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SZ-Serie: Auf dem Sockel:Eine Ikone und Peinlichkeit zugleich

Mit Eimer und Besen wacht die Kabarettistin Ida Schumacher über den Viktualienmarkt - und verkörpert dabei auch ein altes Klischee.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Die Bronzefigur von Ida Schumacher ist ein doppeltes Symbol

Von Ekaterina Kel

Auf ihr lastet eine schwere Bürde. Die kleine Bronzefigur von der Kabarettistin und Volkssängerin Ida Schumacher, die einen Brunnen auf dem Viktualienmarkt schmückt, muss neben einem Wassereimer, einem Besen und einem Schlüsselbund auch noch die symbolische Würde ihres Geschlechts tragen. Denn neben ihr gibt es in der ganzen Stadt laut der Feministin Claudia Mayr nur noch sieben andere Denkmäler, die überhaupt an Münchner Frauen erinnern. Und die Frage, wo sie denn alle bleiben und warum es im Gegensatz dazu gut hundert Männer-Statuen gibt, drängt sich im Kontext der weltweiten Forderungen nach Repräsentationsgerechtigkeit immer mehr auf. Eine Frau also, aber was für eine.

Das Problem der Ida-Schumacher-Bronze ist, dass sie nicht etwa eine ehrwürdige, respektable, emanzipierte oder politisch aktive Frau darstellt. Ihr Metier war das des harmlosen Humors. Sie brachte die Leute seit den 1920er-Jahren bis in die späten Fünfziger reihenweise zum Lachen mit ihren vulgären Witzen, von der feilschenden Eierhändlerin (Oardandlerin) oder der Putzfrau (genauer gesagt: Trambahnschienenritzenreinigungsdame). Ihre Figuren waren beliebt, populär, einfach, zugänglich. Ihre krächzende, gequetschte Stimme war ihr Markenzeichen, mit dieser ratschte sie nur so vor sich hin, im feinsten Bairisch. Die Ratschkathl, eine humoristische Figur von einer geschwätzigen Bayerin, wurde zwar ursprünglich von einer anderen Volksschauspielerin zum ersten Mal verkörpert - Elise Aulinger, die ein paar hundert Meter weiter auf dem Viktualienmarkt auf einem eigenen Brunnen sitzt - jedoch hat sich Ida Schumachers Darstellung der Ratschkathl den Münchnern wohl stärker ins kollektive Gehirn gebrannt.

Die Frauen Münchens, wenn sie schon in Bronze gegossen wurden, mussten hauptsächlich als Symbole herhalten. So gesehen ist die Figur der Ida Schumacher, entworfen von der Bildhauerin Marlene Neubauer-Woerner, eingeweiht im Jahr 1977, eine Überhöhung auf doppelter Ebene. Die einen können sich freuen, dass dank ihr immerhin eine Frau in Bronze gewürdigt wird. Die anderen erfreuen sich an dem Bildnis, für das sie steht, die Putzfrau, die etwas unterbemittelt, aber immer zum Brüllen komisch daherredet. Eine Ikone und eine Peinlichkeit zugleich. Zumal das Bild einer geschwätzigen Alten wiederum das Zeugnis eines männlichen Blicks auf die Frauen ihrer Generation ist, die erstens oft gezwungen waren, ihres Geschlechts und der mangelnden ökonomischen und gesellschaftlichen Möglichkeiten wegen die einfachsten Arbeiten zu verrichten, und die zweitens in ihrem Zuverdienst nur das machen konnten, was sie sowieso den ganzen Tag über Zuhause taten: putzen, auf die Kinder aufpassen, einkaufen, die heute so oft zitierte Care-Arbeit eben.

Wie war die Schumacher denn so? Daran kann sich heute keiner mehr erinnern. Die vielversprechende Singstimme verlor sie nach einer schweren Erkältung, im Kabarett nutzte sie das danach krächzende Organ zu ihrem Vorteil aber weiter. Angeblich sei sie in ihrem echten Leben eine "modebewusste Dame" gewesen, schreibt die Historikerin Martha Schad in ihrem Buch über Frauendenkmäler in München. "Sie liebte es, sich elegant zu kleiden und ohne einen Hut ging sie nie aus dem Haus." Im Jahr 1956, bereits mit 62, starb sie, begraben ist sie auf dem Waldfriedhof.

Einer, der Ida Schumacher noch erlebt hat, heißt Wolfgang Löscher. Der 85-Jährige stand als junger Musiker mit Schumacher auf der Bühne und begleitete ihre Scherze und die der anderen Humoristen am Klavier, die bei "Bunten Abenden" mit einem "volkstümlichen" Programm auftraten. Die festen Nummern - "immer an der Gürtelgrenze" -, wie Löscher sich erinnert, habe er irgendwann mal auswendig gekannt. Aus heutiger Sicht sind sie absolut harmlos, aber dann doch irgendwie hochaktuell: "Entschuldigen Sie bitte meinen Aufzug heut. Sie werden jetzt wahrscheinlich meinen, ich bin überfahrn worden, gell? Dabei war ich in der Stoßzeit drinnen. Ich bin mit der Trambahn gfahrn." Löscher sagt dazu nur: "Die Ida war halt die Ida."

Zu Elise Aulinger, der Ursprungs-Ratschkathl und eine der beiden anderen Volkssängerinnen auf dem Viktualienmarkt (die dritte ist Liesl Karlstadt), hat Löscher ebenfalls eine besondere Verbindung: Sie war seine Großmutter. Als Gymnasiast habe er immer an den Wochenenden mit seiner Großmutter Aulinger Rommé gespielt, erinnert sich Löscher.

An einem sonnigen Nachmittag plätschert unter Schumachers Denkmal das Wasser aus dem Schnabel einer Gans. Man wäscht sich die Hände, füllt die Trinkflasche auf, der Hund kriegt auch was. Vielleicht kommt man ins Ratschen mit einem Münchner, oder einem Touristen, über das Wetter, Gott und die Welt. Die Frauenbrunnen sind Oasen des Plauschs und des Päuschens geworden. Kein Krieg, kein Säbel, kein Hoch-zu-Ross. "Sympathisch", findet Löscher. "Die weisen darauf hin, dass so eine Stadt auch was Friedfertiges hat." Bleibt die Frage, ob berühmte Münchnerinnen von früher nicht auch noch andere Dinge drauf hatten.

© SZ vom 24.07.2020

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