Kita-Streik in München:"Ich bin sauer, stinksauer"

Kita-Streik in München: Die Demonstrantinnen und Demonstranten fordern am Stachus nicht nur mehr Geld, sondern auch bessere Arbeitsbedingungen in Kitas.

Die Demonstrantinnen und Demonstranten fordern am Stachus nicht nur mehr Geld, sondern auch bessere Arbeitsbedingungen in Kitas.

(Foto: Mark Siaulys Pfeiffer)

Rund 1500 Beschäftigte im Sozial- und Erziehungsdienst folgen dem Streikaufruf der Gewerkschaft Verdi. Es geht um Geld, Personal - und Anerkennung.

Von Julian Meier

Wenn Isabel am Abend von der Arbeit nach Hause kommt, dann will sie von der Welt nichts mehr wissen. "Dann brauche ich kein Radio mehr, kein Buch mehr, dann brauche ich nichts mehr." Der Personalmangel ist für sie nicht nur eine Floskel, nein, sie spürt ihn ganz direkt. Isabel arbeitet als Kooperationsbeauftragte für den Übertritt vom Kindergarten in die Schule. Früher einmal hatte sie in ihrem Beruf maximal zwölf Kinder zu betreuen. Heute sind es immer öfter 20 und mehr - und das bei einer Arbeitszeit von 26 Stunden pro Woche. Wie auch viele andere auf der Demo beim Münchner Kita-Streik an diesem Mittwoch will Isabel ihren ganzen Namen nicht nennen.

Der Personalmangel hat direkte Auswirkungen auf ihren Arbeitsalltag. "Ich muss auch mal aufs Klo. Was mache ich dann mit den Kindern?" Ob die 47-Jährige ihren Beruf auch dann aufgenommen hätte, wenn sie zuvor gewusst hätte, was sie erwartet? "Ich glaube nicht. Zumindest nicht in dieser Form", antwortet sie ohne zu zögern.

Während sie das erzählt, schiebt sie einen Wagen mit allerlei Protestsprüchen Richtung Stachus. Eine Kolonne aus Demonstrierenden legt die Münchner Innenstadt zeitweise lahm. Die bunte Menge zieht um 10 Uhr vom Augustiner-Keller los, hüllt dann die Arnulfstraße in ein Fahnenmeer, bevor sie sich vor dem Karlstor zu einer Kundgebung versammelt. Rund 10 000 Beschäftigte im Sozial- und Erziehungsdienst hatte die Gewerkschaft Verdi zum Streik aufgerufen. Etwa 1500 sind dem Aufruf nach Angaben des Veranstalters gefolgt.

Verdi fordert 10,5 Prozent mehr Gehalt für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst, zumindest aber 500 Euro mehr. Zusätzlich soll die Laufzeit des Tarifvertrags auf ein Jahr begrenzt werden. "Im Moment ist überhaupt nicht absehbar, wie sich die Inflation entwickelt, deswegen ist uns die kurze Laufzeit wichtig", erklärt Verdi-Gewerkschaftssekretärin Merle Pisarz. Auszubildende, Studierende und Praktikanten sollen 200 Euro monatlich mehr erhalten und zusätzlich die Aussicht auf eine unbefristete Übernahme.

Mit besserer Bezahlung könnte das Berufsfeld wieder an Attraktivität gewinnen

Denn für das Leben in München reiche das Geld im Moment nicht. "Die Mieten hier könnte ich mir nicht leisten", sagt Mandy, die als stellvertretende Leiterin in einem Haus für Kinder arbeitet. Sie selbst wohnt in Fürstenfeldbruck. Was sie ebenfalls umtreibt, ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Sie hat Angst, nicht mehr in Teilzeit arbeiten zu können, weil es an allen Ecken und Enden an Personal mangelt. "Die Zukunft schaut im Moment nicht gut aus, weil kein Nachwuchs nachkommt", sagt sie. Überall werde nur versucht, Löcher zu stopfen. "Wir sind aber nicht nur für die Betreuung da, sondern auch für die Bildung."

Mit besserer Bezahlung könnte das Berufsfeld wieder an Attraktivität gewinnen. Das bisherige Angebot der Arbeitgeber - zusammengenommen fünf Prozent mehr bei einer Laufzeit von 27 Monaten - stellt am Stachus niemanden zufrieden. "Ich bin sauer, stinksauer. Dieses Angebot ist ein Schlag ins Gesicht aller Beschäftigten im öffentlichen Dienst", brüllt Susanne Bouhouda, die im Personalrat für den Sozialbereich arbeitet. Die Menge jubelt. Nach ihrer Rede kommt der fast schon obligatorische Schlachtruf: "Heute ist kein Arbeitstag, heute ist: Streiktag!"

Betroffen von den Streiks am Weltfrauentag sind vor allem städtische Kitas, Horte und Häuser für Kinder. Nach Auskunft des Referats für Bildung und Sport bleiben 264 Einrichtungen komplett geschlossen, 43 teilweise. Bei insgesamt 450 städtischen Einrichtungen entspricht das einer Quote von 68 Prozent.

Die Gewerkschaft GEW verteilt auf dem Karl-Stützel-Platz rote Mützen und Fahnen, bevor sie sich dem Verdi-Demonstrationszug anschließt. Aber auch in einigen Münchner Eltern-Kind-Initiativen schließen sich Erzieherinnen und Kinderpfleger dem Warnstreik an. Wie viele das genau sind, konnte auch der Dachverband Kleinkinder Tagesstätten (KKT) nicht sagen. "Es gibt EKIS, die auch schließen und sich am Streik beteiligen, EKIs, die geöffnet haben und Kinder betreuen und EKI-Personal, das sich solidarisieren will, denen aber die Möglichkeit verwehrt wird", sagt Ulrich Dietze aus dem Vorstand des KKT.

Das Haus für Kinder, in dem Mandy arbeitet, blieb am Mittwoch ebenfalls geschlossen. Auch für ihr eigenes Kind. Deshalb läuft ihre kleine Tochter beim Protestzug durch die Münchner Innenstadt mit. Ob die ganze Aktion etwas bringen wird? "Ich kann es nur hoffen", sagt Mandy. Zuversichtlich wirkt sie nicht.

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