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Isartal:78 Kilometer Mountainbike-Strecken entlang der Isar geplant

Flaucheranlagen in München, 2014

Mountainbiken erfreut sich großer Beliebtheit. Doch die sportlichen Radfahrer sind nicht bei allen beliebt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Mountainbiker und Umweltschützer haben zusammen ein Routennetz erarbeitet. Es soll sicherstellen, dass der Sport naturverträglich bleibt. Die Umsetzung der Kompromisse scheiterte bisher an der Stadt.

Von Martin Mühlfenzl und Carina Seeburg

Von der unscheinbaren Schlingnatter bis zur gefleckten Gelbbauchunke. "So viele Amphibien- und Reptilienarten wie im Oberen Isartal gibt es in kaum einem anderen bayerischen Talraum", sagt Manfred Siering, passionierter Naturschützer und Vorsitzender der Ornithologischen Gesellschaft in Bayern.

Über Jahrtausende habe dieser Raum allein der Natur gehört. Durch die Nähe zum Münchner Stadtgebiet ist das Isartal jedoch zunehmend dem Nutzungsdruck durch Erholungssuchende ausgesetzt. Besonders Mountainbiker schätzen das, was die Natur im Isartal für sie bereithält: schmale, anspruchsvolle Trails und ein weit verzweigtes Streckennetz. Der Konflikt zwischen Naturschutz und Freizeitsport schwelt seit Jahren.

Im Ringen um Lösungen haben sich Naturschutzverbände und Radsportvereine in den vergangenen Jahren aufeinander zubewegt und im November 2017 ein gemeinsames naturverträgliches Lenkungs- und Zonenkonzept vorgelegt. Allein an der Umsetzung hapert es. Seit Jahren hängt das Projekt in der Warteschleife. Grund für die Verzögerung sind Unklarheiten bei der Verkehrssicherungspflicht und die gemeinsame Trägerschaft von Stadt und Landkreis München für das Projekt.

Nun aber kommt erneut Bewegung in die Sache. Die stark verästelten Trails sollen wieder ausgedünnt und die Belastung auf ein naturverträgliches Maß reduziert werden. Als Fauna-Flora-Habitat (FFH) ist das Obere Isartal im europäischen Schutzgebietsnetz Natura 2000 verzeichnet und unterliegt damit einem "Verschlechterungsverbot". Künftig soll das Mountainbiken im Isartal daher auf festgelegte Wege beschränkt und gelenkt werden, um so Schutz- und Ruhezonen für Tiere und Pflanzen entlang der Isar zu ermöglichen.

Jahrelange Vorarbeit

"Natur-Erholung Isartal im Süden von München" nennt sich das Projekt, das den Konflikt zwischen Naturschutz und Freizeitnutzung in diesem wichtigen Teil des eurpäischen Schutzgebietsnetzes Natura 2000 (FFH-Gebiet) lösen soll. Mit 150 000 Euro hat der Bayerische Naturschutzfonds dieses Bemühen von März 2014 an unter der Trägerschaft von Stadt und Landkreis München gefördert. An dem nun fertig gestellten Lenkungskonzept haben Vertreter der Sport- und Naturschutzverbände wie die Initiative Mountain-Bike DIMB, der MTB-Club München, der Deutsche Alpenverein, der Isartalverein, der Bund Naturschutz, die Ornithologische Gesellschaft Bayern und der Landesbund für Vogelschutz sowie die Isarteilgemeinden, die wichtigsten Grundeigentümer im Isartal, das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Ebersberg und das Sportamt der Landeshauptstadt München mitgearbeitet. Unter Beteiligung der Öffentlichkeit haben mehrere Workshops stattgefunden. case

Ein "schwerer Happen" für die Biker und die Naturschützer

Das Routennetz ist ein Kompromiss. "Für die Mountainbiker ist das, was aus der Projektarbeit herausgekommen ist, ein schwerer Happen - für die Naturschützer aber auch", sagt Walter Dörfler, Gründungsmitglied des MTB-Clubs München. Ebenso wie Siering hat Dörfler über dreieinhalb Jahre an dem Lenkungskonzept mitgearbeitet, um das Naturschutz- und Fahrradverbände so lange gerungen haben.

78 Kilometer

umfasst das Wegenetz für Mountainbiker, das Naturschutz- und Sportverbände mit den Isartalgemeinden sowie Behörden ausgearbeitet haben. 28 Kilometer davon weisen einen klassischen Trail-Charakter auf. Das heißt, es sind unbefestigte Wege mit einer Breite unter zwei Metern.

"Auch Mountainbikern ist daran gelegen, die Natur im Isartal zu erhalten", sagt Sarah Wälde vom Vorstand des Vereins. Viele Radsportler seien im Naturschutz tätig. Eine klar ersichtliche Beschilderung der ausgewiesenen Routen und Schutzgebiete aber auch Hinweisschilder zu Brutzeiten und Krötenwanderung erachte sie als sinnvoll - dies nicht nur für Biker, sondern auch für Hundebesitzer.

Konkret sieht der Entwurf laut Landratsamt ein Routennetz auf einer Gesamtstrecke von 78 Kilometern entlang des West- und Ostufers der Isar vor. 28 Kilometer davon sollen auf unbefestigten Wegen verlaufen und damit Trailcharakter haben. Die Kosten für die Ersteinrichtung liegen nach Angaben des Landratsamts bei 100 000 bis 150 000 Euro. Wegeneubau sei nicht erforderlich. Die Routen würden auf bereits vorhandenen Wegen ausgewiesen. Hinzu kämen laufende Kosten für Instandhaltung und ein Monitoring durch Gebietsbetreuer, die möglichst selbst Mountainbike fahren und kontrollieren, ob die Wegeregeln eingehalten werden.

Grundsätzlich hat die Landeshauptstadt ihre Bereitschaft erkennen lassen, sich zu 50 Prozent an den Kosten in Höhe von etwa 110 000 Euro für die Gebietsbetreuung in den Jahren 2020 bis 2022 zu beteiligen. Hierfür gibt es sogar einen entsprechenden Stadtratsbeschluss aus dem Jahr 2018. Allerdings hat die Landeshauptstadt einer gemeinsamen Trägerschaft von Stadt und Landkreis für die Gebietsbetreuung noch nicht zugestimmt, was vor allem im Kreistag Missstimmung hervorgerufen hat.

Im Februar beschloss der Umweltausschuss des Kreistags, noch einmal in Verhandlungen mit der Landeshauptstadt einzutreten, um eine entsprechende Finanzierungsvereinbarung auf den Weg zu bringen, um das Lenkungskonzept endlich umsetzen zu können. Zudem beschloss der Ausschuss, das Konzept in eine verbindliche Rechtsordnung im Rahmen des Bayerischen Naturschutzgesetzes zu gießen.

Es geht auch um Versicherungsschutz

Denn was die Kreispolitiker verhindern wollen, sind zusätzliche Versicherungspflichten, die auf den Landkreis beziehungsweise das Landratsamt zukommen könnten. Stünde der Landkreis in der Haftung, müssten etwa verstärkte Baumkontrollen erfolgen, um "atypische Gefahren und lebensbedrohliche Fallen" ausschließen zu können. Ein Verordnungserlass, heißt es aus dem Landratsamt, werde sich nicht negativ auf die Mountainbiker auswirken.

Dass sich nicht alle Mountainbiker an international bekannte "Trail Rules" halten, räumt auch Wälde ein. Sie könne nur an den gesunden Menschenverstand appellieren und aufklären. "Ein respektvolles Miteinander aller Naturnutzer" sei Grundvoraussetzung für die Lösung des Konflikts. Es sollte selbstverständlich sein, sich an allgemeine Wegeregeln zu halten, so Wälde. Dazu gehöre, zum Schutz der Natur nur auf Wegen zu fahren, keine Spuren durch waghalsige Bremsmanöver zu hinterlassen und seine Geschwindigkeit bei der Vorbeifahrt an Menschen und Tieren rücksichtsvoll zu reduzieren. Auch Nachtfahrten mit Kopflampe seien zum Schutz der Tierwelt tabu. Die Aufklärung darüber gehöre auch zur Kinder- und Jugendarbeit im Verein.

Wie sehr gerade bodenbrütende Tiere durch das weit verzweigte Wegenetz im Isartal gestört werden, davon weiß Manfred Siering zu berichten: "Wenn Uhu-Junge ihr Nest verlassen, dann fliegen sie nicht zum nächsten Baum." Die größte Eulenart der Welt übe sich als Fußgänger zunächst im Marschieren, Springen und Klettern bis die Vögel mit acht Wochen erste Flugversuche starten. Auch Zaunkönig und Rotkehlchen seien Bodenbrüter. Vorbeirasende Biker würden die Tiere im Isartal massiv stören und immer wieder auch verletzen oder töten.

Seit 47 Jahren leitet Siering regelmäßig Exkursionen durch die Tier- und Pflanzenwelt des Isartals. Dabei werde es immer schwerer, bestimmte Arten zu entdecken. Manche begegnen ihm gar nicht mehr. Auch ohne das Zutun der Mountainbiker könne man das Artensterben im Isartal beobachten. "Die dramatisch wachsende Anzahl an Freizeitsportlern" verschärfe das Problem aber. "Der Sport erlebt einen Boom", bestätigt auch Sarah Wälde im Hinblick auf das Mountainbiken. Es sei nicht zu erwarten, dass der Andrang in die Sportart abebbe, und er sollte somit ernst genommen werden. "Fußballplätze gibt es viele" - auch zum Mountainbiken sollten stadtnahe Nutzflächen zum Training eingeräumt werden. Pauschalurteile gegen Biker seien ebenso wenig angebracht wie es falsch sei, das Mountainbiken im Isartal in die Illegalität zu rücken.

Gerade jugendlichen Bikern fehle oft die Möglichkeit, stadtferne Strecken anzufahren. Lösungen müssten gemeinsam gesucht werden - durch intelligente Lenkung auf einem markierten Wegenetz, aber auch durch Ausweichflächen, die das Isartal entlasten. Dann sei für beides Platz: Für den Freizeitsport und für die Natur.

© SZ vom 10.06.2020

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