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Corona-Tests an Schulen:Erst Mathe, dann Gurgeln und Spucken

Pilotprojekt Bavarian International School

Corona-Test, selbstgemacht: An der Bavarian International School füllt der achtjährige Benny Wasser in einen Becher, mit dem er gleich gurgeln wird.

(Foto: Robert Haas)

Ein Pilotprojekt soll helfen, Corona-Ausbrüche in Schulen frühzeitig zu erkennen: mit Rachenspülungen und einem "Speichelspuck-Klassenpool". Pro Klasse dauert das etwa eine Minute.

Von Jakob Wetzel

Angenehm? Naja, es gebe schon angenehmere Dinge, sagt die 17-jährige Zara. Die Schülerin steht in der Turnhalle der Bavarian International School (BIS), und gerade eben hat sie zwischen zwei Stellwänden in eine braune Plastikflasche gespuckt, in der bereits der Speichel der halben Klasse schwamm. Die Schule nennt das einen "Speichelspuck-Klassenpool". Immerhin: Sehen könne man davon beim Hineinspucken selber nichts, riechen auch nicht, sagt Zara. Das finde alles nur im Kopf statt.

An der BIS in Haimhausen bei Dachau ist am Donnerstag ein Pilotprojekt zu Ende gegangen: Die Schule, die neben ihrem dortigen Standort auch ein Haus in München betreibt und insgesamt etwa 1200 Schüler zählt, und der Augsburger Laborbetreiber Synlab haben drei Wochen lang ausprobiert, wie man ganze Klassen effizient auf das Coronavirus testen kann. Dafür, jeden Schüler einzeln zu testen, reichen die Kapazitäten nicht, deshalb ist die Idee, die Tests zu bündeln: Die Schülerinnen und Schüler spucken nacheinander in einen Gemeinschaftsbehälter, der eine virus-inaktivierende Flüssigkeit enthält. Das Gemisch wird dann einem PCR-Test unterzogen.

Damit könne man zwar nicht zuverlässig jede Infektion diagnostizieren, sagt der Biochemiker Alexander Hauenschild von Synlab, der das Projekt entwickelt hat. Es gehe aber auch gar nicht darum, alle Infizierten zu finden, sondern um die sogenannten Superspreader: "Leute, die durch eine Bar gehen und dabei 20 andere anstecken", obwohl sie selbst vielleicht gar keine Symptome zeigen. Viele Corona-Infektionen seien auf solche hoch ansteckenden Personen zurückzuführen, sagt Hauenschild. Wenn in einer Klasse jemand mit derart großer Viruslast sitze, dann zeige das der Test zuverlässig. Und dann könne die Klasse zum Einzeltest antreten.

Mit solchen Pool-Tests könne man Corona-Ausbrüche frühzeitig eingrenzen, sagt Schulleiterin Chrissie Sorenson. An ihrer Schule haben zehn Klassen verschiedener Altersstufen an dem Pilotversuch teilgenommen, sie kamen immer montags und donnerstags in die in ein kleines Testzentrum verwandelte Turnhalle, um zu spucken. Pro Klasse dauert das etwa eine Minute. Und das habe sich auch schon bewährt, sagt Sorenson: Ende Oktober schlug der PCR-Test beim Speichel-Pool einer achten Klasse an. Bereits am nächsten Tag kamen die Kinder zum Einzeltest - und so fanden sie heraus, dass ein Schüler, der keinerlei Symptome zeigte, viele Viren im Rachen trug. Er habe kein weiteres Kind in seiner Klasse angesteckt, sagt Sorenson. Die Hygiene-Maßnahmen der Schule hätten sich also ebenfalls bewährt.

Die braunen Plastikbehälter enthalten die Spucke jeweils einer Klasse.

(Foto: Robert Haas)

In der Turnhalle der BIS haben die Schüler nicht nur geübt, gemeinsam in eine Flasche zu spucken. Einzelne Schüler sowie eine komplette fünfte und eine zwölfte Klasse haben zur Kontrolle außerdem jedes Mal zusätzlich Einzeltests gemacht - und zwar eigenständig, ohne professionelle Hilfe, per Rachenspülung, nicht per Abstrich. Entsprechende Test-Kits gebe es bereits im Handel, sagt Hauenschild von Synlab: Man gurgelt zehn Sekunden mit Wasser, spuckt in einen durchsichtigen Becher und zieht das Ergebnis in ein kleines Röhrchen. Das wandert dann ins Labor.

Ein solcher Test sei angenehmer als ein Abstrich durch die Nase, den sie auch einmal habe machen müssen, erzählt Zara, die mittlerweile bereits sechs Mal gegurgelt hat. Die Fünftklässler bekommen das ebenso hin wie die Älteren. Und im Grunde könnten das auch Kita-Kinder, sagt Hauenschild. Vor einem Schluck Wasser habe ja niemand Angst, anders als vor einem langen Abstrichtupfer. Gurgeln und Spucken könne jeder, der sich die Zähne putzen kann.

Die Kosten für das Pilotprojekt an der Bavarian International School trägt Synlab; man habe etwa 30 000 Euro an Material investiert, sagt Hauenschild - und man kooperiere bei Interesse gerne auch mit öffentlichen Schulen. Auf die BIS sei die Firma zum einen über persönliche Kontakte an der Internationalen Schule Augsburg gekommen - und die BIS sei auch prädestiniert gewesen, weil sie ein eigenes "Health Department" hat.

Dieses leitet Krankenschwester Julia Lönker; sie und ihr Team kümmern sich ansonsten, wenn sich Schüler oder Lehrer verletzen oder Medikamente brauchen. Jetzt haben sie das Testzentrum in der Turnhalle organisiert, haben Laufwege festgelegt, Tische und Trennwände aufgestellt und anhand der Stundenpläne der Klassen deren Spuckzeiten bestimmt, um möglichst wenig Unterricht zu stören. Das sei aber alles kein Hexenwerk, sagt Lönker, und wenn erst einmal alles aufgebaut sei, halte sich der Aufwand in Grenzen.

Eine umgebaute Turnhalle muss freilich gar nicht unbedingt sein. Das Ziel sei eigentlich, dass die Schüler direkt in ihren Klassenzimmern in die Behälter spucken, sagt Hauenschild. Wenn man mit Hilfe der Spuck-Pools flächendeckend nach Superspreadern suchen könne, wäre das ein echter Beitrag zur Pandemie-Bekämpfung, hofft er. Doch wie es mit der Idee weitergeht, ist noch offen. Man wolle sich als Nächstes mit Schulen und Gesundheitsämtern zusammensetzen, sagt Hauenschild. Und dann sehen, was sich umsetzen lasse.

© SZ vom 13.11.2020/kafe/van
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