SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 141:Folge eines Traumas?

SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 141: Der Herzschlag der Patientin von Pola Gülberg wurde mittels EKG überwacht.

Der Herzschlag der Patientin von Pola Gülberg wurde mittels EKG überwacht.

(Foto: Henning Kretschmer)

Eine Patientin von Pola Gülberg erbricht sich, hat Durchfall und Herzrhythmusstörungen, aber es findet sich keine körperliche Ursache. Vielleicht liegt es an der Vergangenheit der Frau: Sie ist aus der Ukraine geflohen.

Protokoll: Johanna Feckl, Ebersberg

Vor einiger Zeit betreute ich eine Patientin mit einer Reizleitungsstörung des Herzens - sie war zu Hause wie aus dem Nichts zusammengeklappt, das war ihr wohl schön öfter mal passiert. Im Krankenhaus dann kam sie auf die Herzstation an den Überwachungsmonitor. Dort musste sie sich mehrmals erbrechen und bekam Durchfall. Mit Verdacht auf einen Infekt kam die Frau auf die Intensiv, weil es nur bei uns Isolationszimmer gibt.

Doch bei uns stellte sich schnell heraus: Die Patientin hatte keinen Infekt, alle Tests fielen negativ aus. Und ihr EKG, mit dem wir ihren Herzschlag überwachten, zeigte auch keinerlei Auffälligkeiten. Aber man fällt nicht grundlos mehrere Male einfach um, bekommt Durchfall und muss sich erbrechen. Was hatte die Frau bloß?

Als mir mein Kollege aus der Frühschicht die Patientin übergab, sagte er mir, dass sie kaum Deutsch spreche: Die Frau war vor dem Krieg in der Ukraine geflohen und noch nicht allzu lange hier. Ich betrat also ihr Zimmer, winkte ihr zur Begrüßung mit der Hand zu, zeigte dann auf mich und sagte: "Hallo, mein Name ist Pola." Sie blickte mich an und lächelte - sie hatte mich verstanden.

Es fällt mir nicht schwer, mit Händen und Füßen zu sprechen. Vielen ist das peinlich. Mir überhaupt nicht. Ich erreiche dadurch mein Ziel, nämlich die Kommunikation mit meinen Patienten. Warum sollte mir das peinlich sein?

Durch Gestikulieren konnten wir freilich nicht herausfinden, was der Frau fehlte. Aber als die Tests körperliche Ursachen ausgeschlossen hatten, führte uns das zu einem anderen Verdacht: Möglicherweise hatte unsere Patientin eine posttraumatische Belastungsstörung, oder kurz PTBS - ein Krankheitsbild, das wir bei geflüchteten Menschen immer mitdenken müssen, denn die meisten erleben ihre Flucht als traumatisch. Und PTBS kann eine Erklärung für ein weites Feld an körperlichen Beschwerden liefern.

SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 141: Intensivfachpflegerin Pola Gülberg von der Ebersberger Kreisklinik.

Intensivfachpflegerin Pola Gülberg von der Ebersberger Kreisklinik.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

So kann extremer Stress, der etwa durch ein bestimmtes Geräusch oder eine bestimmte Erinnerung getriggert wird, durchaus Übelkeit bis hin zu Erbrechen verursachen, ebenso wie Durchfall. Und Erbrechen wiederum kann einen sogenannten Vagusreiz auslösen. Der Vagusnerv verläuft am Gesichtsfeld entlang und weiter den Rachen hinab. Reizt man ihn an einem bestimmten Punkt, zum Beispiel durch den kleinen Schlauch, mit dessen Hilfe wir intubierte Patienten absaugen, oder aber durch extrem starkes Husten sowie Erbrechen, kann das zu Herzrhythmusstörungen führen.

Vieles im Zusammenhang von PTBS mit veränderten körperlichen Eigenschaften ist in der Medizin noch unklar. Um sie zu heilen, ist in den meisten Fällen auch eine psychotherapeutische Behandlung notwendig. Ich hoffe sehr, dass meine Patientin eine erhalten hat, auch wenn ich nicht absolut sicher weiß, ob sie tatsächlich an einer PTBS erkrankt war - da sie keinen Infekt hatte, wurde sie wieder auf Normalstation verlegt. Aber es wäre die logischste Erklärung für ihre Symptome.

Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 39-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit an der Kreisklinik in Ebersberg. Die gesammelten Texte sind unter sueddeutsche.de/thema/Auf Station zu finden.

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