck-Statue direkt vor dem Deutschen Museum stehen - doch dort weigerte man sich.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Das Deutsche Museum wollte keine Statue des früheren Reichskanzlers, legte sich sogar mit den Nazis an. Heute steht sie ab vom Schuss und zeigt sich wenig heroisch.

Von Jakob Wetzel

Man kann nicht wirklich sagen, dass dieses Denkmal in München in Ehren gehalten würde. An der Boschbrücke, die vom Gärtnerplatzviertel zum Deutschen Museum hinüber führt, steht seit 1934 ein monumentales Standbild für Reichskanzler Otto von Bismarck (1815 - 1898) aus Porphyr. Der rechtsnationale Industrielle Paul Reusch hat die Figur einst gestiftet, entworfen hat sie der Bildhauer Fritz Behn, ein Verehrer Benito Mussolinis, der ansonsten vornehmlich Tierfiguren schuf.

Der Münchner Bismarck steht an der Erhardtstraße nicht nur ab vom Schuss, er dient auch als Ablageplatz für Zigarettenstummel und Kronkorken. Kopf und Schultern starren vor Vogelmist. Die Inschrift auf der Tafel, die zu Bismarcks Füßen an den "Ehrenbürger der Stadt München" erinnert, wurde mit roter Farbe übermalt.

Otto von Bismarck gilt als Gründer des Deutschen Reiches: Als preußischer Ministerpräsident bekämpfte er nicht nur die Liberalen und die Sozialisten im Land, sondern war auch die treibende Kraft dahinter, dass 1871 nach mehreren Kriegen ein von Preußen beherrschtes Reich entstand, das er dann durch ein Bündnissystem gegen Frankreich absicherte. Als Gastgeber einer Konferenz in Berlin organisierte Bismarck von November 1884 an zudem die Aufteilung Afrikas unter den europäischen Kolonialmächten; deshalb sind im Zuge der "Black Lives Matter"-Proteste wiederholt Bismarck-Statuen in Deutschland mit Farbe attackiert worden.

Getroffen hat es freilich nur einen Bruchteil der Denkmäler für Bismarck - und zwar schon deshalb, weil es derart viele von ihnen gibt. Bereits vor Bismarcks Tod im Jahr 1898, vor allem aber danach wurden in Deutschland sowie im heutigen Ausland Hunderte Denkmäler und Türme für ihn errichtet. In Bayern blieb die Verehrung zunächst eher verhalten. Doch seit 1895 ist Bismarck auch Ehrenbürger Münchens.

Zeit zum Nachdenken

Auch in Pasing steht eine Bismarck-Statue, ein Reiterstandbild als Brunnenfigur auf dem Wensauerplatz. Am vergangenen Samstag haben die Jusos im Münchner Westen bei einer Aktion unter dem Motto "#DenkMalNach" gefordert, die Statue in einen neuen Kontext zu stellen. "Denkmäler dienen der Erinnerung an historische Ereignisse, deren Bewertung sich mit der Zeit ändern kann", so Onat Cibooglu, Sprecher der Pasinger Jusos. "Historische Personen und Ereignisse müssen in einer demokratischen Gesellschaft in einem demokratischen Bezug stehen."

Errichtet wurde das Denkmal kurz vor dem Ersten Weltkrieg. 1984 verschwand die kleine Reiterfigur von ihrem Sockel. Die Umstände damals waren mysteriös. Es heißt, Männer in blauen Overalls seien mit einem Lastwagen vorgefahren und hätten das Kunstwerk des Bildhauers Joseph Floßmann demontiert. Augenzeugen dachten sich deshalb nicht groß etwas dabei. Weil der Bismarck jedoch nicht zurückkehrte, wurde die Statue schließlich durch eine Nachbildung ersetzt. Erst 2009 kehrte das Original wieder zurück auf den Brunnensockel.

Vertreter der Grünen und der SPD wollen nun einen Antrag an den Bezirksausschuss Pasing-Obermenzing stellen, das Brunnendenkmal durch eine künstlerische Umgestaltung in einen neuen, erweiterten historischen Kontext zu stellen. SZ

Die hiesige Statue sorgte von Beginn an für Ärger. Ihr Stifter Paul Reusch wollte sie prominent vor das Deutsche Museum stellen, vermutlich im heutigen Museumshof, sagt Wilhelm Füßl, der Leiter des Archivs des Museums. Doch das sei mit dem Gründer und Leiter des Museums, Oskar von Miller, nicht zu machen gewesen. Bismarck sei weder Ingenieur noch Naturwissenschaftler gewesen, und Politiker müssten draußen bleiben, argumentierte der.

Was Füßl zufolge etwas wohlfeil war, denn im Ehrensaal des Museums hing unter anderem ein Gemälde von König Friedrich II. von Preußen. Der Streit schaukelte sich hoch, von Miller legte sich mit rechtsnationalen Politikern ebenso wie mit Industriellen an. Die Nazis hetzten öffentlich gegen ihn: Ihnen war das Deutsche Museum sowieso zu international ausgerichtet; nun warfen sie von Miller vor, den Helden Bismarck zu verunglimpfen und das deutsche Nationalgefühl zu verletzen. Der Streit belastete das Museum.

1931 hatte der Bildhauer Fritz Behn genug: Wenn sein Bismarck nicht im Museum stehen durfte, dann eben davor. Er ließ die Figur eigenmächtig auf städtischen Grund vor die Kongresshalle stellen und legte einen Trauerkranz dazu, auf dem "beschämt und betrübt" zu lesen war. Die Stadt in Person des Oberbürgermeisters Karl Scharnagl (BVP) habe sich von der Aktion distanziert, sagt Füßl. Doch der Bismarck blieb stehen, bis er 1934, unter den Nazis, an seinen heutigen Platz gebracht wurde.

Warum das geschah, ist unklar. Vielleicht störte der Bismarck auch die neuen Machthaber. Womöglich aber galt ihnen die Boschbrücke auch als prominenter Ort. Auf der anderen Seite der Isar, wo heute das Deutsche und das Europäische Patentamt stehen, wollten sie ein Haus der Deutschen Technik bauen, eine Technik-Schule von wie üblich gigantischen Ausmaßen. Bismarck hätte dann im Zentrum gestanden. Tatsächlich steht er seither draußen vor der Brücke.

© SZ vom 29.07.2020/weij
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